Interview

Großveranstaltungen auf Nummer Sicher.

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25.09.2015 - Eventsicherheit hängt nicht nur von der Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften und Normen, sondern auch vom Wissen und den Charaktereigenschaften der Planer und Organisatoren ab. Das sagt Sabine Funk (sb), Geschäftsführerin der IBIT GmbH, im Gespräch mit Bernd Zimmermann (bz).  

 

"Eventsicherheit braucht Leute mit Rückgrat." 

Sabine Funk, Geschäftsführerin und Dozentin
IBIT GmbH
Bildquelle: Sabine Funk

bz: Frau Funk, mit der Theorie der Veranstaltungssicherheit befassen Sie sich beim Internationalen Bildungs- und Trainingszentrum für Veranstaltungssicherheit, IBIT. Und praktisch haben Sie sich nicht nur um die Veranstaltungssicherheit gekümmert, sondern komplette Großveranstaltungen, zum Beispiel die Bonner RHEINKULTUR, gemanagt. Wer sich also wie Sie theoretisch und praktisch mit Sicherheitsfragen beschäftigt stößt früher oder später auf das Thema Überregulierung – vermutlich eher früher … ?

sb: Veranstaltungssicherheit kann man da durchaus als berühmte Ausnahme von der Regel sehen, denn es gibt gerade für den Bereich der Besuchersicherheit kaum Vorschriften – geschweige denn solche, die der Komplexität des Themas gerecht werden. Während es viele gute und hilfreiche Vorschriften für den Bereich des Gesundheitsschutzes und der Arbeitssicherheit sowie für die Veranstaltungstechnik gibt, sind Fragen der Besuchersicherheit nach wie vor durch Vorschriften des Baurechts oder des Brandschutzes geprägt. Neben der Musterversammlungsstättenverordnung existieren noch einige DIN Normen, zum Beispiel zur Anordnung von Zuschauerplätzen, aber wesentliche Fragen werden auch dort nicht beantwortet. Entweder sie bieten zuwenig Detailtiefe oder aber sie sind viel zu speziell und nicht grundsätzlich auf alle Arten von Veranstaltungen übertragbar.

"Angemessen" planen statt nach Checkliste

bz: Ich frage mich bisweilen, welche Norm denn wohl für die langen Schlangen vor den Dixiklos verantwortlich ist …

sb: In der Musterversammlungsstättenverordnung finden sich tatsächlich Vorgaben über die Anzahl von Toiletten. Diese sind allerdings auf ein spezielles Nutzungsszenario angelegt und können nicht einfach so auf alle Großveranstaltungen übertragen werden. Während im Rahmen eines Fußballspiels die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass die Besucher in der Halbzeitpause die Toiletten nutzen, die dann natürlich in entsprechender Anzahl vorhanden sein müssen, sieht es bei Konzerten - ohne definierte Pausen - ja schon ganz anders aus: Jeder geht, wann er will. Noch anders bei Märkten oder Stadtfesten – hier spielen Fragen der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer oder des Publikumsprofils eine Rolle. Die Forderung, dass Dinge "in angemessener Anzahl" vorhanden sein müssen, wird von vielen kritisiert – macht aber Sinn, weil die "angemessene Anzahl" immer von unterschiedlichen Faktoren abhängig ist. Starre Mensch-Anzahl-Quotienten helfen nur denen, die Veranstaltungen "nach Checkliste" planen bzw. beurteilen.

Oder nehmen Sie den leider noch häufig zu findenden Ordnungsdienstschlüssel, der zum Beispiel besagt, dass eine Securitykraft jeweils 100 Besucher betreut. Es gibt Veranstaltungen mit 1.000 Besuchern, die aus meiner Sicht überhaupt keine Ordner benötigen - die die Behörde aber dann vehement einfordert. Da muss man doch fragen: Was sollen die Ordner denn überhaupt machen? Auf der anderen Seite kann es sein, dass Sie als Eventberater gegenüber Ihrem Auftraggeber sich auch einmal für mehr als die nach diesem Schlüssel geforderten Ordner einsetzen müssen. Wenn nämlich von diesen 50 Ordnern schon 40 an irgendwelchen Fluchttüren und anderen festen Positionen gebunden sind, haben Sie nur noch zehn für die Betreuung Ihrer Besucher. Also, es ist und bleibt vollkommen utopisch, in dieser Frage mit einem pauschalen Schlüssel vorzugehen. Hier versuchen wir unsere Schulungsteilnehmer argumentativ so auszurüsten, dass sie das auch gegenüber Behördenvertretern oder Auftraggebern entsprechend vertreten können.

Eigener Gefährdungsanalyse vertrauen

bz: Wenn es keine oder kaum Vorschriften zur Orientierung gibt bzw. wenn diese eher verwirren - woran orientieren Sie sich dann?

sb: Es klingt vielleicht trivial, aber wir fordern zu Folgendem auf: "Erst denken!" Wir sagen unseren Seminarteilnehmern deshalb in aller Deutlichkeit: "Vertrauen Sie Ihrer eigenen Gefährdungsanalyse!" Auch Behördenvertretern, die vielleicht den Tag der Offenen Tür planen und sich tendenziell lieber starr an ihre Musterversammlungsverordnung halten wollen, empfehlen wir das sehr nachdrücklich. Das wichtigste Lernziel, das wir vermitteln wollen, lautet also: "Treffen Sie eigene Entscheidungen!" Das bedeutet natürlich, dass diese Entscheidungen auch begründet und transparent nachvollzogen werden können.

bz: Da wird sich aber der eine oder andere Seminarteilnehmer extrem unsicher fühlen?

sb: So ist es. Aber hier geht es um Veranstaltungssicherheit, also um die Sicherheit von Hunderten oder gar Tausenden oder Zehntausenden von Menschen. Und wir versuchen ganz klar darzustellen, dass Veranstaltungssicherheit und Rechtssicherheit zweierlei Dinge sind. Die akribische Umsetzung der Musterverordnung führt eben nicht zwingend zu Veranstaltungssicherheit. Eine ausführliche Gefährdungsanalyse für die konkrete Veranstaltung ist immer notwendig, um konkrete Gefahrenquellen und Gefährdungen aufzuzeigen – und hierauf dann ebenso zu konkret wie sinnvoll reagieren zu können.

bz: Was konnte Ihre Branche aus den Fehlern lernen, die damals zur Love-Parade-Katastrophe von Duisburg geführt haben?

sb: Duisburg war für Spezialisten auf dem Gebiet der Veranstaltungssicherheit keinesfalls der große Augenöffner. Eher für diejenigen, die bis dahin geglaubt haben, dass Veranstaltungen in Deutschland ausreichend behandelt werden. Veranstaltungssicherheit ist eben definitiv mehr als nur Brandschutz und Bühnentechnik.

Was die Loveparade bewirkt hat, ist, dass Besuchersicherheit überhaupt erst als eigenständiges Thema diskutiert wird – genauso wie auch die Notwendigkeit der interorganisationalen Zusammenarbeit.

Machbarkeitsüberlegungen anstellen

bz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie es mit einem für Sie neuen Typ von Veranstaltung zu tun haben, bei dem Sie selbst noch keine Erfahrungen gewinnen konnten?

sb: Wir versuchen natürlich, dennoch Vergleichswerte zu ermitteln. Dazu gehört zum Beispiel die internationale Recherche. Wir stellen dann für alle Bereiche Machbarkeitsüberlegungen an, beginnend mit dem Gelände: Ist die Bewegungsfläche groß genug? Wie steht´s mit der Verkehrsfläche? Ist eine entsprechende Entlastungsfläche gegeben, um zum Beispiel 50.000 Menschen aufnehmen zu können? Und dann müssen wir realistische Annahmen treffen – übrigens eine Aufgabe, die vielen, die sich bei uns fortbilden, sehr schwer fällt. Viele Beteiligte haben regelrecht Angst, sich auf eine konkrete Aussage zur möglichen Anzahl an Besuchern festzulegen. Sie winden sich dann mit Verweis auf Unwägbarkeiten – zum Beispiel beim Wetter. Wir fragen in diesem Fall gern: "Okay, aber Ihr bestellt doch eine gewisse Menge Bier? Wieviel denn genau? Und wie kalkuliert Ihr diese Menge?" Die Leute haben eben Angst, etwas falsch zu machen und, falls etwas passiert, wegen ihrer falschen Annahmen sofort im Gefängnis zu landen.

Sicherheitsplanungen dokumentieren

bz: Was kann man denn tun, um das Haftungsrisiko zu minimieren?

sb: Wenn Sie Sicherheitsentscheidungen auf Basis von Annahmen treffen, müssen Sie dafür sorgen, dass diese nachvollziehbar sind. Deshalb gehört die Dokumentation unbedingt mit zur Sicherheitsplanung. Darin sollten Sie nachweisen können, dass Sie sich mit allen relevant Beteiligten abgestimmt haben – hierzu gehören Polizei und Feuerwehr genauso wie die Verkehrsbetriebe oder die Medien

Die gemeinsame Wissensbasis (gemeinsame
Pläne etc.) dient der sicheren Planung
Bildquelle: IBIT GmbH

Eine ausführliche Machbarkeitsanalyse und eine ebenso ausführliche Gefährdungsbeurteilung sind Pflicht. Wenn Sie davon überrascht werden, dass sich Ihr Veranstaltungsgelände nach 10 Tagen Regen in ein Schlamminferno verwandelt, haben Sie nicht gut gearbeitet. Wenn Sie das alles bis zum Ende der Veranstaltung, das ja nicht deckungsgleich ist mit dem Ende der Show auf der Bühne, nachvollziehbar und realistisch geplant haben, müssen Sie zumindest den Vorwurf der Fahrlässigkeit nicht fürchten. Berücksichtigen Sie Sicherheitsbelange also von der allerersten Machbarkeitsanalyse bis hin zu dem Zeitpunkt, an dem die Besucher wieder sicher an den Übergabepunkten in Bus und Bahn oder in ihrem Auto angekommen sein werden. Und dokumentieren Sie diese Sicherheitsplanungen!

bz: Wie flexibel können Sie denn noch auf Unvorhersehbarkeiten reagieren?

sb: Für Ereignisse mit einer realistischen Eintrittswahrscheinlichkeit werden Szenarien im Rahmen der Notfallplanung vorbereitet. Nehmen Sie zum Beispiel an, es zeichnet sich eine Überfüllung der Veranstaltung ab. Dann greifen Profis auf ihre Notfallplanung zurück und realisieren bereits vorbereitete Maßnahmen. Hierzu gehört zum Beispiel, dass sie mit den Verkehrsbetrieben kommunizieren, durch die Medien aufrufen "Bitte nicht mehr kommen!" oder auch vorbereitete Sperrkonzepte umsetzen.

Teammitglieder mit Rückgrat aussuchen

bz: Und was tun Sie bei ungeplanten Ereignissen, für die es keinen Plan B gibt?

sb: Hierfür brauchen wir eine widerstandsfähige Organisation mit kurzen Kommunikationswegen. Bei ungeplanten Ereignissen hängt alles davon ab, dass ich mich als Verantwortliche 100-prozentig auf mein Team und die optimale Kommunikation aller Teammitglieder untereinander verlassen kann. Deshalb kommen für mich nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ganz bestimmten Charaktereigenschaften in Frage. Menschen also, die nicht nur viel wissen und über Erfahrung verfügen, sondern die auch schnell Entscheidungen treffen können und diese auch verantworten. Menschen, die keine Angst haben, auch mal einen Fehler einzugestehen und aus diesem zu lernen. Und vor allem: Persönlichkeiten mit Rückgrat. In kritischen Situationen darf man sich nicht fürchten, Entscheidungen zu treffen, genauso wenig, wie man sich durch Befindlichkeiten oder Vorurteile lenken lassen darf. Ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe zwischen Menschen, die sich ihrer Position und ihrer Verantwortung bewusst sind – das wäre mein Traumteam.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Funk. Und auf Wiedersehen spätestens am 11. und 12. April 2016, wo die IBIT beim 8. Netzwerktreffen für Krisen- und Notfallmanager der SIMEDIA referieren wird. 
 

 

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Sabine.Funk@ibit.eu

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)