Observation

Schlechte Zeiten für "Krankendetektive“?

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31.3.2015 (bz) – Manfred Lotze (ml) ist Geschäftsführer des Detektiv-Instituts KOCKS GmbH aus Düsseldorf. Im Interview mit Bernd Zimmermann (bz) beklagt er: "Das aktuelle BAG-Urteil zur Observation mittels heimlicher Videoaufnahmen wird völlig falsch interpretiert.“

 

"Wir können auch klassisch ohne Video.“

Manfred Lotze: "Auch nach dem Urteil
genug Handlungsoptionen"
Bildquelle: Detektiv-Institut KOCKS

In seiner Pressemitteilung Nr. 7/15 informierte das Bundesarbeitsgericht (www.bag.de) über sein Urteil vom 19. Februar 2015 – 8 AZR 1007/13. Darin geht es um die "Observation durch einen Detektiv mit heimlichen Videoaufnahmen“. Diese war vom BAG für rechtswidrig erklärt worden. Geklagt hatte eine Sekretärin, die wegen des Verdachts auf Blaumachen observiert und gefilmt worden war. Ihrer Forderung nach einem Schmerzensgeld wurde stattgegeben (allerdings nur in Höhe von 1.000 statt von 10.500 Euro).

bz: Das Urteil schlug Wellen in der Wirtschaftsfachpresse und sorgte für Verunsicherung bei Unternehmen, die Detekteien mit Observationen beauftragen.

ml: Das kann man wohl so sagen. Wir stellen seitdem jedenfalls eine deutliche Zurückhaltung in der Öffentlichkeit fest, was die Beurteilung bzw. das Beauftragen von Observationen mit Hilfe bildgebender Verfahren angeht. Das Urteil führte zudem offenbar auch bei Journalisten für reichlich Verwirrung. Unter Überschriften wie "Krankendetektive müssen mehr Beweise liefern“ wurde da einiges verkürzt wiedergegeben. Es hat sich dann schnell die völlig unbegründete Auffassung verbreitet, Observationen – auch mit Foto-  oder Videokamera – seien nunmehr verboten. Dabei hat das Gericht lediglich festgestellt, dass eine Überwachung ohne konkreten Verdacht nicht zulässig sei. An der Gesetzeslage hat sich durch diese Einzelfallentscheidung nicht das Geringste geändert. Ganz offenbar hat hier eine unangemessene Observation auf Basis einer falsch eingeschätzten Ausgangslage stattgefunden, ohne vorab die Gerichtsverwertbarkeit von Fotobeweisen zu prüfen. Wäre der beteiligte Detektiv streng nach Rechtslage vorgegangen, hätte es diesen Prozess wohl gar nicht gegeben.

bz: Wie finde ich als Unternehmer denn einen Detektiv, der mir gerichtsverwertbare Beweise liefert? Der muss ja Datenschützer, Rechtsexperte und Fahnder in Personalunion sein?

ml: Achten Sie vor allem darauf, dass er gut ausgebildet ist. Ein wichtiger Indikator dafür ist seine Mitgliedschaft in Berufsverbänden, die ihre Mitglieder regelmäßig über Branchenthemen informieren und ganz ordentliche Weiterbildungsangebote im Programm haben. Voraussetzung für eine solche Mitgliedschaft als Minimalanforderung ist der Nachweis einer Sachkundeprüfung. Nach meiner Einschätzung ist die Organisationsquote bei Detektiven verdammt dünn. Jedermann kann auch ohne Verbandsmitgliedschaft Detektiv werden – und eine spezielle Ausbildung schreibt das Gesetz auch nicht vor. Umso wichtiger ist es darauf zu achten, dass der Detektiv, den Sie beauftragen wollen, eine ZAD-Qualifikation mitbringt. Die ZAD ist die Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe und die bestätigt Ihnen, dass Sie "geprüfter Detektiv/Detektivin ZAD“ sind.

bz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie feststellen, dass die Videoüberwachung eines Verdächtigen nicht statthaft ist?

ml: Dann gehen wir weiterhin streng nach der Rechtslage vor und verzichten eben darauf. Videoüberwachung oder das Anfertigen von Fotos ist eine praktische Sache und sie ist preiswert. Aber Detektive besitzen schon 150 Jahre Erfahrung darin, mit einem möglichen Beweisverwertungsverbot umzugehen. Wir sind jederzeit in der Lage, Beweise auch ohne technische Hilfsmittel zu liefern. Wenn Sie einem Gericht zwei Augenzeugen nennen können dafür, dass jemand auf Kosten seines Arbeitgebers "blau macht“ oder stiehlt, ist daran nicht mehr zu rütteln – vor allem, wenn die beiden unter Eid aussagen!

bz: Moralische Bedenken scheinen Sie bei der Observation von Personen nicht zu hegen?

ml: Nein, nicht im Geringsten – sonst hätten wir nicht am 1. April 60. Firmenjubiläum. Der Vorwurf des Schnüffelns kommt ja logischer Weise von denjenigen, die überführt worden sind. Detektiv ist zunächst einmal ein ehrbarer rechtshelfender Beruf. Wir stehen professionell auf Seiten der Opfer und des Gesetzes. Bei sogenannten "kleineren“ Straftaten, z. B. Blaumachen bei gleichzeitiger Schwarzarbeit, will die Polizei ja schon gar nicht mehr ermitteln. Und wenn sich die Polizei immer mehr zurückzieht, bleibt den Geschädigten nur der private Ermittler. Unser Mitleid mit den überführten Tätern hält sich also sehr in Grenzen. Im Gegenteil, wir sind stolz darauf, in Einzelfällen Schadenersatz von bis zu 800.000 Euro für unsere Auftraggeber herausgeholt zu haben. Und lassen Sie mich in diesem Zusammenhang  darauf hinweisen, dass auch unsere Auftraggeber verpflichtet sind, Straftaten, die gegen das Unternehmen gerichtet sind, zu verhindern und aufzudecken. Ich erinnere nur an das KonTraG, also das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, das die Manager bereits seit 1998 dazu anhält, für Aufklärung zu sorgen. Sowohl der Manager als auch wir sollen und dürfen Observationen in die Wege leiten, wenn ein konkreter Verdacht auf, erstens, eine strafbare Handlung, oder zweitens, auf eine schwere Verletzung des Arbeitsvertrages durch einen Unternehmensangehörigen besteht. Bei einer Pflichtverletzung drohen dem Manager schließlich Strafen und er kann persönlich in die Haftung genommen werden.

bz: Ein Sicherheitsberater würde den Unternehmen sofort Präventionsmaßnahmen empfehlen.

ml: Genau das tun wir auch – es ist ja nicht so, dass wir rund um die Uhr nur ermitteln. Wir haben erkannt, dass viele Unternehmen beim Stichwort Prävention die Ohren sofort auf Durchzug stellen: "Wie sollen wir denn Straftaten vorbeugen, von denen wir nicht einmal wissen, dass es sie in unserem Unternehmen gibt?“, höre ich oft. Für diese Unternehmen bieten wir unser Geschäftsfeld KOCKS Confidence  an – Workshops wie den am 14. April stattfindenden "Attention Workshop“.

bz: Können Sie zum Schluss ein Beispiel für eine empfehlenswerte Präventionsmaßnahme verraten?

ml: Eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen ist das Bewerberscreening mit dem Ziel, Bewerber, die einmal kriminell werden könnten, gar nicht erst einzustellen. Ich behaupte auf Grund meiner Berufserfahrung, dass man Mitarbeiter mit kriminellem Potenzial am Tatort Arbeitsplatz schon durch Prüfung der Bewerbungsunterlagen aussieben kann. Wir haben das im Laufe der Jahre anhand von zahlreichen Dokumenten und Fällen analysiert. 70 Prozent "meiner“ überführten Täter haben schon im Bewerbungsverfahren geschummelt. Die simple Erkenntnis lautet also: Wer schon im Lebenslauf lügt, indem er zum Beispiel irgendwelche berufliche Positionen erfindet – der wird auch durch die gelungene Einstellung ins Unternehmen nicht ehrlicher. Und ich kann Ihnen versichern: Ein investigativer Journalist, der Ihrem Unternehmen durch Indiskretionen schaden will, hätte mit uns keine Chance auf Einschleusung in Ihre Firma.

bz: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Herr Lotze. 

Kontakt zum Interviewpartner:
info@detektive-kocks.de (Manfred Lotze)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)