Kolumne

Verbotene Buchstaben und Ziffern.

© FM2 – Fotolia.com

26.11.2015 (bz) – Löst man ein Sicherheitsproblem, wenn man Autokennzeichen wie HH-AH-88 verbietet? Bernd Zimmermann hält das für keine gute Idee.

 

 

Sagt ja zu 88, AA, AH und HH!

Bei dem Münchener Autokennzeichen M-AH-8888 soll es sich um einen "Behördenfehler" handeln. Es soll laut Recherchen der Süddeutschen "durchgerutscht" sein. Denn eigentlich verstößt das Kennzeichen nach Fahrzeug-Zulassungsverordnung § 8, Absatz 1gegen die guten Sitten. A ist schließlich der erste, H der achte Buchstabe des Alphabets, also AH, und jetzt halten Sie sich fest: Adolf Hitler. Ich hätte ja spontan eher an eine Kollegin mit den gleichen Initialen gedacht. 88, darauf muss man auch erst einmal kommen, soll nicht etwa für den Geburtsjahrgang 1988 oder das Dreikaiserjahr 1888 stehen, sondern für HH, also "Heil Hitler!". Und weil Rechtsradikale offenbar glauben, sich mittels unverdächtiger Symbolik gegenseitig identifzieren zu müssen, werden solche Buchstabenkombinationen schlichtweg verboten. Der Spiegel bietet dazu im Netz einen "Deutschlandatlas der No-go-Nummernschilder" an. Als Nazi würde ich Autos nur noch in Hamburg anmelden.

In meiner Sippschaft, der Familie Zimmermann, gibt es Menschen, die mit Vornamen Karl heißen. Deren Initialen lauten folglich: KZ. KZ ist ebenfalls keine einfache Buchstabenkombination in Deutschland. Die massenweise vorkommenden familiären KZs, die an ihren Initialen hängen und keineswegs gegen die guten Sitten verstoßen wollen, helfen sich damit, dass sie die Buchstaben vertauschen: ZK. Mir fällt dazu sofort "Zentralkommitee" ein, herzlichen Glückwunsch!

Wieso soll HH vorne in der Bedeutung Hansestadt Hamburg erlaubt, aber in der Mitte verboten sein? Unter welcher Krankheit leiden eigentlich Leute, die allen Ernstes Buchstabenkombinationen auf Autokennzeichen verbieten? Wollen wir demnächst jedes Wort, das jemals aus dem stinkenden Maul eines Adolf Hitler entwich, aus dem Duden streichen? Laut Focus geht es, zumindest in Österreich, jetzt auch den Initialen IS an den Kragen. War mir am Wagen einer Freundin mit dem Namen Ingrid S. gleich aufgefallen. Der Freundin überhaupt nicht. Die konnte sich (mit Recht) voll und ganz damit identifizieren. Jetzt droht sie also in einen Topf geworfen zu werden mit Tätern oder Sympathisanten des IS, die meinen, sich per Autokennzeichen outen zu müssen. Würde man das als Terrorist oder als Mitläufer überhaupt tun? Mag sein, dass Neonazis in dieser Hinsicht noch ein wenig schmerzfreier sind – die zeigen ja gern mal Flagge. Aber was könnte sinnvoller sein für die kriminalistische Ermittlungsarbeit, als dass sich solche Leute auch noch outen? Wohlgemerkt, ich plädiere hier nicht dafür, dass die Ewigbraunen mit Hakenkreuzbinden herumlaufen dürfen. Dass ist zu Recht unter Strafe gestellt. Aber ein Hakenkreuz ist auch ein exklusiv eindeutiges Symbol - KZ als Buchstabenfolge ist mehrdeutig und nur im Zusammenhang als Abkürzung für Konzentrationslage zu deuten. Und es macht wohl noch einen Unterschied aus, ob sich jemand NSDAP auf seine Fahnen schreibt oder das Autokennzeichen NS-DAP-88 (was allerdings tatsächlich nicht existiert) wählt.

Ironiemodus an: Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, fordert laut Focus einen bundesweit einheitlichen "Katalog von geächteten Abkürzungen", um "Behördenwillkür und Kleinstaaterei bei der Kennzeichenvergabe" zu verhindern. "Das von der Bundesregierung angeführte Moralempfinden eines ‚anständigen Durchschnittsmenschen‘ erscheint mir ein unsicherer Maßstab, um den Missbrauch von Kfz-Kennzeichen durch Neonazis zu verhindern", sagte Jelpke, der "Welt". Da möchte ich noch ein Stück weiter gehen: Wir sollten dringend eine Kommission bilden, die SÄMTLICHE gemeingefährliche Buchstaben- und Zahlenkombinationen identifiziert und benennt. Auch rückwärts lesbare und überhaupt alle irgendwie semantisch belasteten Kombinationen sollten verboten sein und allesamt radikal ausgemerzt werden – wie z. B. im Falle IZ-AN im Kreis Steinburg (rückwärts also NA-ZI) geschehen. Dazu gründen wir am besten einen Normausschuss, dessen Ergebnisse dann exklusiv im Beuth-Verlag veröffentlicht werden. Damit noch jemand schönes Geld damit verdienen kann …

 

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)