Interview

Gassprengung von Geldautomaten.

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17.12.2015 (bz) – Die Gassprengung von Geldautomaten sollte die Risikobeurteilung auf ein neues Niveau heben. Das fordert Sicherheitsberater Uwe Hoffmeister (uh) im Gespräch mit Bernd Zimmermann (bz).

 

"Mit Gasbomben auf Geldplomben".

Uwe Hoffmeister,
von zur Mühlen'sche (VZM) GmbH, Bonn

bz: Letzte Woche waren Sie im RTL-Fernsehen als Experte zum Thema Geldautomatensprengung zu sehen. Wie kam RTL auf Sie?

uh: Die Anfrage wurde zunächst an meinen Arbeitgeber, die von zur Mühlen'sche Sicherheitsberatung, gestellt. Und der wollte natürlich der Presse nicht nur einen Ansprechpartner mit langjähriger Beratungspraxis anbieten, sondern auch jemanden, der sich mit Geldautomaten aus eigener Erfahrung auskennt. Vor meinem Informatikstudium und meiner beruflichen Karriere als Sicherheitsberater habe ich eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Und als Auszubildender musste ich die Büchsen, so haben wir die Geldautomaten damals flapsig genannt, ja gelegentlich auch auffüllen. Keine Frage, dass man die technische Entwicklung dann interessiert weiterverfolgt. Jedenfalls habe ich RTL nur eine ganz konkrete Antwort auf eine ganz konkrete Frage gegeben. Anlässlich des 49. gesprengten Geldautomaten in NRW lautete die Frage der Reporter, ob es nicht auch Geldautomaten gibt, die einer Gassprengung standhalten. Die Frage konnte ich sinngemäß mit Ja beantworten – solche Geräte gibt es und diese Tatsache öffentlich zu kommunizieren entfacht, das hoffe ich jedenfalls, vielleicht auch eine kleine präventive Wirkung.

bz: In dem Beitrag zeigten die RTL-Reporter sozusagen den erhobenen Zeigefinger: Seht her, da gibt es eine Technik, die den Geldraub verhindern würde und kaum eine Sparkasse setzt sie ein.

uh: Der Zeigefinger ist berechtigt, wenn man bedenkt, dass von solchen Sprengungen akute Lebensgefahr für völlig unbeteiligte Personen ausgeht. Das kann der Bankkunde sein, der sich nachts Geld am Automaten ziehen will, ebenso wie der arglose Rentner, der seinen Hund spazieren führt und durch Zufall an einer Bank oder Sparkasse vorbeikommt. Die können dann ganz schnell Opfer eines Bankraubes mit Nebenwirkungen werden. Gerade gestern kam es hier im regionalen Umfeld wieder zu einer Sprengung, bei der Materialteile bis zu 50 Meter weit geflogen sein sollen. Das können ja todbringende Geschosse sein. Damit muss sich eine Risikobeurteilung auf einem ganz anderen, deutlich höheren Niveau bewegen als beispielsweise die bei der explosionslosen Gerätemanipulation durch Skimming. Ich sehe deshalb dringenden Handlungsbedarf, was die Gefahr der Gassprengungen von Geldautomaten betrifft. Hier wird schließlich mit Gasbomben auf Geldplomben gezielt.

bz: Die Räuber gingen in diesem Fall allerdings leer aus.

uh: Das ist richtig. Es wurde also ein Bankraub verhindert – eine Gefährdung des öffentlichen Raumes dagegen nicht.

bz: Was wäre also zu tun?

uh: Die Banken sollten nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Die Frage lautet nämlich meiner Meinung nach keineswegs nur "Wie verhindern wir, dass die Sprengung den erfolgreichen Geldraub ermöglicht?" Ein wirklich ernst zu nehmender Best-Practice-Ansatz sollte vielmehr danach fragen, wie eine Sprengung prinzipiell zu verhindern wäre. Es geht ja nicht nur darum, den Geldraub als solchen, der ja übrigens auch gewaltfrei, z. B. durch Skimming, erfolgen kann, zu verhindern. Vielmehr entstehen erhebliche technische Schäden, bauliche Zerstörungen und Störungen des Betriebsablaufes. Nicht zuletzt stellt sich immer auch die Imagefrage. Das Geld und die materiellen Schäden, wahrscheinlich auch Personenschäden, deckt die Versicherung ab. Aber Imageschäden sind weder bezifferbar noch hinnnehmbar. Nachher traut sich niemand mehr in die Nähe eines Geldautomaten …

bz: Wieso kommt es überhaupt zu so vielen Sprengungen?

uh: Gute Frage – ich erinnere mich, dass wir schon vor etwa zehn Jahren von einem Kunden um ein Sicherheitskonzept gebeten worden sind. Damals handelte es sich bei Automatensprengungen allerdings um eine einigermaßen exotische Straftat. Ganz offenbar setzen sich bei den Angreifern von heute, die übrigens auch besser vernetzt und organisiert zu sein scheinen, drei Erkenntnisse durch: Erstens, anders als beim klassischen Bankraub gibt es beim Geldautomaten noch etwas zu holen. Immerhin sind die Geräte je nach Stückelung der Scheine mit sechsstelligen Beträgen befüllt. Zweitens, die Automaten scheinen ganz offenbar zu knacken zu sein. Täter, die das nicht glauben, überlegen sich dann alternativ, den ganzen Automaten zu rauben, um ihn dann in Ruhe aufzuschweißen. Und drittens wird das Risiko, auf frischer Tat oder im Rahmen einer Fahndung gefasst zu werden, wohl als gering eingeschätzt.

bz: Man sollte meinen, dass das Angebot an Geldautomaten doch einigermaßen begrenzt ist?

uh: Das Raubpotenzial ist jedenfalls deutlich größer als das, das sich dem klassischen Bankräuber bietet. Die Anzahl der Geldautomaten – seit Jahren deutlich mehr als 50.000 in Deutschland - ist höher als die von Banken. Aus krimineller Sicht bietet sich hier schon ein ziemlich verlockendes Potenzial, das die Täter, wenn sie denn halbwegs überlegt vorgehen, ganz leicht eruieren können. Eine einfache Internetrecherche und Sie wissen, wieviele Dependancen das Kreditinstitut xy wo im Raum yz besitzt. Alternativ setzen Sie eine App auf Ihrem Smartphone ein, die liefert Adresse und Umgebungskarte für die schnelle Abreise gleich mit.

bz: Was wäre denn aus Ihrer Sicht zu tun, um solchen Sprengungen vorzubeugen?

uh: Falls die Kreditinstitute unter Kosten-Nutzen-Lethargie leiden, sollten sie sich schnell davon befreien.

bz: Das heißt?

uh: Solange die Kreditinstitute gut versichert sind und das Anschlagsrisiko als überschaubar wahrgenommen wird, besteht aus betriebswirtschaftlicher Sicht kaum Anlass, alte Geräte durch sprengungssichere auszutauschen oder in die Prävention zu investieren. Dadurch entstehen ja auch immense Kosten. Imageschäden und lebensgefährliche Nebenwirkungen durch Sprengungen lassen sich jedoch meiner Meinung nach kaum klassisch gegenrechnen. Was nützt es, wenn die Versicherung die Beute ersetzt, aber die Bank als lebensgefährliche Lokation betrachtet wird?

bz: Was also wäre vorbeugend zu tun?

uh: Zur Vorbeugung bedarf es meiner Ansicht nach eines ganzen Bündels an ineinander greifenden Maßnahmen. Spontan haben sich einige Kreditinstitute ja zum Beispiel schon dazu entschlossen, die Öffnungszeiten der Vorräume, in denen Geldautomaten stehen, einzuschränken. Damit wollen sie das Bewachungsdefizit in publikums- und zeugenarmen Zeiten, also mitten in der Nacht, überbrücken. Offenbar reift die Erkenntnis, dass Videoüberwachung kein Allheilmittel sein kann. Videokameras fangen ja bekanntlich keine Einbrecher, sondern besitzen vorzugsweise forensische Qualität. Noch einmal: Oberstes Ziel einer Sicherheitsplanung kann nicht mehr nur sein, den Geldraub zu verhindern und eventuell die Täter mitsamt der Beute schnell dingfest zu machen. Oberstes Ziel muss sein, die Sprengung als solche zu verhindern. Da die Sprengungen mit Hilfe von Gas vorgenommen werden, wäre hier der Hebel anzusetzen. Es darf einfach kein Gas mehr in Geräteöffnungen eingeleitet werden können! Hier halte ich bauliche Veränderung am Geldautomaten, speziell am Shutter, für dringlich. Der Shutter ist die Klappe, die im Normalfall die zur Auszahlung bestimmten Geldscheine freigibt. Auch gilt mein Appell der Industrie, entsprechende Nachrüstlösungen zu entwickeln. Die Versicherungen jedenfalls, davon bin ich überzeugt, werden bald Druck ausüben und die Kreditinstitute zu Präventionsmaßnahmen zwingen, wenn sie künftig zu oft auszahlen müssen. Um die Aufzählung der Vorbeugemaßnahmen an dieser Stelle abzukürzen: Es gibt zahlreiche Ansatzpunkte, die bereits sehr ausführlich in der VdS 5052 beschrieben sind. Die kann sich jeder Sicherheitsverantwortliche in Bank oder Sparkasse aus dem Internet ziehen. Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, der einzige zu sein, der so etwas liest.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hoffmeister.

 

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uh@vzm.de (Uwe Hoffmeister)

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)