Sicherheitsforschung

Neues zur Öffentlichen Sicherheit.

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31.3.2015 (bz) – Das Forschungforum Öffentliche Sicherheit hat jetzt die "Ergebnisse interdisziplinäre Risiko- und Sicherheitsforschung“ vorgelegt. Das 173-seitige Werk wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sicherheits-Berater direkt es für Sie gelesen und fasst das Wichtigste für Sie zusammen.

 

Das Interessanteste aus 173 Seiten Forschung.

Das Forschungsforum Öffentliche Sicherheit der FU Berlin hat kürzlich seine "Ergebnisse interdisziplinärer Risiko- und Sicherheitsforschung“ als Zwischenbilanz veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine Art Rechenschaftsbericht, den man wirklich nicht in Gänze gelesen haben muss, wenn man kein Förderer oder Sponsor des Forschungsforums ist. Die stellenweise langatmigen, quellen- und zitatreichen, methodologisch opulenten Ausführungen lassen sich gut und gerne um 90 Prozent kürzen. Sicherheits-Berater direkt hat diesen Versuch unternommen und die zweifelsfrei vorhandenen, sprichwörtlichen Rosinen aus den ab Seite 41 beginnenden Beiträgen für Sie herausgepickt:

I. Vorabergebnisse der Delphistudie "Sicherheit 2030“

Als anhaltende Prozesse, die Einfluss auf die öffentliche Sicherheit haben werden, nennen die Experten in auffälliger Einigkeit (S. 46):

  • die steigende Abhängigkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien,
  • die steigende Vulnerabilität von Kritischen Infrastrukturen,
  • den Anstieg der globalen Mobilität und des globalen Handels,
  • die wachsende Schere zwischen Arm und Reich
  • den Anstieg der Migration nach Deutschland

II. Helferpotentiale bei Großschadenslagen

Bei dem Projekt ENSURE ging es darum darzustellen, welche Einsatzmöglichkeiten im Krisen- und Katastrophenschutz für spontane Helfer der sogenannten nichtprofessionellen Bevölkerung gibt. Denn einerseits ist die Beteiligung dieser Helfer positiv, andererseits stellt sie die professionellen Einsatzkräfte auch vor enorme Herausforderungen. Der Beitrag versucht also folgende Frage zu beantworten: "Wie können die Helfer sinnvoll in die bestehenden Strukturen eingebunden werden, ohne eingeübte Abläufe und Zuständigkeiten zu stören?“ Dazu spielten Versuchsteilnehmer die beiden Großschadenslagen "Starkregen und Sturm“ sowie "Großbrand“ durch. Unter der Voraussetzung, dass sich Mithelfer nicht selbst in Gefahr bringen dürfen, wurden drei Aufgabenbereiche identifiziert:

  1. Informationsaspekte
    Informationsweitergabe, Informationsbedarf decken und Informationen organisieren, Übersetzen, komplizierte Inhalte weitergeben.
  2. Räumung bzw. Evakuierung
    Begleitung von besonders vulnerablen Gruppen, Warnung an Bevölkerung, Ortskenntnisse nutzen.
  3. Betreuung
    Versorgung von Menschen (medizinisch, sozial, psychologisch), aber auch Versorgung mit Lebensmitteln und Unterbringung sowie evtl. Nachsorge.

III. Der Orkan Xaver über Berlin

Der Beitrag untersucht, ob die Warnungen vor dem Orkan Xaver im Dezember 2013 (z. B. der Berliner Tagesspiegel "Berlin droht stärkster Sturm seit Jahren“) der Panikmache der Medien zuzuordnen war oder ob die Vorabaufklärung in den Medien die Folgen des Orkans mindern konnte. Die Frage nach der Panikmache ist insofern interessant, als dass Falschalarme die Bevölkerung desensibilisieren könnten.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl für die Feuerwehr als auch für Teile der Berliner Bevölkerung festgestellt werden kann, dass die Warnung zu einer erhöhten Wachsamkeit und schließlich zur Durchführung von Vorbereitungs- und Sicherungsmaßnahmen geführt hat. Dazu hatten sie u. a. Feuerwehreinsatz- und Leitstellendaten analysiert und die Berliner Bevölkerung befragen lassen. Rund ein Viertel der Befragten gab an, auf Grund der Warnung besondere Sicherungsmaßnahmen getroffen zu haben. Darüber hinaus hatten die Warnungen dazu geführt, dass Nachrichten und Wetterberichte aufmerksam verfolgt worden seien. Verglichen mit der Situation bei anderen prominenten Stürmen kommen die Forscher allerdings auch zu dem Ergebnis: "Aus meteorologischer Sicht ist die Windwarnung vor Xaver in Berlin um eine Stufe zu hoch ausgefallen. Zudem wurde das Ereignis für Berlin medial gehypt.“

IV. Flughafensicherheit aus der Sicht von Experten und Passagieren

Beim Forschungsprojekt SAFEST, einer sogenannten "Akzeptanzstudie“, die die Autoren sehr ausführlich vorstellen, ging es um den Entwurf eines sensorbasierten Gefahrenerkennungs- und Krisenmanagementsystems für die kritische Infrastruktur eines Flughafens. Damit soll, so die Autoren, sowohl das Risiko einer Massenpanik frühzeitig detektierbar als auch unbefugtes Eindringen auf das Flughafengelände zu verhindern sein. Voraussetzung dafür ist jedoch die Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen bei den Passagieren, deren persönliche Daten dabei erhoben werden müssen. Die Forscher stellen nun fest, dass der Schutz der Privatsphäre (Überwachung vs. Datenschutz) am Flughafen offenbar nur einen Aspekt unter vielen darstellt - die Ausgestaltung der Sicherheitsmaßnahmen für die Mehrheit der Passagiere also offenbar äußerst akzeptabel ist.

V. Die Rolle der Bevölkerung in der Ernährungsnotfallvorsorge

Konzepte zur Ernährungsnotfallvorsorge (ENV) versuchen darzustellen, wie Bund, Länder und Kommunen im Fall einer Versorgungskrise agieren können oder sollen, um die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Forschungsforum untersucht im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung

(BMBF) geförderten Verbundprojektes "Neue Strategien der Ernährungsnotfallvorsorge (NeuENV)“, welche Rolle die privaten Haushalte in einer reformierten Ernährungsnotfallvorsorge übernehmen können. Dabei stellte sich heraus, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht, wie derzeit vorgesehen, Vorräte für 14 Tage anlegt. 77,7 Prozent aller von den Forschern Befragten kommen dagegen nur bis zu zwei Tage ohne eine zusätzliche Versorgung aus. Eine Selbsthilfekapazität von 14 Tagen trauen sich nur 12,3 Prozent zu. Die Forscher empfehlen daher, das bestehende ENV-Konzept zu überarbeiten. Dieses sollte dann ein verbraucherorientiertes Kommunikationskonzept zur optimalen Bevorratung privater Haushalte beinhalten – wobei auch die Unternehmen der Ernährungswirtschaft einzubinden wären.

Dem gleichen Thema widmet sich ein weiteres Forschungsvorhaben ("VVL-OECD“), das allerdings die Situation in allen 34 OECD-Ländern untersucht: "Vergleichende Vulnerabilitätsbetrachtung der Lebensmittelversorgung in OECD‐Ländern im Falle von Großschadensereignissen.“ Das Projekt startete am 1.1.2015.

VI. Die Zukunft eines handlungsfähigen Katastrophenschutzes in Schleswig-Holstein 2030

Auf Basis der Annahme, dass Extremwetterereignisse wie Sturmfluten oder Überschwemmungen weiter zunehmen und damit die Küstengebiete bedrohen, entwickeln die Forscher drei Szenarien, wie der Katastrophenschutz Schleswig-Holsteins im Jahr 2030 aussehen könnte. Das aus Sicht des Katastrophenschutzes ideale Szenario stellen sie dann vor. Wer sich für Katastrophenschutz interessiert, der schaue sich die sehr anschauliche Illustration auf Seite 154 des Forschungsberichtes an, die unter der Überschrift "Klar zur Wende“ steht. Wie gesagt, hier wird der Wunschtraum eines jeden Katastrophenschützers beschrieben: Der Katastrophenschutz ist überall präsent. Es gibt ein flächendeckendes Warnsystem (KATWARN), diverse Ausstattungsprogramme für Medikamente, Trinkwasser und Feldbetten, ein neu strukturiertes Katastrophenschutzzentrum mit einheitlicher Verantwortung, Kurzausbildungen für die Bevölkerung, Ehrenamtsagenturen und Corporate Volunteerung (z. B. Rentenpunkte für Ehrenamt im Katastrophenschutz).

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)