Kolumne

Bitte industrietauglich wecken.

29.1.2015 (bz) – Sicherheits-Berater Redakteur Bernd Zimmermann ärgert sich über seinen neuen Radiowecker. Das Teil sieht klasse aus, war preiswert, stellte sich aber als nicht idiotensicher heraus. Ein Fall zum in die Tonne kloppen. Was fehlt, ist "Industrietauglichkeit", wie man sie in der Sicherheitstechnik kennt. Weiter ...?  

Schlummertaste als Notschalter.

Die Gnade des selbsttägigen Erwachens am frühen Morgen ist mir leider nicht gegeben. Die Weckfunktion meines Handys nehme ich daher als ein Sicherheitsfeature par excellence wahr – schließlich dient sie meiner ganz persönlichen Business Continuity. Den ersten Weck- und Vibrationston dieses Handys drücke ich regelmäßig weg – ich gebe mir fünf Minuten zu realisieren, dass ich nicht mehr träume und stehe erst beim zweiten einprogrammierten Wecksignal auf. Okay, die fünf Minuten könnte man vielleicht besser nutzen: Es gibt z. B. Radiosender, die lesen einem morgens in aller Kürze die Titelseiten der Tageszeitungen vor - perfekt für einen Redakteur! Als ich daher kürzlich im Supermarkt war, fiel mir ein Sonderangebot auf: das "funkgesteuerte Projektions-Uhrenradio E66245". Das Teil sah richtig schick aus, tolles klavierlackstyliges Design und offenbar so viel besser als der Radiowecker, den ich als Student zu bemühen pflegte (als es Handys nur für Manager gab). Ich griff reflexartig zu in der Hoffnung, meine Lebensqualität noch um einen Tick steigern zu können. 

Auch Bedienungsanleitungen lese ich bisweilen ganz gern. So auch die zum neuen Radiowecker. Ich stelle fest, was zu erwarten war: Das Teil kann tausend Dinge, die kein Mensch braucht oder vermisst, die aber eingebaut werden, weil´s technisch machbar ist und nicht, weil´s nützt. Muss man die Lautsprecher eines popeligen Radioweckers zwischen Mono und Stereo umschalten können? Braucht man als Berufstätiger eine NAP-Funktion (übersetzt: "Mittagsschlaftimer" von englisch to nap, schlummern, ausgesprochen näpp, was dann immerhin wie gut deutsch klingt). Auch die Projektions-Funktion, bei der ein Laser, in den man nicht hineinschauen darf, die Uhrzeit schön rot an die Schlafzimmerwand wirft, ist im Grunde überflüssig wie ein Kropf – die Uhrzeit steht nämlich schon gut erkennbar auf dem Display. Außerdem gilt die Einschränkung: "Es muss dunkel im Raum sein, damit die projizierte Uhrzeit sichtbar ist". 

Extrem flache und unertastbare Tasten
Extrem flache und unertastbare Tasten
Foto: Bernd Zimmermann

Nicht dunkel sein im Raum darf es, wenn man den Radiowecker tatsächlich auch als Radiowecker nutzen mag: Die fünfzehn (!) Tasten auf der Oberseite des Gerätes machen ihrem Namen nämlich keine Ehre: Sie sind vielmehr so flach und liegen nahezu so lückenlos nebeneinander, dass jeder Versuch scheitern muss, z. B. die Lautstärkeregler oder die Senderstationstaste im Halbschlaf mit den Fingern zu ertasten ("Regler" oder "Tasten" sind das eigentlich gar nicht, eher Druckflächen). Manchmal glaubt man, die richtige Taste erwischt zu haben, drückt aber nur vergeblich und folgenlos auf der Geräteoberseite herum (oder man verstellt alles wieder). Lediglich die große, allein stehende Schlummertaste in der Mitte lässt sich mit etwas Glück identifizieren. Weil ich offenbar die Ausgeburt eines Grobmotorikers bin, hatte ich leider kein Glück mit dem Stummschalten und musste die Stromverbindung wie einst Alexander der Große durch Ziehen des Netzsteckers kappen. Der Effekt ist der gleiche wie bei meinem Handy: Ich werde mit akustischer Brachialgewalt geweckt und schalte den Wecker komplett aus (statt ihn leiser zu stellen). Ganz große Klasse, da haben die Produktentwickler ja ganze Arbeit geleistet! Bleibt nur zu hoffen, dass Zeitgenossen mit derart wenig Einfühlungsvermögen niemals auf eine verantwortliche Position im sozialen Bereich geraten. 

Jetzt weiß ich immerhin, was der auf das Leitstellenthema spezialisierte Redaktionskollege meinte, als er einmal von "Industrietauglichkeit" sprach. Damals ging es um die Vorstellung einer neuen vollmobilen Personen-Notsignal-Anlage mit Leitstellenanbindung unter der Rubrik "Sicherheit durch Technik" im Sicherheits-Berater. Die Anlage war untergebracht in einem robusten und wetterfesten Systemkoffer, der mir seltsam antiquiert vorkam. Auch der Signalgeber (gern auch als "Totmannmelder" bezeichnet) machte einen recht klobigen Eindruck. Kann heute nicht jedes Smartphone, was diese Anlage kann? Braucht man dafür derart massive Teile? Der Kollege meinte, das habe so schon seine Richtigkeit. In Notsituationen würden eben andere Anforderungen an die Technik gestellt. Ich glaube, dabei fiel auch der Begriff "idiotensicher". Im Sicherheits-Berater stand dann jedenfalls: "In Zeiten von Smartphones, die vollgestopft sind mit GPS-Empfängern, elektronischen Wasserwaagen, allerlei Sensoren und entsprechenden Sicherheits-Apps, mag ein solches Gerät auf Außenstehende sperrig bis altertümlich wirken. Ingenieure wissen jedoch, dass die Miniaturisierung nicht das Maß aller Dinge sein kann, wenn es um die sichere Handhabung, die garantierte Funktionsfähigkeit, die Leistungsfähigkeit und die Industrietauglichkeit von Geräten geht.

Ich wünsche mir dringend einen "industrietauglichen" Radiowecker.

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)