Der Wahrsagerwiderleger.

29.1.2015 (bz) – Michael Kunkel (mk) aus Mainz ist Mathematiker und Unternehmensberater für Versicherungsunternehmen. Seit Jahren sammelt er Prognosen von Astrologen, Wahrsagern und Hellsehern und wertet sie zum Jahresende aus. Das Ergebnis ist stets das gleiche: keine aufsehenerregenden Treffer! Bernd Zimmermann führte ein Telefoninterview mit ihm. 

"Falsch liegen geht immer." 

bz: Herr Kunkel, seit einigen Jahren sammeln Sie Voraussagen von Hellsehern, Wahrsagern und Astrologen, um sie am Jahresende auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Ihre Prognoseauswertung für das Jahr 2014 haben Sie auf den Seiten der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e. V. (GWUP) veröffentlicht.

Fühlt Wahrsagern auf den Zahn: Mathematiker Michael Kunkel
Fühlt Wahrsagern auf den Zahn:
Mathematiker Michael Kunkel 
Bildquelle: Michael Kunkel 

mk: Als Mathematiker, der in der Prozess- und IT-Beratung, speziell in der Beratung von Versicherungen für den Bereich Risikoprüfung, tätig ist, bin ich zugleich auch Mitglied bei der GWUP. Die versucht Fragen wie "Können sogenannte alternative Arzneimittel heilen?", "Steht unser Schicksal in den Sternen?", "Helfen Magnete bei der Wasserenthärtung?" oder "Müssen wir uns vor Erdstrahlen schützen?" auf der Grundlage des aktuellen Erkenntnisstandes zu klären. Wir nennen uns "Skeptiker" und sind der Meinung, dass eine offene und demokratische Gesellschaft sachliche Informationen braucht. Wir wollen verhindern, dass Menschen Entscheidungen treffen auf der Basis fragwürdiger "Theorien" und dabei womöglich ihr Vermögen, ihren Beruf oder sogar ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Der GWUP stelle ich alljährlich die Ergebnisse meiner Prognoseauswertungen zur Weiterverbreitung bereit. 

bz: Im Grunde kommen sie jedes Jahr zu dem gleichen Ergebnis – es ist nichts dran an der Wahrsagerei. 

mk: Wahrsager entpuppen sich beständig als Wahrversager. Versinkende Pyramiden, ein kippendes Empire State Building und der zumindest teilweise Einsturz des Kolosseums in Rom wurden zum Beispiel für 2014 vorhergesagt, fanden aber nicht statt. Die Ankündigungen der üblichen Katastrophen – also Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Terrorangriffe – waren so schwammig formuliert, dass sie sich einer ernsthaften Überprüfung von vornherein entzogen. Der dritte Weltkrieg, den jemand aus den Versen des Nostradamus herausgelesen haben wollte, fand ebenso wenig statt wie die Ermordung der "päpstlichen Familie". Auch die von esoterischen Prognostikern vorhergesagten Finanz- und Börsenkatastrophen blieben 2014 aus. Was die Promiprognosen angeht, gab es dagegen den einen oder anderen vermeintlichen Treffer zu beobachten. Aber dass die Gattin des Britenprinzen William zum zweiten Mal schwanger wird, muss man wirklich nicht auf seherische Fähigkeiten zurückführen. Eine brasilianische Wahrsagerin hatte der deutschen Nationalmannschaft den Titelgewinn vorhergesagt – aber dazu bedurfte es ebenfalls nur noch eines Quäntchens Glück. Statistisch lag die Wahrscheinlichkeit bei 32:1, wenn man alle Mannschaften als gleichstark nimmt. Also da kann man schon einmal einen Tipp wagen. 

bz: Auf Ihrer Website www.wahrsagercheck.de stieß ich auf eine Seite mit "5 Tipps aus Profiprognosen". Das heißt, dort beschreiben Sie, wie jedermann, auch ganz ohne übersinnliche Fähigkeiten, Prognosetreffer erzeugen kann. 

mk: Dort habe ich mit einem Augenzwinkern fünf ganz einfache Methoden vorgestellt, wie Sie Ihre Prognosetreffer schier unvermeidlich machen können. Die fünf Tipps lauten: "Sagen Sie das (Höchst-) Wahrscheinlichste voraus!" Im Grunde ist das so, als ob ich voraussage, dass es heute Nacht dunkel werden wird. Aber selbst wenn ich beispielsweise vorhersage, dass die Fußballmannschaft von Bayern München sich in der nächste Saison für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren wird, dürfte ich wohl kaum daneben liegen. Tipp 2 nenne ich "Nichts Genaues weiß man nicht!". Das heißt, formulieren Sie Ihre Prognose so nebulös wie möglich, z. B.: "Auch in der Innenpolitik kann es Probleme geben, gewisse Dinge könnten verschleiert werden, Intrigen sind möglich". Sie können dann das ganze Jahr lang Ereignisse aus der Innenpolitik nennen, die diese Prognose bestätigen. Eine andere Methode beschreibe ich mit meinem Tipp 3: "Irgendetwas wird schon stimmen!" Das heißt, sagen Sie einfach eine ganze Reihe verschiedener Alternativszenarien voraus. Wer alles voraussagt, hat eben mit Sicherheit immer Treffer. Eine ebenfalls sehr beliebte Methode besteht darin, zwar genau zu sagen, was passiert – aber nicht wann und wo. Wenn Sie also behaupten, einen Flugzeugabsturz vorhersagen zu können, sagen Sie z. B.: "Das Flugzeug ist wieder eine Propeller-Maschine, und keiner wird überleben. Die Maschine wird vielleicht gegen den Berg zerschellen." Probieren Sie es einfach mal aus: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ihre Prophezeiung wahr wird. Tipp 5 lautet: "Irgendwer wird mich verstehen" – wenn Sie Ihre Prognose unklar und kryptisch formulieren. Bemühen Sie also Ihr lyrisches Geschick und sagen Sie Sätze wie: "Der Narr rügt die Seinen und die Angst, die er säht, wird zum Lachen … " usw. usw. Im Zweifelsfall können Sie auch einen Gedichtgenerator aus dem Internet bemühen. Das Interpretieren Ihrer Voraussagen überlassen Sie der Fantasie der Leser. So funktioniert das übrigens auch bei den sogenannten Weissagungen des Nostradamus – irgendwer versteht ihn immer! 

bz: Haben Sie einmal ausprobiert, ob Ihre Tipps auch funktionieren? 

mk: Ich kann Ihnen versichern, dass sie funktionieren. Wenn Sie dazu noch ein wenig googeln und sich ein paar Fakten zur Risikolage besorgen, liegen Sie immer richtig. Ich habe einmal ein Erdbeben auf den Fidschi-Inseln "prophezeit", was überhaupt keiner übersinnlichen Fähigkeiten bedurfte. Von Google wusste ich, dass dort Erdbeben praktisch an der Tagesordnung sind. Auch bei dem Spiel, das Astrologen gern treiben, nämlich anhand von Geburts- und Todesdaten in Kombination mit Uhrzeiten auf bestimmte Prominente zu schließen, spiele ich gern mit. Da bin ich mit einer Googlerecherche meist sogar noch schneller als der Astrologe, der in seine astrologische Datenbank mit den Lebensdaten von Promis hineinschaut. Eine astrologische Lösung ist also überhaupt nicht nötig! Im Übrigen habe ich schon erlebt, wie sich zwei Astrologen darüber stritten, ob und wie denn ein bestimmtes Sternbild zu deuten sei. Ich vertrete als Mathematiker folgende Logik: "Es gibt viele verschiedene Methoden, die sich gegenseitig widersprechen. Also können nicht alle richtig sein. Aber alle können stets falsch sein!"

bz: Wird es nicht irgendwann langweilig, wenn man Jahr für Jahr zu den gleichen Ergebnissen kommt? 

mk: Ich setze auf das Prinzip Hoffnung, denn ich würde mich wirklich gern einmal vom Gegenteil überzeugen lassen und erleben, dass jemand nachweislich seherische Fähigkeiten besitzt. Das ist ja noch nie passiert. Aber wie gesagt, der müsste dann auch tatsächlich konkrete und nachprüfbare Ansagen machen, die mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes oder einer einfachen Google-Recherche nicht mehr erklärbar sind. Aussagen wie "Bei rückläufigem Merkur sollten Sie keine wichtigen Verträge abschließen" akzeptiere ich allerdings nicht als ernstzunehmende Prognose. Als Anrainer im Rheintal hätte ich schon ganz gern konkret gewusst, ob und wann ich meinen Keller nun leerräumen soll, wenn mal wieder ein Jahrhunderthochwasser prophezeit wird. 

bz: Astrologen würden sich ja wahrscheinlich nicht als Wahrsager bezeichnen, sondern darauf bestehen, dass sie ihre Vorhersagen auf Grund von Berechnungen treffen? 

mk: So ist es. Aber ob jemand rein intuitiv in die Zukunft schaut oder mit Hilfe vermeintlich unbestechlicher Berechnungsmethoden, macht im Ergebnis keinen Unterschied. Astrologie kann man ja sozusagen erlernen. Ich habe mich einmal damit beschäftigt. Das Problem dabei ist, dass die Sternbilder, die übrigens nicht mit den Erkenntnissen der Astronomie übereinstimmen, nach den Methoden der Astrologie derart viele Deutungen, "Optionen" genannt, zulassen, dass sie praktisch alles Mögliche zulassen. Ich kann Ihnen das gern einmal am Beispiel einer Astrologenscheibe demonstrieren: Hier habe ich sämtliche, nach allen Regeln der astrologischen Kunst zulässigen Deutungen einmal markiert. Im inneren Kreis der Scheibe sehen Sie alle möglichen Bezüge in Form von Strichen, die zulässig sind. Auf gut deutsch: In der Zukunft kann alles Mögliche passieren. Ein solches Bild erhalten Sie auch, wenn Sie verschiedene Astrologen beauftragen, in die Zukunft zu sehen, und deren Ergebnisse dann zusammenführen. 

Astrologenscheibe
Bildquelle: Michael Kunkel

bz: Die meisten Menschen würden niemals ihre Freizeit opfern, um Wahrsagern auf den Zahn zu fühlen. Irgendwie ahnt man doch, dass das Prophezeiungsgenre mehr mit Entertainment zu tun hat als mit Wissenschaft? 

mk: Als Mathematiker stehe ich auf dem Standpunkt, dass der, der etwas behauptet, auch den Nachweis seiner Behauptung zu führen hat. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass den Menschen für dieses Entertainment oftmals viel Geld aus der Tasche gezogen wird. Es gibt Fälle, bei denen sich Menschen um ihre Existenz gebracht haben, indem sie immer wieder bei kostenpflichtigen Astrologiehotlines angerufen haben. Auch bieten Wahrsager oder Astrologen ihre Prognosen den Medien, also Webseiten, Zeitungen und Zeitschriften, die stets mit neuen Inhalten gefüllt werden müssen, gegen Geld an – und werden auch dafür bezahlt. Die meisten liefern dafür dann nur Angstmache satt. 

bz: Glauben die Wahrsager eigentlich das, was sie da vorhersehen, selbst? Oder sind das alle bewusste Betrüger? 

mk: Ich will den meisten gar nicht unterstellen, dass sie ihre Vorhersagen stets in betrügerischer Absicht kundtun. Bei einigen habe ich sogar den Eindruck, dass sie genau wie ich gern wissen wollen, wie ihre seherischen Fähigkeiten, die sie sich selbst unterstellen, zu erklären sind. Sie sind durchaus bereit, das Phänomen einmal zu diskutieren. Und manche hegen auch Zweifel – wahlweise an der Existenz übernatürlicher Fähigkeiten oder an der Wissenschaftlichkeit ihrer astrologischen Methoden. In den astrologischen Internetforen finden ja auch leidenschaftliche Diskussionen statt zu der Frage, wie dieses oder jenes Sternbild nun auszulegen ist. Wenn man Wahrsager oder Astrologen auf die Unzulänglichkeiten ihrer Vorhersagen hinweist und ihnen selbst sogar Zweifel kommen, sagen sie mir: "Ich mache halt immer wieder gute Erfahrungen mit meinen Prognosen." Dass sie einer Selbsttäuschung unterliegen, blenden sie dabei leider aus. 

bz: Ihre Empfehlung an die Leser von Sicherheits-Berater direkt lautet also, möglichst kein Geld für Wahrsager oder Horoskope auszugeben? 

mk: Ich empfehle, sich damit abzufinden, dass in der Zukunft immer auch ein gewisses Risiko liegt. Wer Geld für wissenschaftlich nicht fundierte Vorhersagen ausgibt, sollte sich fragen, ob er nicht primär nur jemanden sucht, der ihm gut zuredet. Vielleicht findet er ja eine kostenlose Alternative. Es gibt auch staatliche oder kirchliche Beratungsstellen, die kostenlose Lebenshilfe anbieten. Die Leute, die dort arbeiten, scheinen mir doch weit besser und seriöser geschult als Handleser und Sterndeuter. 

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kunkel. 

 

Kontakt zum Interviewpartner, der auf Anfrage auch Vorträge rund um seine Prognoserückschauen hält: webmaster@wahrsagercheck.de (Michael Kunkel)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)