Interview

Textilgefaserter Personen- und Sachschutz.

© TITV via FKT

3.9.2015 (bz) – Seit der Frühzeit dienen Textilien dem Schutz des Menschen. Bernd Zimmermann (bz) sprach mit Dr. Klaus Jansen (dkj), Geschäftsführer des Forschungskuratorium Textil, darüber, wie High-tech-Textilien heutzutage immer mehr für Schutz und Sicherheit sorgen.

 

"Extrem vielseitig im Securitybereich".

bz: Auf dem Bild, das wir für den Einstieg zu diesem Interview gewählt haben, erkennt man eingewirkte Metallfäden, die dem Schnittschutz bei Kleidungsstücken dienen. Ist das nicht im Prinzip die Weiterentwicklung des Kettenhemdes aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert?

Dr. Klaus Jansen, Geschäftsführer FKT
Bildquelle: FKT

dkj: Der Vergleich passt natürlich, was das Schutzbedürfnis des Menschen angeht. Träger eines Kettenhemdes wollten sich vor Verletzungen schützen. Aber zwei ganz entscheidende Unterschiede gibt es doch: Wesentliches Merkmal von Textilien ist deren faserförmige Charakteristik, die bei den vielen innovativen Produkten der Textilindustrie mit bloßem Auge oftmals kaum zu erkennen ist. Bei einem Kettenhemd handelt es sich demnach nicht um ein Textil. Und einem Zeitgenossen, der zum Beispiel im Bau- oder Abbruchgewerbe arbeitet, würde man sicher nicht mehr zumuten wollen, die Last eines Kettenhemdes zu tragen. Verletzungen durch Glasscherben, Verkleidungsbleche oder Stahlarmierungen können Sie heute viel effizienter und mit unvergleichlich höherem Tragekomfort vorbeugen, indem Sie hochfeste Aramidgarne mit Metallgarnen verweben und daraus flexible und bequeme Jacken und Hosen fertigen. So erhalten Sie einen integrierten Schnitt- und Prallschutz, der sogar immer preiswerter zu haben ist, weil auch die Produktion durch Entwicklung neuer Wirkmaschinen immer effizienter gelingt.

bz: Das Forschungskuratorium Textil, kurz FKT, so ist es auf www.textilforschung.de nachzulesen, ist der institutionellen Textilforschung zuzuordnen. Dabei denkt man nicht zwingend an ein Sicherheits- oder Securitythema, sondern zunächst an Mode und Bekleidung, bestenfalls an Funktionskleidung für Sport und Freizeit. Sieht die Textilforschung jetzt eine Marktlücke in der Entwicklung von Sicherheitstextilien?

dkj: Das ist durchaus keine neue Entwicklung – Sicherheit ist seit eh und je ein wichtiges Thema der Textilindustrie. Nehmen Sie nur die Ladungsabdeckungen für LKW. Schon im zweiten Weltkrieg hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie man deren textile Schutzwirkung erhöhen kann. Heute werden LKW-Planen mit eingewebter Sensortechnik entwickelt, die den Fahrer sofort informiert, wenn sich jemand daran mit einem Messer zu schaffen macht, um an die Ladung zu gelangen. Und um Ihr Stichwort "Marktlücke“ aufzugreifen: Ja, die Textilindustrie hat schon sehr früh erkannt, welch großes  Innovationspotenzial sich ihr auch in Bezug auf Sicherheitsprodukte bietet. Die Gründung des FKT im Jahre 1951 war logische Folge dessen. Man hat gesehen, dass man textile Produkte mit innovativen Lösungen noch weiter aufwerten und erfolgreich am Markt anbieten kann. Das FKT sollte deshalb  Forschungsaktivitäten bündeln und ein Netzwerkbündnis zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft pflegen. Wir waren sozusagen damals ein visionärer Vorreiter des Public Private Partnership. Im Ergebnis kam es zur Entwicklung eines Pro-Tech-Bereiches mit neuen Stoffen und intelligenten Zusatzfunktionen.

bz: Nennen Sie doch einmal ein paar aktuelle Entwicklungen.

GPS-Antenne
Bildquelle: RWTH/ITA

dkj: Gern, unsere Mitglieder entwickeln zurzeit zum Beispiel stichfeste Textilien für besonders gefährdete Personengruppen wie Bus- und Taxifahrer. Auch stichfeste Rucksäcke, die bei einem Einstich, ähnlich wie bei der LKW-Planen, ein Signal erzeugen und somit der Diebstahlprävention dienen, gehören dazu. Ich kann Ihnen sogar hochleistungsfähige Textilien nennen, die die Wucht von Explosionen aushalten. Diese sind für die Beförderung gefährlicher Güter oder zum Abschirmen von in Gepäckstücken versteckten Bomben oder Sprengkörpern gedacht. Schutztextilien am Körper werden zu Hightech-Trägern mit hohem Tragekomfort. Sie verfügen über Sensoren, kommunizieren, leuchten, speichern Energie oder überwachen die Körperfunktionen. Speziell für Sicherheitsskräfte entwickelte Schutzbekleidung mit integrierten intelligenten Funktionen misst die Herzfrequenz. Eingewebte textile GPS-Antennen ermöglichen im Notfall den Rettern eine genaue Ortung. Es gibt bald sogar Batteriesysteme in Textilien, die OLED-/LED-Elemente auf der Schutzbekleidung autark mit Strom versorgen. Die Wiederaufladung wird bequem mit induktiver Kopplung möglich sein. Mehr und mehr textile Innovationen kommen auch aus Bereichen, die gar nichts mit Kleidungsstücken zu tun haben. Wir sind da für Inspirationen und Problemstellungen aus jeder Richtung offen – d. h. unsere Mitglieder greifen diese auf, prüfen, ob sie einen Beitrag zu mehr Sicherheit liefern können und forschen dementsprechend.

bz: Dann können Sie sicher noch ein paar Beispiele aus dem industriellen Bereich nennen?

Rotorblatt mit zugkraftsensitiver textiler Oberfläche
Bildquelle: FKT

dkj: Nehmen Sie nur die Automobilindustrie und denken Sie an Sicherheitsgurte, Airbags oder Sicherheitssysteme mit Abstandsstrukturen in Motorhauben. Hier gibt es zahlreiche Beispiele für textile Werkstoffe, die explizit der Sicherheit dienen. Gleiches gilt für den Flugzeugbau, die Betonproduktion und viele andere Wirtschaftszweige. Selbst die Flügel  von Windkraftanlagen kommen ohne sensorische Textilien bald nicht mehr aus. Darin sind nämlich Glas- und Kohlefasern verarbeitet, die sogar melden, wenn die Biegebelastung von der Norm abweicht und eine Inspektion vor Ort angeraten ist. Sie sehen, moderne textile High-tech-Werkstoffe sind extrem vielseitig im Securitybereich einsetzbar.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Jansen.

 

Kontakt zur Interviewpartner:
kjansen@textilforschung.de (Dr. Klaus Jansen)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)