Interview

Sind Pessimisten die besseren Security Manager?

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18.12.2013 (bz) – "Pessimisten leben länger“ – so lautet das Ergebnis einer Langzeitstudie. Begründet wird es damit, dass Pessimisten realistischer auf (Gesundheits-) Risiken reagieren. Lässt sich die Erkenntnis auf Security Manager übertragen? Sind die Schwarzseher unter ihnen einfach besser als die Optimisten? Diese spekulative Frage stellte Bernd Zimmermann (bz) dem Leiter der Studie, Prof. Frieder R. Lang (frl), vom Institut für Psychogerontologie (FAU Erlangen-Nürnberg).

 

Interview: Besser keine unrealistischen Optimisten!

bz: Es scheint, als stelle Ihre Studie "Forecasting Life Satisfaction Across Adulthood: Benefits of Seeing a Dark Future?“ die vielbeschworene Kraft des positiven Denkens in Frage. Leben Pessimisten tatsächlich länger?

Prof. Frieder R. Lang (frl), Bildquelle: FAU

frl: Die Aussage, dass Pessimisten länger leben, ist natürlich eine recht verkürzte Zusammenfassung unserer Studie. Dies ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass man sich in der Presse gerne auf einfache Schlagzeilen begrenzt, um das Interesse des Lesers zu wecken, und wenige machen sich noch die Mühe, einen wissenschaftlichen Aufsatz selbst zu lesen. Ein Gutes hat dies ja, wenn Ihr Interesse mit Erfolg geweckt werden konnte. Aber ich will gerne versuchen Ihnen den Befund etwas differenzierter zu schildern: In unserer Studie ging es um die Frage, was Menschen sich für ihre Zukunft in fünf Jahren erwarten und wir haben dann nach fünf Jahren geschaut, wie es wirklich herauskam. Dabei zeigte sich, dass ältere Menschen häufiger pessimistischer waren als jüngere Erwachsene. Dabei sollte man bedenken: Wenn ältere Menschen erwarten, dass die Dinge schlechter werden, ist das manchmal ja auch durchaus realistisch, und gar nicht nur pessimistisch. Solche Pessimisten leben länger. Ihre Frage lässt sich vor diesem speziellen Hintergrund durchaus mit "JA“ beantworten.

bz: Dieser spezielle Hintergrund hat vermutlich mit dem Wort "Psychogerontologie“, also der Alternsforschung, im Namen Ihres Institutes zu tun.

frl: Ja, zum Teil schon, wir haben uns aber gemeinsam mit Forschern anderer Fachrichtungen die Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) angeschaut – über einen Zeitraum von 12 Jahren. In der Studie, ich muss hier wieder vereinfachend darstellen, wurden Erwachsene aus 20.000 Haushalten im Fünfjahresrhythmus danach befragt, ob sie wohl nach Ablauf von fünf weiteren Jahren mit ihrem Leben zufrieden sein werden. Wir fanden nun, dass ältere Menschen ab 60 Jahren, wenn sie ihre künftige Zufriedenheit gering einschätzten, offenbar länger leben als ältere Menschen, die erwarteten, nach fünf Jahren zufriedener zu sein, als sie es dann waren. Wir vermuten, dass die Pessimisten die Veränderung ihrer künftigen Zufriedenheit auf Basis ihrer persönlichen Erfahrung realistischer eingeschätzt haben als die Optimisten. Denn wir haben auch gefunden, dass ältere Menschen eher vorsichtige oder bescheidene Erwartungen für sich selbst berichteten. Nach unserer Ansicht weist dies darauf hin, dass man mit fortschreitendem Alter eher geneigt ist, gesundheitliche Verluste oder funktionelle Beschränkungen im Alltag zu erwarten. Und da wir in der besonderen Langzeitstudie des Sozioökonomischen Panels auch die Information hatten, ob und wann die Befragten verstorben sind, konnten wir nachweisen, dass diejenigen länger lebten, die sehr vorsichtige und geringe Erwartungen darüber haben, wie es ihnen in fünf Jahren gehen wird. Wichtig ist, dass es hier eher um Fragen der Eigengefährdung ging, um die Brücke zu Ihrem Themengebiet zu schlagen, also nicht um die Gefährdung anderer. Beispielsweise hat ein Security Manager dagegen ja vor allem die Gefährdung anderer Personen im Unternehmen einzuschätzen. Aber auch hier vermute ich, dass ein skeptischer und vorsichtiger Blick in die Zukunft ganz entscheidend helfen kann, Risiken rechtzeitig zu erkennen.

bz: Das leuchtet ein – womit dieses Interview praktisch beendet wäre. Schließlich wollten wir über eine Analogie zu den Qualitäten von Security Managern spekulieren.

frl: Vielleicht kann ich aus psychologischer Sicht noch etwas beitragen. Denn wir haben, wie gesagt, auch jüngere Altersklassen befragt. Die Ergebnisse bestätigen eine Einsicht, die sich mit unserem Alltagsverständnis gut nachvollziehen lässt: Jüngere Menschen neigen häufig dazu, ihre Zukunft unrealistisch optimistischer einzuschätzen, als sie sein wird: Welcher Berufswunsch ist schon exakt wie geplant in Erfüllung gegangen? Welche Traumhochzeit hielt eisern bis zur Rente? Manches Mal scheitern unrealistische Optimisten auch wegen allzu hoher Erwartungen. Anders ausgedrückt – und so würde ich ihre Frage gerne auf den Sicherheitsbereich anwenden: Es kommt bei der Qualität von Sicherheitsvorkehrungen darauf an, ob man von einer unrealistisch positiven oder aber von einer realistisch negativen Erwartungshaltung ausgeht. Junge Erwachsene neigen vielleicht manchmal dazu, sich selbst und die eigenen Möglichkeiten zu überschätzen. Sie glauben dann, alles erreichen zu können, was sie sich vorstellen. Ein solcher junger Security Manager könnte also ein Sicherheitsrisiko darstellen. Er hat vielleicht bislang noch wenige oder gar keine Sicherheitsszenarien praktisch kennengelernt. Ich würde ihn eher in der Produktentwicklung einsetzen, wenn er viele Ideen hat und risikobereit ist. Müsste ich einen Security Manager einsetzen, würde ich mich dagegen für einen erfahrenen, vielleicht schon älteren Mitarbeiter entscheiden. Ohne dies nun wissenschaftlich belegen zu können, halte ich jemanden, der gelernt hat vorbeugend zu denken, für besser geeignet im Securitybereich zu arbeiten.

bz: Dann nutze ich die Gelegenheit, Sie dazu anzuregen, diese These einmal in einer weiteren Studie wissenschaftlich zu verifizieren ...

frl: … was nicht so abwegig wäre – wir forschen ja mit gerontologischem Erkenntnisinteresse bereits auf dem Gebiet der Sicherheit. So erforschen wir aktuell zum Beispiel, wie sich die Nutzungsbereitschaft für Hörgeräte steigern lässt. Denn diese Geräte müssen den subjektiven Ansprüchen an Sicherheit genügen. Deren Akzeptanz wird empfindlich durch das Sicherheitserleben des Anwenders gestört. Als unsicher erleben Nutzer, erstens, die mangelnde Ausfallsicherheit von Hörgeräten. Eine Ausfallsicherheit mehr als fünf Prozent wird meist schon als unsicher erlebt. Zweitens kommt in zunehmendem Maße hinzu auch die Frage der Abhörsicherheit – manche Nutzer befürchten beispielsweise, ihre Hörgeräte könnten über Bluetooth von Unbefugten abgehört werden. Mit dem Stichwort "Abhören“ komme ich zurück zu dem von Ihnen ins Spiel gebrachten Security Manager. Hierzu gibt es nämlich noch eine weitere interessante Überlegung: Ein Security Manager, der eine negative Prognose wagt, erhält über kurz oder lang Recht. Wenn er keine Brandschutzmaßnahme einleitet oder die entsprechenden Mittel dafür bewilligt bekommt, steigt seine Chance rein statistisch im Laufe der Zeit, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hat. Ein Optimist steht als Security Manager von Anfang an auf verlorenem Posten. Denn Systeme, die sich heute noch als intakt präsentieren, werden doch mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal kollabieren. Und wenn der Brand dann ausbricht, steht der Optimist als Verlierer da, zumindest als jemand, dessen Antizipationsfähigkeit unterentwickelt war. Er ist im Schadensfall derjenige, der nicht in der Lage war, das Worst Case Szenario vorwegzunehmen. Auch seine Fähigkeit, kontrafaktisch, gegen das Offensichtliche ein Risiko zu erkennen, scheint dann nicht so ausgeprägt gewesen zu sein. Sie sehen, auch zum Brandschützer würde ich eher einen defensiven Pessimisten bestellen.

bz: Vielen Dank für das Gespräch und Ihre kontrafaktisch-antizipatorische Einschätzung, Herr Prof. Lang.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
flang@geronto.uni-erlangen.de (Frieder R. Lang)
www.geronto.fau.de

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)