Kolumne

Des (Sicherheits-)Wahnsinns fette Beute.

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29.4.2015 (bz) – Führt die tägliche Auseinandersetzung mit Sicherheitsthemen schnurstracks in den Wahnsinn? Bernd Zimmermann fragt sich, wie lange er noch Sicherheitsrisiken recherchieren kann, ohne zum paranoiden Apokalypsenbeschwörer zu werden ...

 

"Akopalüze nau".

Okay, die Überschrift habe ich bei Helge Schneider geklaut (und hiermit korrekt zitiert). Schließlich haben wir offenbar eine Gemeinsamkeit: Wir sind dazu befähigt, uns die Apokalypse als Ergebnis eines größtmöglichen Sicherheitsrisikos vorzustellen. Aber während Herr Schneider die Apokalypse im Rahmen einer Tournee völlig sinnfrei dramatisierte, versuche ich als Redakteur einer Sicherheitsberatung, davor zu warnen. Sie heißt wahlweise "Drohnenbedrohung", "NSA-Bespitzelung", "Blackoutdesaster", "Ich könnte-in-den-Aufzugschacht-fallen-Gefahr" oder "Cloud-Datenklau-Risiko".

Sicherheits-Paranoia macht unbeliebt

Neulich nannte mich ein Bekannter deswegen "paranoid". Ich leide also laut Wikipedia unter einer psychischen Störung, in deren Mittelpunkt Wahnvorstellungen stehen. Das bereitet mir große Sorgen. Dabei hatte ich meinen Beschimpfer nur auf die Gefahren hingewiesen, denen er sich aussetzt, wenn er seinen aktuellen Reisemeilenrekord twittert und dabei noch seinen Online-Status bzw. Standort preisgibt. Verscherzt habe ich es mir auch mit einem Kollegen, der partout nicht einsehen will, dass Drohnen eine Bedrohung für Rechenzentren darstellen könnten. Dabei hatte ich erst kürzlich einen Experten interviewt, der weiß, wie man brandgefährliche Drohnen für ein Taschengeld selbst herstellt. Wenn das so einfach wäre, würde es doch auch praktiziert, lautete die Antwort des erkenntnisrenitenten Kollegen. Und: "Nennen Sie mir ein Beispiel, dass eine Drohne jemals ein Rechenzentrum lahmgelegt hat!" Immerhin scheint sich – außer dem Drohnenfreak und mir – auch die Pariser Polizei Sorgen wegen der Drohnenbedrohung zu machen. Ich bin also gottlob nicht allein. Schließlich habe ich auch schon jemanden interviewt, der seine Lebensaufgabe darin sieht, die Menschheit vor dem drohenden Blackout, dem flächendeckenden Stromausfall, zu warnen. Der tourt wie ein Zeuge Jehovas mit seiner unfrohen Botschaft durch die ganze Republik. Auf mich wirkte er mit seinen Prophezeiungen dabei zweifellos seriöser als der Papst.

Geile Tipps für ziemlich beste Freunde

Immerhin habe ich als Sicherheitsrechercheur stets geile Tipps für beste Freunde: Mick, den alten Eifersuchtshypertoniker, mache ich auf den Shockwatch® Stoßindikator aufmerksam. Den kann er seiner Frau Susy, bevor sie ohne ihn zum nächsten Klassentreffen geht, auf die Hüften kleben. Damit hat er sie praktisch mit einem virtuellen Keuchheitsgürtel ausgestattet. Denn das Teil veranlasst nicht nur Spediteure zu äußerster Vorsicht im Umgang mit Paketen, sondern zeigt auch irreversibel an, wenn sich Susy allzu heftigen Stößen aussetzt. Mick ist begeistert, als ich ihm von diesem Sicherheitsprodukt erzähle. Im Sinne einer sicherheitsrelevanten Redundanz rate ich ihm dann noch dazu, auch den Tiltwatch Kippindikator anzubringen. Der wacht über das aufrechte Handling von Susy und dokumentiert sofort, wenn sie sich einmal in die Horizontale begibt. Und auch den Temperaturindikator "WarmMark 2" kann ich Mick wärmstens empfehlen. Der schlägt wahlweise bei über acht oder bei über 24 Grad an. Nur den Feuchtigkeitsindikator verkneife ich mir in einem Akt größter Selbstbeherrschung zu empfehlen.

Heilung durch Hypersensibilisierung möglich?

 forteng.de: T-Shirt: Gegen den Sicherheitswahn
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von forteng.de

Die Stachel des Paranoiavorwurfes sitzen natürlich dennoch tief. Dass meine Kinder nur noch "Ach, Papa!" seufzen, wenn ich ihnen dann und wann einen aufklärenden Link zu Facebook, WhatsApp und YouNow maile … geschenkt! Aber habe ich tatsächlich das Stadium von Majestix mit seiner Sorge, dass ihm irgendwann der Himmel auf den Kopf fällt, schon erreicht? Vielleicht bin ich schon ein Fall für eine Hypersensibilisierungstherapie? Muss ich jetzt rund um die Uhr das T-Shirt der Fortunafans mit der Aufschrift "Gegen den Sicherheitswahn" (zurzeit allerdings ausverkauft) tragen? Wird meine Paranoia unter Umständen als Berufskrankheit anerkannt?

Ach, ist das schön, tagaus, tagein mit Sicherheitsthemen konfrontiert zu werden … 

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)