Maschinensicherheit

Mensch-Roboter-Kollaboration

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31.3.2015 (bz) – Wenn Roboter nicht mehr hinter Schutzzäunen oder unter Käfigen für sich allein arbeiten, sondern im Team mit Menschen, spricht man von Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK), -Interaktion oder -Kooperation. Und die werfen Sicherheitsfragen auf.

 

Hand in Hand ohne Risiko?

HitchBOT, der vor kurzem in allen Medien für Furore sorgte, als er durch Deutschland trampte, ist, so die VDI Nachrichten (vom 20. Februar 2015), "aktuellen Servicerobotern technisch deutlich unterlegen.“ Er kann eben nur Dialoge führen, aber "kein Essen bringen, keine Bücher wegräumen und keine Getränke einschenken“. Vor allen Dingen geht von HitchBOT jedenfalls physisch keinerlei Gefahr für Menschen aus.

Ganz anders sieht das aus bei Industrie- oder Servicerobotern, die sich – entweder in Gänze oder in Teilen, z. B. mit Greifarmen, auch physisch autonom bewegen können. Bisher standen solche Roboter traditionell auf von Menschen abgetrennten Arealen oder versahen ihre Arbeit unter Schutzkäfigen. Dennoch sorgte bereits 1984 ein Industrieroboter für den ersten Todesfall. Ein Fabrikarbeiter soll laut Wikipedia zu Tode gedrückt worden sein, als er sich gegen jede Warnung im Gefahrenbereich des Roboters aufhielt.

Weit weniger öffentlichkeitswirksam als HitchBOT entlastet der Roboter mit der Modellbezeichnung "PART4you“ seit Februar Audi-Arbeiter bei der Montage. PART steht dabei für "Produktions-Assistent reicht Teil“ und beschreibt somit die "Neue Mensch-Roboter-Kooperation in der Audi-Produktion“. Das Besondere daran: Der Roboter arbeitet ohne Sicherheitsabsperrung, ist also in der Lage, schutzzaunlos mit Menschen zu kooperieren. Und: "Der Roboter wird zum Fertigungsassistenten, der sich dem Takt des Menschen anpasst – und nicht umgekehrt.“ Für den Arbeiter bei Audi soll er eine "enorme Erleichterung“ darstellen: Bislang musste er sich in Materialboxen beugen, um die Kühlmittelausgleichsbehälter zu greifen – jetzt wählt der Roboter das korrekte Bauteil aus und hält es für ihn bereit.

Das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF bezeichnet die Entwicklung neuer Sicherheitstechnologien und -komponenten zur sicheren Mensch-Roboter-Interaktion als einen ihrer zentralen Forschungsschwerpunkte. Das Institut führt folgendes Leistungsspektrum auf:

  • die Entwicklung von sicherer Sensorik zur Arbeitsraumüberwachung sowie zur Detektion von Kontakt zwischen Mensch und Roboter (»Künstliche Haut«)
  • die Entwicklung von sicheren Manipulatoren für die Interaktion und Kooperation mit Menschen ohne trennende Schutzeinrichtungen
  • die Beratung hinsichtlich der Sicherheitsanforderungen und -ausführung von Robotern und Assistenzsystemen
  • die Untersuchung von Robotersystemen, Sensoren und Manipulatoren hinsichtlich des Einsatzes im gemeinsamen Arbeitsraum (Mensch-Roboter-Interaktionslabor am Fraunhofer IFF)

Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) schreibt in seinem Positionspapier: "Ohne Risikobeurteilung kann keine Mensch-Roboter-Kollaboration stattfinden.“ Doch wie sehen die Risiken aus? Bei Industrierobotern geht es im Wesentlichen um die Gefährdung des Menschen durch Verletzungsrisiken in Folge von Kollisionen, also z. B. Quetschung, Scherung oder Stoß. Solche Gefährdungen lassen sich unter Beachtung einer Fülle von Normen, unter anderem der Maschinenrichtlinie, minimieren.

Dass Militärroboter per se gefährlich sind, versteht sich von selbst. Die Frage lautet jedoch, ob sie dem Feind oder der eigenen Seite gefährlich werden können. Der Physiker und Friedensforscher Jürgen Altmann hält es in jedem Fall, nämlich für die gesamte Menschheit, für gefährlich, selbstständig agierenden Robotern Waffen an die Hand zu geben. Sein Credo: "Das ist das sogenannte Sicherheitsdilemma: Durch die Bemühungen um die eigene Sicherheit erhöht man die Gefahren und die Unsicherheit für alle.“ Altmann setzt sich dafür ein, Militärroboter prinzipiell zu verbieten. Und er hegt auch Sicherheitsbedenken bei zivil eingesetzten Robotern: "Wie sollen sich Roboter im öffentlichen Raum gegenüber Menschen verhalten?“

Ortwin Renn, Autor des Buches "Das Risikoparadox“ und Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart, äußert sich in einem Interview mit der Publikation Brandeins zur Furcht des Menschen vor den Robotern. Darin rechnet er nicht damit, dass Roboter in absehbarer Zeit die Herrschaft über die Menschen übernehmen. Aber er sieht drei potenzielle Risiken: Arbeitsplatzverlust, Kontrollverlust und Beziehungsverlust. Der Arbeitsplatzverlust werde, so Prof. Renn, durch höhere Wettbewerbsfähigkeit kompensiert. Die beiden anderen Risiken sieht er dagegen im Zusammenhang:

"Der Kontrollverlust ist dagegen ein relevantes Thema. Wer sich davor fürchtet, fürchtet sich vor dem Richtigen. Wir erleben ja tagtäglich, wenn wir über Google nach Informationen suchen, wie unsere Wahrnehmung zunehmend durch Algorithmen gelenkt wird. Und wenn Roboter Dienstleistungen übernehmen, für die bisher Menschen zuständig waren, etwa den Bewohnern von Seniorenheimen das Essen bringen, verändert sich das Beziehungsgefüge.“

Prof. Renn plädiert dafür, stets die ethische und soziale Verträglichkeit zu untersuchen, "weil die Gefahr der Entmündigung schleichend daherkommt und die Kontrolle unmerklich an die Maschine übergehen kann.“

Zur Frage "Wie lange geben wir noch den Ton an?“ äußerte sich Magnus Kalkuhl von Kaspersky Lab 2013 im Interview mit dem Handelsblatt. Das hänge davon, wie sich die Fortschritte im Bereich künstliche Intelligenz entwickelt. Er prognostizierte "zehn bis 15 Jahre für den Zeitpunkt, an dem Computer intelligent genug sind, um sich ohne weitere Hilfe des Menschen selbständig weiterzuentwickeln.“

Das würde dann wahrscheinlich schon den Anfang vom Ende der Mensch-Roboter-Kollaboration bedeuten. Aber bis dahin können sich die Älteren unter uns den Segen der MRK wenigstens auf www.robot-era.eu im Robot-Era Official Video ansehen: Der Roboter dient Senioren als Butler, geht für uns einkaufen, bringt den Müll raus und vieles mehr.

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