Produktkritik

Wie "smart" ist Smart Home eigentlich?

@ stockpics - Fotolia.com

30.6.2015 (mb/bz) – Schöne neue Welt mit Smart Home? Neben handfesten Sicherheitsrisiken gibt es aus Nutzersicht noch eine ganze Reihe problematischer Produktmerkmale – "Kinderkrankheiten“ eben, wie sie bei Innovationen üblich sind.

 

Kinderkrankheiten inklusive.

Im Internet der Dinge sind selbst unsere Häuser klug, also "smart“. Smart Home verspricht dem Konsumenten, ihm das Leben leichter und sicherer zu machen, ihn unmerklich zu unterstützen, ihm beim Sparen zu helfen. Stellenweise sind jedoch Zweifel angebracht:

 

Stichwort Ökonomie

Das Etikett "Smart Home“ wertet Produkte auf, z. B. Türklinken, Türschlösser oder spezielle Lampen. Auf deren Verpackungen findet sich oftmals das Etikett "Smart Home ready“. Das heißt, dieses Produkt besitzt einen kleinen Speicher, der eine IP-Adresse enthält, sodass es sich mit dem Internet verbinden und fernsteuern lässt. Verbunden ist das Angebot dann zunächst einmal mit einem Preisaufschlag. Zugleich folgt auf der Verpackung ebenfalls oft genug das Argument des Geldsparens. Dadurch, dass sich die Lampe, die Heizung oder andere Smart Home Produkte im Hause per Handy von außen an – und abschalten lassen, könne man ihren Einsatz gezielter steuern und dabei Energiekosten sparen (somit profitieren zumindest diejenigen, die ihre Geräte bereits händisch optimal eingestellt haben, nicht zusätzlich). In der Praxis sind eine Energiebilanz unter Berücksichtigung der Amortisationskosten und der Vergleich herkömmlicher Produkte mit Smart Home Produkten jedoch kaum zu leisten. Denn wieviel eingespart werden kann, sieht man letztendlich erst an der  Stromkostenabrechnung. Die entsprechende Verwaltungssoftware-App auf dem Smartphone zeigt einzig und allein an, ob man heute weniger oder mehr als gestern verbraucht hat – und das womöglich mit Hunderten von Diagrammen. Nirgendwo kann man jedoch nachlesen, wieviel Watt man absolut eingespart hat. Das Kostensparargument scheint übrigens selbst bei den Projekten der Stromversorger, die mit "intelligenten Stromzählern“ werben, nicht zu greifen: "Smart Meter kosten mehr, als sie nützen.“ 

 

Stichwort Nutzerfreundlichkeit

Im Optimalfall kaufen Verbraucher Produkte, die nutzerfreundlich, leicht zu installieren und selbsterklärend sind. Davon kann bei Smart Home Produkten kaum die Rede sein: Die Verwaltung von Smart Home Geräten nimmt einige Zeit in Anspruch. Es ist zwar immer von Plug ‘n Play (anschließen und loslegen) die Rede, aber die Umsetzung beginnt doch meist schon beim Lesen der Bedienungsanleitung mit Kopfschmerzen. Hat man das gewünschte Gerät dann endlich umständlich auf sich personalisiert, dürften viele Verbraucher schon nach kurzer Zeit wieder auf die ausschließliche Nutzung der mechanischen Funktionen ihrer Smart Home Produkte zurückfallen. Auch die ständigen (und aus Sicherheitsgründen empfohlenen) Updates kosten Mühe und Zeit (wobei Firmware-Updates aufwendiger sind als Software-Updates). Denn jedes Gerät muss einzeln aktualisiert werden. Eine herkömmliche Türklinke baut man einfach ein und nutzt sie. Dagegen will eine Smart Home Türklinke sozusagen regelmäßig betreut werden.

 

Sichtwort Kompatibilität

Smart Home ist wahrscheinlich deshalb noch nicht so weit verbreitet, weil es bis heute keinen einheitlichen Standard gibt. Jeder Anbieter hat eigene Lösungen konzipiert, um die Serie der eigenen Produkte verkaufen zu können. Das heißt, nur Geräte von Hersteller A können untereinander kommunizieren. Geräte von Hersteller A und B können jedoch nicht gemeinsam, sondern nur parallel in zwei voneinander unabhängigen Prozessen angesteuert werden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Auch die Frage, ob Nachfolgeprodukte ein und desselben Herstellers auf lange Sicht kompatibel sind mit alten Produkten, darf noch als unbeantwortet gelten. Jedenfalls kosten Kompatibilitätsprobleme nicht nur Zeit und Nerven des Verbrauchers – auch der versprochene Wohnkomfort lässt sich so kaum mit Freude genießen.

 

Stichwort Datenschutz und –sicherheit

Datenschützern sträuben sich die Nackenhaare beim Stichwort Internet der Dinge im Allgemeinen und Smart Home im Speziellen. Nutzerdaten fliegen in Firmenservern zur Nutzeranalyse im Sekundentakt ein, auch im Heimnetz des Anwenders sammeln sich mehr angreifbare Datenpakete als sonst durch den regulären Datenaustausch üblich.

Das Beispiel Smart Lock des Türschlossanbieters August Home, Inc. zeigt, dass bei Smart Home Türschlössern ganz offenbar von einem zusätzlichen Produktrisiko auszugehen ist. Im Netz kursierten bereits Anleitungen zum Knacken solcher Schlösser. Glücklicherweise war die Lücke in diesem Fall bereits einen Tag später wieder geschlossen. Käufer eines Smart-TV von Samsung hatten ebenfalls nicht schlecht zu staunen, als veröffentlicht wurde, dass Sprachbefehle an externe Drittanbieter übermittelt werden, um ein weiteres Beispiel für das Risikopotenzial bei Smart Home Produkten zu nennen. Auch die Marktreife dieser Produkte hinsichtlich ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Hackerangriffe scheint noch äußerst unterentwickelt zu sein, wenn man dem Security-Provider Proofpoint Glauben schenken darf. Dieser nimmt für sich in Anspruch, den ersten großen Hackerangriff mit 750.000 Malware-Mails auf 100.000 Smart Home Geräte dokumentiert zu haben. Dazu zählt auch der sprichwörtliche Kühlschrank, der als Spamschleuder missbraucht wurde.

 

Fazit

Es ist sicher nicht vermessen, bei der Betrachtung von Smart Home Produkte von Kinderkrankheiten zu sprechen. Aus Sicht von Verbrauchern, die vor allem Nutzerfreundlichkeit bewerten, könnte man auch davon sprechen, dass sich Smart Home noch im Embryonalstadium befindet. Übrigens, je mehr Geräte in einem Netzwerk miteinander "verdrahtet“ sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Hacker, eine angreifbare Lücke im System zu finden. Und ein einzelnes schwaches Gerät kann alle anderen in der Kette mitinfizieren. 

 

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)