Verkehrssicherheit

Missverständnis Reißverschlussprinzip.

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28.5.2015 (bz) – Wenn die eigene Fahrspur endet, wechseln viele Autofahrer per vermeintlichem Einfädelprinzip auf die benachbarte freie. Dass das aber an Autobahnauffahrten NICHT gilt, scheint kaum jemand zu wissen. Sicherheits-Berater direkt erinnert noch einmal an die unterschiedlichen Regeln.

 

Einfädeln hier, Vorfahrt achten da.

Es gibt mindestens drei Dinge, die wir Deutsche noch nie konnten: Der Reihe nach in einen Bus einsteigen, an der gerade zusätzlich geöffneten Aldikasse gesittet nachrücken und mit dem Auto einfädeln. Letztere Unfähigkeit kann schnell lebensgefährlich werden – zumindest sorgt sie tagtäglich für unnütze Staus. Denn das Einfädeln erfolgt in den wenigsten Fällen so, wie es denn vorgesehen ist: nach dem Reißverschlussprinzip dort, wo sich die Engstelle befindet.

In der Praxis sieht das leider so aus, dass regelmäßig Autofahrer (mutmaßlich die ängstlichen, die sich offenbar schnell in Sicherheit bringen wollen) schon viel früher die Chance nutzen, die Spur zu wechseln. Mit der Zahn-für-Zahn-Vorgehensweise eines Reißverschlusses hat das allerdings nichts mehr zu tun – er ließe sich nämlich so überhaupt nicht schließen.

Es gibt noch eine weitere negative Begleiterscheinung dieses unkorrekten Verhaltens: Die Agressivität der Fahrer, die sich von vornherein auf der ununterbrochenen Strecke befinden, steigt, weil die als gerechter empfundene Lösung "Ganz vorn einer von links, einer von rechts“ konterkariert wird: Die Fahrer sehen weit vorn an der Engstelle Fahrzeuge auf die eigene Spur wechseln … und jetzt quetscht sich vorab auch noch dieses und jenes Auto vor die eigene Stoßstange. Also versuchen sie das zu verhindern, indem sie die Lücke zum Vordermann extrem eng halten. Michael Schreckenberg, Professor für die Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg/Essen, sagte gegenüber RP-Online:

"Pkw-Fahrer haben permanent das Gefühl, überholt zu werden. Deshalb fühlen sie sich grundsätzlich benachteiligt.“

Und er fügte hinzu:

"Je früher man sich einordnet, desto länger sind die Staus, lautet eine Faustregel“, sagt Verkehrs-Experte Schreckenberg.

Um ein ordnungsgemäßes Einfädeln zu unterstützen, stellen die Behörden bisweilen das "Zusatzzeichen 1005-30“ auf: Reißverschluss erst in 200 m.

Das Reißverschlussverfahren ist übrigens keine stillschweigende Übereinkunft, sondern explizit so in § 7 Abs. 4 StVO (Straßenverkehrsordnung), Absatz 4, beschrieben:

"(4) Ist auf Straßen mit mehreren Fahrstreifen für eine Richtung das durchgehende Befahren eines Fahrstreifens nicht möglich oder endet ein Fahrstreifen, ist den am Weiterfahren gehinderten Fahrzeugen der Übergang auf den benachbarten Fahrstreifen in der Weise zu ermöglichen, dass sich diese Fahrzeuge unmittelbar vor Beginn der Verengung jeweils im Wechsel nach einem auf dem durchgehenden Fahrstreifen fahrenden Fahrzeug einordnen können (Reißverschlussverfahren).“ (Fettdruck durch die Redaktion)

Aber Vorsicht: Ein Hindernis auf der Fahrbahn ist nicht gleichzusetzen mit dem Ende der Fahrbahn. Geht die Fahrbahn nämlich hinter einem Hindernis ganz normal weiter, greift das Reißverschlussprinzip nicht: "Der Autofahrer, der die andere, freie, Spur benutzt, muss ihn nicht einfahren lassen.“ So steht´s in einem rechtskräftigen Urteil des Amtsgerichts München.

Obacht bei vorfahrtsberechtigten Straßen!

Ein ähnlich skurriles Verhalten zeigen Autofahrer bei Autobahnauffahrten. Ein Außerirdischer, der die Situation aus der Vogelperspektive betrachtet, müsste unweigerlich zu der Auffassung gelangen, die Auffahrenden hätten hier sogar Vorfahrt. Denn er sieht, wie (z. B. bei einer zweispurigen Autobahn) die Fahrer auf der rechten Spur in vorauseilendem Gehorsam auf die linke Spur ziehen, um dem Auffahrenden Platz zu machen. Damit sorgen sie für Stress bei den Fahrern auf der Überholspur links. Dieser Außerirdische dürfte auch relativ schnell den einen oder anderen Stinkefinker der Auffahrenden sehen, denen nicht bereitwillig Platz gemacht wird. Tatsächlich jedoch lässt die Regel für das Auffahren auf Autobahnen und Kraftfahrstraßen laut § 18 Abs. 3 StVO (Straßenverkehrsordnung) nicht den geringsten Raum für Zweifel:

"(3) Der Verkehr auf der durchgehenden Fahrbahn hat die Vorfahrt.“

Anders ausgedrückt: Wer ohne Rücksicht auf Verluste auf die Autobahn auffährt in der Annahme, die anderes müssten schon Platz machen, der irrt.

Wer einmal beide Situationen unmittelbar hintereinander erleben will, der fahre im Berufsverkehr von einer zweispurigen Autobahnauffahrt, die sich auf eine Spur verjüngt (also Reißverschlussverfahren), auf eine Autobahn (also Vorfahrt achten).

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)