Statement

Panikmache der Polizei. Wie bitte?

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3.11.2015 (bz) – "Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten!" So wandte sich die Polizei aus Hagen an die Facebook-Community. Recht so, meint Sicherheits-Berater direkt.

 

Ein berechtigter Aufruf zum Opferschutz.

Das nennt man Polizeipresse mit Reichweite! Der folgende Facebook-Beitrag der Polizei Hagen wurde millionenfach gelesen und begrüßt:


Bildquelle: Screenshot von
www.facebook.com/Polizei.NRW.HA

Der Sicherheits-Berater ist dafür bekannt, dass er gern auch gegen die Mehrheitsmeinung argumentiert. Aber diesmal muss er einmal mit dem Strom schwimmen, mit denen, die kundtaten, das ihnen das "gefällt". Denn: Die Aufforderung der Polizei Hagen war lange überfällig. Aber zunächst einmal wollen wir die zu Wort kommen lassen, die gegen die Polizei argumentiert haben:

Ein namentlich nicht genannter Redakteur der Internetplattform meedia.de sprach beispielsweise von "Panikmache". Das kann man so machen – wenn man es begründet. Der Autor jedoch gab keinerlei Begründung an, nicht einmal ansatzweise. Vielmehr schrieb er: "Tatsächlich machen es sich die Ordnungshüter mit dieser platten Botschaft sehr einfach. Differenziert geht anders." Das stimmt wohl – aber auf ihn selbst bezogen!

Ein Blogger names Christian Buggisch setzt sich dagegen argumentativ mit der Aufforderung der Polizei auseinander. Und seine Argumentation ist interessant: Die Botschaft laute ja, wer Kinderfotos in sozialen Netzwerken poste, der setze seine Kinder einem Risiko aus. Das hat er richtig wiedergegeben. Dann stellt er fest, Risikomanagement sei für Eltern eine alltägliche Aufgabe. Eine Null-Risiko-Strategie, wie von der Polizei empfohlen, sei jedoch nicht durchführbar. Der Mann ist Vater von drei Kindern, weiß also, wovon er spricht. Immer noch d´accord. Nur – indirekt spricht er es selbst an: Die Betroffenen besitzen, weil minderjährig, gar nicht die Entsscheidungshoheit pro oder contra eine Null-Risiko-Strategie. Und das ist genau der wunde Punkt, den die Polizei richtig erkannt und angesprochen hat. Sie wendet sich als Anwalt der Kinder nicht umsonst an die Eltern – wohlwissend, dass diese als Erziehungsberechtigte anstelle ihrer Kinder agieren.

Man darf sicher davon ausgehen, dass der Aufruf der Polizei (wohlgemerkt, es war ein Aufruf, keine Anordnung!) nicht grundlos erfolgt ist, sondern weil hochgeladene Kinderbilder Gegenstand von Strafanzeigen bzw. Strafverfahren sind, weil es Opfer gibt, weil vielleicht in Hagen ein Polizeibeamter oder eine Polizistin etwas einfühlsamer reagiert hat als anderswo. "Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder hochzuladen" bewegt sich auf der gleichen polizeilichen Beratungsebene wie "Schließen Sie Türen und Fenster, wenn Sie das Haus verlassen" oder "Tragen Sie Ihre Geldbörse im Gedränge immer am Körper" – Empfehlungen der Polizei, für die man diese nicht als "Apodiktiker" (Leute, die keinen Widerspruch dulden) verunglimpfen sollte. Bitte Panikmache nicht mit Opferschutz verwechseln!

Ein Argument gegen das Hochladen hat die Polizei übrigens selbst vergessen: In dem Moment, in dem Sie ein Porträtfoto Ihres Kindes (Ihres Angestellten, Ihres Vereinsmitgliedes oder irgendeines anderen Menschen) ins Netz stellen, ist automatische Gesichtserkennung möglich. Sie haben dann ein biometrisches Verfahren angestoßen bzw. ermöglicht – denn ab jetzt ist Ihr Kind erfasst und die, die es erfassen, sind nicht nur die netten Beamten vom Einwohnermeldeamt. Aus der Nummer kommt Ihr Kind so schnell nicht wieder heraus. Wo immer ein weiteres Foto Ihres Kindes im Netz auftaucht, wird ein Querverweis möglich. Man muss also gar nicht spekulieren, dass ein hochgeladenes Kinderfoto vielleicht erst in zwanzig Jahren als peinlich oder unvorteilhaft empfunden wird.

Wer die Anregung der Polizei als Bevormundung oder Panikmache versteht, hat ganz offenbar nicht verstanden, dass sich die Zeiten geändert haben. Die neuen Medien haben unser soziales Verhalten beeinflusst und sie werden dies auch künftig weiter tun. Man kann (bzw. darf) heute nicht mehr einfach so irgendwelche Leute fotografieren und ins Netz stellen. Das kann man natürlich bedauern – denn fotografische Meisterwerke wie die eines Cartier Bresson, Elliot Erwitt oder einer Vivian Maier werden auf legalem Wege in Deutschland kaum mehr entstehen. Es spricht nichts dafür, ausgerechnet Kinder vom Fotografiertabu, das künftig noch rigoroser werden dürfte, auszunehmen.

 

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