Interview

Eigensicherung: "Das frühe Nein zählt."

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30.6.2015 (bz) – "Wichtiger als Karategürtel und Revolver ist die innere Einstellung, um auf gewaltbereite Angreifer zu reagieren“, sagt Buchautor Dr. Uwe Füllgrabe (df). Bernd Zimmermann (bz) sprach mit ihm über die Psychologie der Eigensicherung.

 

Mit Selbstbewusstsein selbst gegen Psychopathen.

bz: In Ihrem Buch "Psychologie der Eigensicherung: Überleben ist kein Zufall“ (5. Auflage), das im renommierten und auf Sicherheitsthemen spezialisierten Boorberg-Verlag erschienen ist, haben Sie die Polizeipraxis anhand dokumentierter Fälle und wissenschaftlicher Erkenntnisse analysiert und vorgestellt. Was machen Polizisten richtig, wenn sie auf gewaltbereite Angreifer treffen, was machen sie falsch, um sich selbst zu schützen? Sind Ihre Erkenntnisse auch für den Normalbürger nützlich?

Dr. Uwe Füllgrabe
Dipl.-Psychologe und Buchautor

df: Davon bin ich auf Basis meiner theoriegeleiteten Praxis überzeugt. Natürlich werden Sie oder ich nie eine Führerscheinkontrolle durchführen, jemanden festnehmen oder als Werkschützer eine verdächtige Person zur Rede stellen müssen. Aber das Prinzip der Eigensicherung und Gewaltvermeidung ist in allen Situationen praktisch gleich. Es gilt auch für den Passanten, der nachts einsam am Bahnsteig steht, oder für Frauen, die von Männern misshandelt werden. Ich kenne eine Therapeutin, die weibliche Opfer von Gewalt betreut und diesen mein Buch weiterempfiehlt. Selbst in der Outdoor-Tracking-Szene wird es von Leuten, die relativ auf sich allein gestellt im Ausland unterwegs sind, offenbar mit Interesse gelesen.

bz: Sie nennen dieses eben erwähnte Prinzip TIT FOR TAT.

df: Dahinter steht nicht etwa das Prinzip "Auge um Auge“, sondern es bedeutet sinngemäß "spiegelbildliches Verhalten“. Lassen Sie mich das erklären: Bei jeder zwischenmenschlichen Begegnung sollten Sie stets angemessen interaktiv reagieren. Das heißt, ist mein Gegenüber freundlich, sind Sie auch freundlich, ist er unfreundlich, sollten Sie distanziert sein. Verhält er sich kooperativ, sind Sie ebenfalls kooperativ, zeigt er sich unkooperativ, weisen Sie ihn sofort in seine Schranken, indem Sie ihm signalisieren, dass er mit Widerstand rechnen muss – wobei das Stichwort "sofort“ sehr wichtig ist.

bz: Sie wollen damit sagen, dass andernfalls keine Nachjustierung des eigenen Verhaltens mehr möglich ist?

df: Das scheint nach allem, was wir heute wissen, wohl so zu sein. Um einmal ein Beispiel aus dem nichtpolizeilichen Bereich zu nennen: Wenn ein Mann seiner neuen Freundin zum allerersten Mal Gewalt antut, muss sie, so lautet meine Empfehlung, ihn sofort und kompromisslos vor die Tür setzen. Hier muss also eine sofortige Reaktion erfolgen. Die Hoffnung, dieses brutale Verhalten werde sich vielleicht im Laufe der Zeit ändern und man könne sich vielleicht arrangieren, ist rein illusorisch. Eine solche Reaktion kann Sie bzw. in diesem Fall eine Frau schnell in akute Lebensgefahr bringen. Wenn nicht sofort auf Gewalt reagiert wird, wirkt das für den Täter bekräftigend, und die Gewalt steigert sich noch.

Wenn eine Frau in einer frühen Phase der Beziehung aufgefordert wird, ihre alten Sozialkontakte aufzugeben oder dem Mann einen größeren Geldbetrag zu leihen, sollten die Alarmglocken ebenfalls schrillen. Sie hat dann große Chancen, das Opfer eines Heiratsschwindlers oder eines noch bösartigeren Verbrechers zu werden.

bz: Da gibt es keine Ausnahmen?

df: Statistisch gesicherte Erkenntnisse sprechen klar dagegen. Jacobson und Gottman beobachteten zum Beispiel schon 1998 bei ihrer Analyse gewalttätiger Ehemänner, dass nach zwei Jahren 54 Prozent der Männer einer gewalttätigen Gruppe ihre Gewalt verringerten. Doch dies darf nicht falsch interpretiert werden in dem Sinne, dass diese Männer plötzlich eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht hätten. Denn sobald man Kontrolle über eine Frau durch Schlagen gewonnen hat, kann die Kontrolle alleine schon durch beständigen gefühlsmäßigen Missbrauch mit gelegentlichem Schlagen aufrecht erhalten werden, als Erinnerung an das, was an Missbrauch in einer Ehe alles möglich ist. Natürlich gibt es also den Fall, dass ein Mann seine Partnerin im Laufe der Zeit weniger oft schlägt. Das zeigt aber leider nur, dass er sie nun komplett unter Kontrolle hat.

bz: Welche Rolle spielt die körperliche Überlegenheit eines Angreifers?

df: Es gibt zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen bedrohte Frauen oder körperlich schwächere Männer einen kräftigen Angreifer entweder durch eine entschlossene Ansprache  von der Gewaltanwendung abhielten oder ihn sogar außer Gefecht gesetzt haben. So schaltete ein eher schmächtiger Mann nach einer Beleidigung seiner Ehefrau einen ehemaligen Boxchampion mit einem einzigen Schlag aus. Auch sportlich trainierte Karatekämpfer sind keineswegs von vornherein die Sieger bei Auseinandersetzungen. Ich kenne z. B. den Fall einer sportlich sehr erfolgreichen Karatekämpferin, die vergewaltigt wurde.

bz: Erklären Sie mir, wie man zum Sieger wird.

df: Genau so wichtig wie das Aneignen von Techniken, wie sie zum Beispiel in Selbstverteidigungskursen vorzugsweise für Kinder, Frauen und Senioren angeboten werden, ist die mentale Haltung. Das gilt sogar für Kampfsportler, die ja gelernt haben, sich nach ganz bestimmten Regeln zu verhalten – die dann von brutalen Angreifern einfach missachtet werden. Sorgen Sie stattdessen dafür, selbstbewusst und "streetwise“ zu werden. Es gibt  einen Ethnologen, der in extrem gefährlichen Stadtvierteln soziologische Studien treibt und noch nie überfallen wurde. Dem ist es nämlich gelungen, auch mit gewalttätigen Menschen eine kooperative Beziehung aufzubauen. Informieren Sie sich also über die Sprache und die Tricksereien, die auf der Straße herrschen. Lernen Sie, dass Gefahr im Verzuge ist, wenn Sie jemand mit einer scheinbar völlig sinnlosen Frage nach dem Muster "Wie war heute Ihr Tag an der Börse?“ anspricht. Dann besteht die Gefahr, dass er Sie nur verwirren will, um Sie dann zu schädigen. Bilden Sie einen Gefahrenradar aus - d. h. das sorgfältige Beobachten der Menschen und der Umwelt - und werden Sie zu einer Überlebenspersönlichkeit. "Wichtiger als ein Karategürtel oder – im Falle eines bewaffneten Polizisten - ein Revolver ist die innere Einstellung, um auf gewaltbereite Angreifer zu reagieren“.

bz: "Überlebenspersönlichkeit“ – das klingt so nach angeborenem Talent.

df: Ich glaube nicht daran, dass so etwas in den Genen steckt, sondern daran, dass die Fähigkeit zur Ausbildung eines Gefahrenradars und die passende Reaktion auf Gefahr erlernbar und durch Erziehung zur selbstbewussten Persönlichkeit vermittelbar ist.

bz: Das klingt alles ganz plausibel. Aber sind nicht bei Psychopathen Zweifel angebracht, ob das alles wirklich hilft?

df: Sie haben Recht in der Annahme, dass Psychopathen einen Sonderfall darstellen. Um ein Bild zu gebrauchen: Wenn Sie eine antisoziale Persönlichkeit vor dem Ertrinken retten, haben Sie oft einen Freund fürs Leben. Ist dieser Gerettete jedoch ein Psychopath, kann es sein, dass er sich wortreich bei Ihnen bedankt und sie absticht und ausraubt, wenn Sie ihm den Rücken zukehren. Ein Psychopath beurteilt Sie schließlich nicht nach unseren bürgerlichen Kriterien, also "Ist mein Gegenüber freundlich oder nicht?“, sondern nach der Antwort auf die Frage "Wie leicht ist mein Gegner zu überwältigen?“ Diese Menschen besitzen ein untrügliches Gespür dafür, mit wie viel Widerstand sie bei einem Opfer rechnen müssen. Gerade deshalb ist die Strategie des TIT FOR TAT, des selbstbewussten Auftretens mit spiegelbildlicher Reaktion auch in diesem Falle erfolgversprechender als alles andere. Sorgen Sie dafür, dass ein Angreifer Sie für stark hält, nicht für schwach. Nehmen Sie deshalb auf gar keinen Fall eine resignative Haltung ein.

bz: Hoffen wir, dass wir nie auf Ihre Empfehlungen angewiesen sein werden, Herr Dr. Füllgrabe. Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Kontakt zur Interviewpartner:
uwe.fuellgrabe@gmx.net (Dr. Uwe Füllgrabe)

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