Interview

Selbstbehauptung mit der Polizei.

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30.3.2016 (bz) – Die Sekretärin unseres Herausgebers, Manuela Wagner (mw), nahm an einem sehr lehrreichen Frauenselbstbehauptungskurs teil. Bernd Zimmermann (bz) sagte sie, der sei besser gewesen als Pfefferspray kaufen.

 

"Angreifer besser ohne Pfefferspray abschrecken."

Foto: VZM
Manuela Wagner
Sekretärin VZM GmbH, Bonn
(Redaktionssitz des Sicherheits-Berater)

bz: Wie kamen Sie auf die Idee, an einem Selbstverteidigungskurs für Frauen teilzunehmen? Vermutlich haben Sie die Vorfälle am Kölner Hauptbahnhof dazu ermuntert.

mw: Ganz und gar nicht, angemeldet war ich schon Ende des letzten Jahres. Nein, es war eine Freundin, die hier in Bonn bei einer Berufsgenossenschaft arbeitet und mich mitnehmen wollte. Bei einem Vortrag der Polizei Bonn wurde der Kurs, der übrigens Selbstbehauptungskurs - und nicht Selbstverteidigungskurs - heißt, bei diesem Arbeitgeber vorgestellt. Die Bonner Polizei macht das im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Organisiert wird der Kurs vom Polizeisportverein Bonn. Nach den Ereignissen in Köln war der Kurs dann schnell bis zum Sommer ausgebucht. Diese Freundin wusste jedenfalls, dass ich kürzlich aufs Land gezogen bin und deshalb diesen Kurs gut gebrauchen konnte. Ich bin also völlig unverhofft dazu gekommen.

bz: Mit welchen Erwartungen sind Sie denn zum ersten Kursabend gegangen?

mw: Naja, dass es solche Kurse gibt, weiß man ja. Ich hatte nur eine ziemlich diffuse Vorstellung davon, dass man irgendwie ein wenig gestärkt wird, um sich bei mulmigen Situationen aus der Affäre ziehen zu können. Aber da gibt es gewaltige Unterschiede. Bei diesem Kurs handelte es sich nicht um eine Samstagnachmittagveranstaltung, bei der man vielleicht ein oder zwei Karatetricks lernt. Wir haben vielmehr im Polizeipräsidium Bonn an 10 Terminen jeweils drei Stunden ungleich viel mehr gelernt. Ich hätte nie gedacht, dass da soviel Sport und Training mit im Spiel ist. Heute weiß ich, dass man Selbstbehauptung nicht aus einem Buch lernen kann oder mit vielleicht zwei Stunden Praxis. Hier ging es richtig um eine sportliche und auch psychische Herausforderung. Sehr beeindruckt hat mich, dass man innerhalb kürzester Zeit total außer Atem kommt, wenn man länger als ein paar Sekunden mit einem Angreifer kämpfen muss. Das lässt nur einen Schluss zu: Wenn Du zuschlägst, um Dich zu wehren, musst Du auch auf Anhieb treffen! Wenn Du nämlich anfängst zu zappeln und Dich auf eine Rangelei einlässt, stehst Du das gegen einen Mann nicht minutenlang durch, sondern bist völlig geschafft. Gut, dass wir das gezielte Treffen immer und immer wieder geübt haben.

Körpersprache: "Halt, bis hierher und nicht weiter!"
Bildquelle: Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH

bz: Es scheint Ihnen ja richtig Spaß gemacht zu haben.

mw: Das war sicher nicht nur Spaß, sondern eher ein Wechselbad der Gefühle. In der ersten Stunde kam ich mir ziemlich merkwürdig vor. Wir waren fast dreißig Frauen und mussten regelrecht erst einmal üben, so laut wie möglich zu schreien. Da gab es dann eine Gruppe, die sollte einer zweiten Gruppe etwas zurufen. Dazwischen stand jedoch eine dritte Gruppe, wie eine Mauer, und die sollte einen solchen Lärm machen, dass die Zurufe der ersten Gruppe nicht mehr verstanden werden konnte. Wie gesagt, ziemlich merkwürdig und höllisch laut. In der letzten Trainingseinheit ging es dann beim Außentraining in der Dunkelheit so richtig zur Sache. Das war so realistisch, da habe ich richtig Angst gehabt. Zum Ende hin blieben von den anfangs 30 Frauen noch 20 übrig. Schade für die, die sich aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden haben, denn sie haben - nach meiner Einschätzung - eine sehr wertvolle Erfahrung verpasst. Vor allem wurde das Ganze von vier richtigen Profis veranstaltet – einer Hauptkommissarin, einer Psychologin und zwei Kampftrainern. Das war wirklich eine sensationelle Betreuung, absolut professionell.

bz: Vermutlich haben Letztere Ihnen auch den berühmt-berüchtigten Tritt in die Weichteile von Sittenstrolchen beigebracht.

mw: Stimmt, aber keineswegs ausschließlich. Ein solcher Knockoutschlag setzt ja voraus, dass man schon ziemlich nah dran ist am Angreifer beziehungsweise er schon auf Tuchfühlung gegangen ist. Ein Tritt vors Schienbein ist viel besser geeignet, um den Angreifer erstmal zu stoppen, wenn er sich noch einen Schritt weiter entfernt befindet. Das tut ebenfalls ganz empfindlich weh und verschafft Ihnen die Zeit, sich aus dem Staub zu machen. Natürlich haben wir auch den Weichteiltritt geübt, der in diesem Fall ein Tritt auf den Tiefschutz des Trainers war und mit einem deutlichen Ploppgeräusch belohnt wurde. Dann hörten alle "Treffer!" und man wusste, dass man alles richtig gemacht hatte. Neben dem Schienbeintritt und dem Tritt zwischen die Beine gibt es auch noch andere Möglichkeiten, zum Beispiel einen Schlag auf die Ohren. Als sehr hilfreich erlebt habe ich auch die Tipps, mit denen man einen Treffer vorbereiten kann. Wird man vom Täter zu Boden geworfen und hält der einen an den Armen fest, gibt es nämlich einen tollen Trick, damit der wieder loslässt. Den verrate ich hier aber nicht.

bz: Haben Sie auch Abwehrtipps rund um den Einsatz von Pfefferspray, das ja momentan verkauft wird wie warme Semmeln, erhalten?

mw: Vom Einsatz eines Pfeffersprays hat uns die Polizei eher abgeraten. Man muss es im überraschenden Notfall erst einmal aus der Tasche kramen. Dann kann der Wind ungünstig stehen und man schadet sich selbst. Wir haben gelernt, alles, was ich brauche, bringe ich bereits mit: Meine Stimme, meine Körperhaltung, meine Ausstrahlung, Entschlossenheit und Körperkraft.

 
Bodenkamp: "Befreiungsschlag und nichts wie weg!"
Bildquelle: Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH

bz: Im Netz gibt es eine Videoaufzeichnung von der Veranstaltung. Ich glaube, Sie können jetzt ganz schön austeilen?

mw: Nicht, dass der falsche Eindruck entsteht: Bei dem Kurs handelte es sich nicht um einen Karatecrashkurs: Er bestand vielmehr aus drei wichtigen Teilen: neben dem sportlichen auch einem psychologischen und einem kriminologischen Teil, die beide sehr hilfreich waren. Im psychologischen ging es im Kern darum, wie man seinem Gefühl so folgen kann, dass man auch tatsächlich und unmissverständlich "Nein" sagt, wenn man ein Nein empfindet. Und das man das auch mit entsprechendem Nachdruck rüberbringt. Das setzt voraus, dass man die Situation richtig einschätzen kann. Ab wann muss ich den Knopf drücken, wenn ein Angreifer mich verbal beleidigt, wenn er mich anfasst, wenn er auf mein "Nein" nicht reagiert? Nebenbei gab es dann immer wieder nützliche Tipps, wie den, dass man Täter niemals duzen sollte. Es entstünde nämlich bei Außenstehenden sofort der Eindruck, hier sei ein privater Beziehungsstreit zugange, in den man sich besser nicht einmischen sollte. Im kriminologischen Teil schließlich wurden uns hochinteressante Fakten über Gewaltverbrechen vermittelt, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. So wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass man als Opfer einer Gewalttat oder Vergewaltigung auch anonym Spuren sichern lassen kann, ohne gleich eine Anzeige zu stellen. Das Verfahren nennt sich ASS, also die gerichtsverwertbare anonyme Spurensicherung, und wurde vom Arbeitskreis Opferschutz Bonn/Rhein-Sieg entwickelt. Viele Krankenhäuser nehmen daran teil. So kann man auch nach bis zu zehn Jahren nach einer Tat noch jemanden nachträglich anzeigen, z. B. weil es erneut zu einem Übergriff gekommen ist oder man nach einiger Zeit mehr Mut zur Anzeige hat.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Wagner.

 

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wm@vzm.de (Manuela Wagner)

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