Interview

Elektrozaun verboten. Wisente nicht.

23.01.2013 (bz) - Die Wenigsten wissen, dass die Heraus­geber des Sicherheits-Berater wie auch dieses News­let­ters keine reinen Journalisten sind, sondern Sicherheits­berater und -planer – also Praktiker. Rainer von zur Mühlen (vzm) ist der Gründer der ältesten Sicherheits­beratung Deutsch­lands, Gründungsjahr 1972. Sie tritt heute als VZM-Gruppe auf. Peter Stürmann (stp) ist Geschäfts­führer dieser Gruppe und bringt ebenfalls drei Jahrzehnte Beratungs- und Planungspraxis mit. Bernd Zimmermann (bz), der die Redaktion des Sicherheits-Berater und von Sicherheits-Berater direkt betreut, befragte die beiden "Urgesteine" zum Thema Kreativität in der Sicherheits­planung. 

Interview: Der Faktor Kreativität in der Sicherheitsplanung.

bz: Herr von zur Mühlen, Sie sind Autor des Buches „SICHERHEITSMANAGEMENT. Grundsätze der Sicherheitsplanung“. Wenn Sicherheit planbar ist – wo bleibt da noch Raum für Kreativität?

vzm: Ich sehe hier überhaupt keinen Widerspruch. Kreativität ist immer dann gefragt, wenn Alternativen in der Sicherheitsplanung gefragt sind und wenn man etwas besser machen will als es bisher immer gemacht wurde. Aber ich verstehe den Hintergrund Ihrer Frage: Sie halten Kreativität für das Ergebnis göttlicher Eingebung oder für einen Geistesblitz, der nichts mit Planung zu tun hat ...

bz: Man vermutet eben Kreativität vorzugsweise im künstlerischen Bereich und nicht in der Sicherheitsplanung, die auf fast wissenschaftliche Weise und mit zwingender Logik Schutzziele erfüllt.

stp: Man kann es mit Architektur vergleichen. Gute Architekten bauen keine Schachteln, sondern Räume für Funktionen. Schutzziele müssen in Funktionen umgesetzt werden. Andernfalls hat die Sicherheitsberatung versagt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Schutzziele im Vorfeld der Planung angemessen definiert wurden. Wie Sie dann die Schutzziele auf möglichst effektive – und vor allem auch effiziente Art - erreichen, hängt von Ihrer Qualität als Sicherheitsberater ab. Und genau das meint „VZM“, wenn er die Kreativlösung als alternative Option ins Spiel bringt.

Wir haben zum Beispiel ein Einkaufszentrum beraten, in dem Punker in den Gängen wegelagerten - mit abschreckender Wirkung auf die Kundschaft und verheerenden Folgen für den Umsatz. Das Schutzziel lautete also: Punker fernhalten, Schaufenster und Läden für Kunden zugänglich machen. Klassischerweise hätten wir in dieser Situation die gesamte Sicherheitskette von der Videoüberwachung über die Alarmierung und bei der Durchsetzung des Hausrechts bis hin zum Einsatz von Security-Personal oder Polizei empfehlen können. Wir hatten Bauchschmerzen bei dem Gedanken an eine Konfrontation, die auch schnell hätte eskalieren können. Also haben wir uns überlegt, wie wir den Aufenthalt im Shoppingparadies für Punker unattraktiv, oder besser: zur Hölle machen, ohne zeitgleich die Kundschaft zu brüskieren.

bz: Die freundlichen Herren von der Security, oder gar die Polizei, besitzen bekanntlich ein gehöriges Durchsetzungsvermögen ...

stp: ... von dem sich Punker nicht unbedingt beeindrucken lassen, nein, wir haben dem Management empfohlen, die für Durchsagen vorhandene Lautsprecheranlage zu nutzen und gezielt Hits von Heintje, Heino, Anneliese Rothenberger oder Rudolf Schock abspielen zu lassen. Das Problem löste sich damit sehr schnell in Luft auf. Punks meiden bekanntlich volkstümliche Musik wie der Teufel das Weihwasser.

vzm: Beim Stichwort „Wasser“ fällt mir sofort „Feuer“ ein. Und ich denke an die Rutsche als Brandschutzmaßnahme.

stp: Stimmt, wir standen bei einem Evakuierungskonzept für eine Kindertagesstätte vor der Frage, wie wir die Kinder im Falle eines Brandes auf schnellstem Wege aus dem ersten Stock ins sichere Freigelände bekommen. Fast 150 Kinder, die in Panik und völlig orientierungslos eine Treppe herunterstolpern, waren eine richtige Horrorvision für uns. Dann kam uns die bei einem Kindergarten eigentlich naheliegende Idee, im ersten Stock eine Fluchtweg-Rutschbahn anbauen zu lassen. Selten waren Kinder mit so viel Spaß bei einer Brandschutzübung dabei. Als Belohnung dürfen sie auch öfter üben!

bz: Solche Kreativlösungen dürften dann in aller Regel Exotenlösungen bleiben, die schnell wieder in Vergessenheit geraten?

stp: Ob Heinomusik noch an anderen Stellen zur Abschreckung eingesetzt wurde, haben wir leider nicht verfolgt.

vzm: Die Kindergartenrettungsrutsche sprach sich jedenfalls in der Fachwelt rum. Es fand sich auch ein Hersteller, der diese Brandschutzrutsche in sein Programm aufnahm und als Röhre aus nicht brennbarem Material gestaltete – ohne Absturzgefahren und mit einem unfallsicheren Ein- und Ausstieg. Heute sieht man so etwas an vielen Kindertagesstätten.

stp: Auch unsere Lösung, die Fixer daran hindert, sich auf der Kaufhaustoilette den goldenen Schuss zu setzen, sieht man inzwischen weltweit! In Kinotoiletten wie auch gastronomischen Betrieben oder anderen Kaufhäusern. Da wird das zumeist mit billigem Blau erreicht. Wir planten mit einem Physiker ein hellgleißend bläuliches Licht, das wir ja alle von entgegenkommenden Xenonscheinwerfern kennen. Das Licht sollte verhindern, dass man seine Venen erkennen kann. Wer seine Venen nicht findet, findet auch keine geeignete Injektionsstelle für die Nadel. Auch diese Lösung, auf die man erst einmal kommen muss, ist sowohl hochwirkam als auch extrem unaufwendig.

Bei einem Kölner Geschäfts- und Ärztehaus, bei dem man vor lauter Straßenmusikanten die Herztöne der Patienten nicht abhören konnte, haben wir mit dezenter und gerichteter Musik (Klassik von Bach, Telemann und anderen) erreicht, dass sich vor dem Haus keine Straßenmusiker mehr aufstellten.

bz: Und, hat es funktioniert?

vzm: In der Toilette des Einkaufzentrums hat es seit fast 20 Jahren keine Fixer mehr gegeben.

bz: Wie kommt man denn auf eine solche Lösung?

stp: Auf die Idee mit dem blau getönten Licht kamen wir, als wir über das „blaue Blut“ von Herrn von zur Mühlen scherzten! Meist aber ist es das Ergebnis eines Analyseprozesses. Herr von zur Mühlen setzt sich zum Beispiel gern hin und konstruiert einen Mindmap-Baum. Er durchdringt das Problem sozusagen systematisch in all seinen Verästelungen. Das regt ihn einfach an und er erfindet die tollsten Dinge, die wir in den letzten vier Jahrzehnten auch zum Patent hätten anmelden können.

vzm: Als aus dem blauen Blut das blaue Licht wurde, habe ich auch Nachteile untersucht. So kam ich darauf, dass unter dem harten Licht jeder Mensch vor einem Spiegel, pardon, wie ausgekotzt aussehen müsste. Also empfahlen wir dem Kunden, neue Toilettenspiegel in leichter Brauntönung. Das Ergebnis konnte sich wirklich sehen lassen!

bz: Gelingen solche Kreativlösungen eigentlich oft?

vzm: Ja, viel öfter als man selber denkt. Wir sind aber auch in der glücklichen Lage, dass wir kreativ sein können und dürfen: Da wir als Unternehmensberatung erklärtermaßen absolut herstellerunabhängig arbeiten, geht es uns weder darum, Strategien mit dem höchstmöglichen Materialeinsatz anzubieten, noch darum, über eine wertabhängige Gebührenordnung unseren Wohlstand zu mehren. Wir suchen ganz einfach und ganz unvoreingenommen nach der optimalen Lösung. Außerdem kennen wir in unserem Beraterteam keinen Maulkorberlass. Die Geschäftsführung erwartet, dass auch ihre Vorschläge kritisch betrachtet und auf den Prüfstand gestellt werden. Und die Mitarbeiter selbst besitzen ein verbrieftes Recht auf Fehler. All dies fördert das Denken über den Tellerrand hinaus und führt im Ergebnis zu kreativeren Lösungen in der Sicherheitsplanung. Zu Risiken und Nebenwirkungen: Sie können sich vorstellen, wie bei uns in solchen „Geburtsstunden von Ideen“ gelacht wird.

stp: Die genannten Beispiele zeigen aber auch, dass man sich in der Sicherheitsplanung nicht kategorisch auf Schema X verlassen muss. Damit meine ich die branchentypischen Sicherheit-durch-Technik-Instrumente. Denn wenn das Schutzziel lautet, eine Fassadenwand davor zu bewahren, mal eben so mit einem Graffiti beschmiert zu werden, können Sie eben einen Zaun mit Detektions-High-tech ums Gelände errichten ...

vzm: ... Sie können aber auch ein wunderschönes Sumpfbeet anlegen und ganz nebenbei noch einen Preis für Landschaftsgestaltung gewinnen. Übrigens friert eine Sumpfwiese im Winter wegen der Bioprozesse auch nicht so schnell zu.

bz: Welchen Zweck erfüllten denn diese Wisente, die auf Ihren Rat hin auf das Gelände eines atomaren Zwischenlagers gesetzt wurden – einmal abgesehen davon, dass sie am Wochenende Familien mit Kindern als beliebtes Ausflugsziel dienten?

vzm: Wir sind vor Jahren gefragt worden, wie sich das Zwischenlager so sichern lässt, dass Anti-Atomkraft-Sprayer nur bis zur Geländegrenze kommen, nicht aber weit sichbare Parolen anbringen können. Es stand damals ein Elektrozaun zur Debatte, der aber nicht genehmigungsfähig war. Gegen Wildtiere darf man ihn allerdings errichten. Da ich mich in jungen Jahren während eines Amerikaaufenthaltes aber schon einmal als Cowboy versucht hatte, auf einer Ranch, die Büffel züchtete, kannte ich mich mit ihnen einigermaßen gut aus. So wusste ich, dass unsere Kühe mit den Hinterläufen zuerst aufstehen, der Büffel mit den Vorderläufen. So auch die europäische Büffelvariante, der Wisent. Die Hauskuh würde in einer Schneewehe ersticken, der Büffel nicht. Und wenn dann auf dem Wiesenumland die Herde aus Jungstieren besteht, geht kein Sprayer mehr drüber … Was ich auch gelernt hatte: Büffel sind kurzsichtig und farbenblind. Sie reagieren auf Bewegung, die sie erkennen. Naja, so ein Büffeljungstier, der mit gesenktem Haupt majestätisch daher kommt …

bz: Die Idee mit den Wisenten stieß sogar bei erbitterten Atomkraftgegnern auf Respekt. Man kann heute noch das Zitat „Das ist ein guter Trick, kann man nicht anders sagen“ im Internet googeln.

vzm: Dazu fällt mir eine rückblickend betrachtet hochamüsante Korrespondenz mit der Untergrundzeitung „radikal“ ein. Die schrieb mir 1983: „Hallo Rainer, mit großer Genugtuung haben wir Deine Bemerkungen im Sicherheits-Berater Nr 6, 1983, über unsere Zeitung zur Kenntnis genommen. ( ... ) Du verkaufst Sicherheit. Recht so! Das kannst Du aber nur, solange wir das Sicherheitsrisiko liefern.“ Die boten mir sogar den Austausch von Informationen an. Von ihnen sollte ich „Alles direkt aus erster Hand und nicht verwässert und verstümpert durch die Trottel vom Verfassungsschutz!“ erhalten. Ich musste leider absagen mit dem Hinweis darauf, dass mir ein Austausch „grundsätzlich nur mit Fachzeitschriften möglich“ sei.

bz: Wollen wir hoffen, dass Ihnen auch die Sicherheitsrisikoträger von morgen nicht gram sind, wenn Sie in Ihren Gutachten abschüssige Fensterbretter empfehlen, auf denen kein geworfener Brandsatz liegen bleibt. Oder Drehtüren, die langsam genug sind, dass jeder Ladendieb sofort erkennt: „Hier komme ich so schnell nicht wieder raus“.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Kontakt zum Interviewpartner:
stp@vzm.de (Peter Stürmann)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)