Interview

Risikobewertung bei Unwetterlagen.

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28.7.2016 (bz) – Die rückblickende Betrachtung von Wetterereignissen dient sowohl der Risikoprävention als auch der Regulierungsobjektivität. Das sagt Diplom-Meteorologe Dr. Jens Grenzhäuser aus der VdS-Abteilung GeoExpertise im Gespräch mit Bernd Zimmermann (bz).

 

Wetterdaten für Schadenregulierung und Prävention.

Dr. Jens Grenzhäuser
Diplom-Meteorologe bei VdS

bz: Herr Dr. Grenzhäuser, Sie sind Meteorologe in der VdS-Abteilung GeoExpertise. Welche Aufgabe hat diese Abteilung?

jg: In der Abteilung GeoExpertise bieten wir Informationen und Dienstleistungen rund um das Thema Naturgefahren an. Mit hochwertigen Geo- und Wetterdaten unterstützen wir unsere Kunden in der Gefährdungsanalyse, also präventiv und auch in der Prüfung möglicher eingetretener Schäden, also reaktiv. Um die Überschwemmungsgefahr risikogerecht einschätzen zu können, wurde das Informationstool ZÜRS Geo entwickelt, das von VdS im Auftrag des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, kurz GDV, betrieben wird.

ZÜRS Geo ist das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen. Es bündelt versicherungsrelevante Geodaten zur Hochwassergefährdung. Und auch die Umweltgefährdung bezüglich geschützter Tier- und Pflanzenarten kann mit ZÜRS Geo ermittelt werden. ZÜRS Geo liefert dadurch eine objektive Grundlage zur individuellen Risikobewertung und Prämienkalkulation durch die Mitgliedsunternehmen.

ZÜRS Geo
Bildquelle: VdS

Zusätzlich stehen Informationen aus ZÜRS Geo neben der Versicherungswirtschaft auch weiteren Branchen über das Portal ZÜRS Solutions, und zunehmend auch allgemeine Informationen im Portal Kompass Naturgefahren der Öffentlichkeit zur Verfügung. Hausbesitzer können sich mit dem Hochwasserpass ein Bild über das individuelle Überschwemmungsrisiko ihres Eigenheims machen.

 

 

 

ZÜRS Geo
Bildquelle: VdS

Zur reaktiven Prüfung eingetretener Schäden bieten wir mit dem Informationsdienst Meteo-Info umfassende Daten zu allen schadenrelevanten meteorologischen Fragestellungen. Die Informationen der Meteo-Info sind kostenpflichtig und unterstützten neben Versicherern auch Versicherungsmakler, Gutachter und Sachverständige bei der Prüfung und Regulierung witterungsbedingter Schäden. Die Einschätzung von Gebäuderisiken oder die Prüfung eines eingetretenen Schadens kann mit Hilfe unserer umfangreichen Daten und Tools direkt vom Schreibtisch aus erfolgen. Dies erspart in den meisten Fällen aufwendige wie teure Besichtigungen vor Ort und stellt dadurch natürlich eine nicht unerhebliche  Kostenersparnis dar, die allen Beteiligten zu Gute kommen kann.

Meteo-Info
Bildquelle: VdS

bz: Das heißt, Sie haben gar nichts mit Wettervorhersagen zu tun?

jg: Als Meteorologe interessiere ich mich zwar für Wettervorhersagen und beobachte diese auch sehr genau. Bei VdS kümmere mich aber eher um die Dokumentation von Wetterereignissen, die bereits stattgefunden haben. Meist handelt es sich um Sturmereignisse, Gewitter samt Begleiterscheinungen, wie im wesentlichen Blitz, aber auch Hagel und Starkregen, bis hin zu schadenträchtigen Unwettern, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu beobachten waren.

bz: Wenn Sie Unwetter nur im Rückblick analysieren, welche Rolle spielt die Prävention in ihrem Tätigkeitsfeld oder in der Abteilung GeoExpertise?

jg: In der Abteilung GeoExpertise arbeiten wir in verschiedenen Projekten eng mit unserem Gesellschafter, dem GDV zusammen. Durch meine Erfahrungen in der Betrachtung bereits eingetretener Ereignisse wirke ich auch in Projekten mit, deren Ergebnisse in der Prävention Verwendung finden können. Ein Beispiel: Derzeit untersuchen der Deutsche Wetterdienst (DWD) und der GDV den Zusammenhang von Starkregenereignissen und den daraus folgenden Schäden. Hierfür werden erstmals räumlich hoch aufgelöste Messdaten aus dem Wetterradar verwendet. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber den punktuellen Messungen des Niederschlages durch feste Wetterstationen, wie sie im sogenannten "KOSTRA-DWD-2000"-Datensatz (Koordinierte Starkniederschlagsregionalisierung – Auswertung Deutscher Wetterdienst) bislang zur Verfügung stehen und von Ingenieuren zur Bemessung von Abflusssystemen - wie etwa Kanalnetzen und Rückhaltebecken – genutzt werden. Nur zur Klarstellung: Bei KOSTRA handelt sich um reine Wetterdaten ohne Schadenbezug. Sowohl die Daten aus KOSTRA-DWD-2000 als auch die Radardaten aus dem Projekt mit dem DWD dienen der örtlichen Einschätzung von Starkregenrisiken und können somit auch einen Beitrag zur Prävention leisten, indem sie in die Bemessung von Schutzmaßnahmen und Entwässerungsanlagen einfließen. Die aus dem Projekt gewonnenen Daten sollen ferner in das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen eingehen.

bz: Als Hochwasseranrainer habe ich vermutlich schlechte Karten, eine Versicherungspolice gegen Hochwasserfolgen zu erhalten?

jg: Ganz im Gegenteil, dank ZÜRS sind heute praktisch 99 Prozent der Gebäude problemlos gegen Überschwemmungen und Starkregen versicherbar. Auch die verbleibenden, besonders gefährdeten Häuser können fast alle mit Selbstbehalten oder nach individuellen baulichen Schutzmaßnahmen versichert werden. Schon heute ist in der höchsten Gefahrenklasse jedes vierte Haus gegen Hochwasser versichert. Und auch die Schadenregulierung wird mit Meteo-Info auf ein ganz neues Niveau gehoben. Wenn beispielsweise Ihr Haus durch ein meteorologisches Ereignis wie z. B. Blitz, Sturm, Hagel, Starkregen beschädigt wurde, muss es keine lange Ursachensuche mehr geben und die Versicherer können Schäden zügiger regulieren. Auf der anderen Seite kann so auch versuchter Versicherungsbetrug, der zu Lasten aller anderen Beitragszahler geht, aufgedeckt werden. Z. B. der Versuch, einen alten Hagelschaden am Haus nach Abschluss einer neuen Versicherung mit einem aktuellen Unwetter in der Nähe zu begründen, während dem es an der Hausadresse aber gar nicht zu Hagelschlag kam, ist auf Basis der Datenlage zum Scheitern verurteilt. Im letzten Jahr hatten wir über 250.000 Anfragen zur Klärung von Schadenfällen über dieses System, das auch kleinen Versicherungsagenturen und Sachverständigenbüros zur Verfügung steht.

bz: In den letzten Wochen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Niederschlagsmengen immer neue Rekorde feierten. Wie groß ist denn die maximale Aufnahmekapazität einer Regenwolke?

jg: Das ist abhängig von den atmosphärischen Bedingungen, bis in welche Höhe sich die Wolke erstrecken kann, welche räumliche Ausdehnung sie haben kann und welche Wassermengen in der Atmosphäre zur Verfügung stehen. Was die größte weltweit je dokumentierte Niederschlagsmenge betrifft, kann ich mit einer Zahl aufwarten: Auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean fielen an einem Tag einmal 1.870 Millimeter Regen, also fast zwei Meter. In Europa wurden im direkten Einflussbereich des Mittelmeers Tagesniederschläge von mehr als 600 Millimeter erreicht, im Landesinneren liegen die höchsten bisher gemessenen Niederschlagsmengen an einem Tag bei über 400 bis 500 Millimetern. Der höchste in Deutschland gemessene Niederschlag wurde mit 312 Millimeter im August 2002 in Zinnwald-Georgenfeld im Erzgebirge verzeichnet – die für diesen Starkregen verantwortliche Großwetterlage war ebenfalls verantwortlich für das damit in Verbindung stehende Jahrhunderthochwasser an der Elbe. Da man oft verschiedene Einheiten im Zusammenhang mit gefallenem Niederschlag hört, vielleicht noch ein Beispiel: Die erwähnten 312 Millimeter hätte ich auch als 312 Liter pro Quadratmeter angeben können. Die Einheiten sind gleichwertig.

Die maximale Aufnahmekapazität der Atmosphäre und somit die maximale Wassermenge in einer Wolke wird im Großen und Ganzen durch die Temperaturen, die Stabilität der atmosphärischen Schichten und das zur Verfügung stehende Wasser beeinflusst. Es gilt: Je höher die Temperatur, desto mehr Wasser kann die Luft aufnehmen. Es handelt sich hierbei um einen Anstieg, der exponentiell verläuft, d. h. pro Grad kann die Luft immer mehr Wasser aufnehmen, dass dann wiederum bei entsprechender atmosphärischer Schichtung für die Wolkenbildung und am Ende für Regenfälle zur Verfügung steht. Ein kleines Rechenbeispiel: Bei null Grad Celsius kann die Luft maximal knapp fünf Gramm Wasser pro Kubikmeter festhalten. Bei zehn Grad ist es schon doppelt so viel, bei 17 Grad dreimal so viel, bei 22 Grad viermal so viel, usw. Daher geht die Wissenschaft davon aus, dass mit steigenden Temperaturen die Atmosphäre grundsätzlich mehr Wasserdampf enthalten wird, der sich dann auch als Starkniederschlag mit bekanntlich verheerenden Folgen abregnen kann.

bz: Im Spiegel gab es kürzlich Zweifel an der These, die jüngsten Starkregenfälle seien bereits Folgen des Klimawandels. Die Rede war vom "Klima-Bluff".

jg: Zuerst einmal sei vorausgeschickt, das es eine Klimaerwärmung gibt. Dies ist anhand weltweiter Messungen bestätigt. Eine signifikante Temperaturerhöhung in den letzten 50 Jahren ist nachgewiesen. In der Historie der Erdgeschichte hat es zwar schon höhere Temperaturen gegeben, wie beispielsweise in der Eem-Warmzeit (Anm. d. Red.: nach dem gleichnamigen Fluss Eem in den Niederlanden) vor ca. 120.000 Jahren, eine derart schnelle Zunahme nachweislich noch nicht. Mit Hilfe von Klima-Simulationen können anthropogene, also menschengemachte, Einflüsse, zum Beispiel der CO2-Ausstoß, kenntlich gemacht werden. Ein Zusammenhang zwischen Klimawandel und anthropogenen Ursachen scheint auf der Basis dieser Modellierungen doch sehr wahrscheinlich zu sein. Mit einer Temperaturzunahme steigt auch, wie im Rechenbeispiel gezeigt, die Wasser-Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre und der Gesamtniederschlag sollte im Zuge dessen zunehmen. Dabei gilt jedoch zu bedenken, das Veränderungen im Strömungsmuster, also im Endeffekt der Großwetterlagen, bzw. wo welche Tiefdruckgebiete entlangziehen, sich im Zuge der Klimaänderung auch auf den Niederschlag vor Ort auswirken kann. In Klimasimulationen deutet sich beispielsweise eine Zunahme der Großwetterlage ‚Tief Mitteleuropa‘ an. Sowohl die Starkregenereignissen der vergangenen Wochen als auch die extremen Hochwasserereignisse in den Jahren 2002 und 2013 können dieser Großwetterlage zugeschrieben werden.

Für eine Einschätzung möglicher klimatischer Änderungen von Starkregenereignissen und der Ableitung möglicher Trends gibt es aus meteorologischer Sicht zwei Aspekte zu berücksichtigen: Treten die Starkregenereignisse häufiger auf und/oder sind die Starkregenereignisse intensiver geworden? Im besagten Artikel wurde der erste Aspekt beleuchtet, mit dem Ergebnis, dass die mittlere Anzahl von Starkregenereignissen seit 1951 nur geringfügig zugenommen hat. Ob es eine Zunahme der Intensität der Starkregenereignisse gibt, wurde in diesem Artikel allerdings nicht betrachtet.

bz: Auch wenn Sie sich nicht mit Wettervorhersagen beschäftigen – warum gab es in den letzten Wochen lokal so viele böse Überraschungen, vor denen nicht gewarnt wurde?

jg: Da muss ich den Berufsstand der Meteorologen in Schutz nehmen. Zum einen wurde vor Starkregen für ganze Gebiete gewarnt. Eine orts- und zeitgenaue Warnung ist bei einer Wetterlage wie jener, die Ende Mai/Anfang Juni für Starkregen sorgte, jedoch nicht immer möglich, da sich die Gewitter bei extrem schwacher Strömung innerhalb von wenigen Minuten bilden und vor Ort in kürzester Zeit abregnen können. Bei frontgebundenen Gewitterlagen mit entsprechender Höhenströmung ist eine Vorhersage besser möglich. Zum anderen sind Vorhersagen seit den 60er Jahren deutlich zuverlässiger geworden. Wir müssen uns aber bewusst machen, dass wir es beim Wetter permanent mit nichtlinearen Ereignissen zu tun haben. Klar ist, dass die Qualität der Vorhersage sinkt, je weiter sie in die Zukunft reicht. Auf den Seiten des Deutschen Wetterdienst finden Sie übrigens einen sehr informativen Beitrag mit dem Titel "Qualität Vorhersage". Darin geht es neben der zunehmenden Qualität der allgemeinen Wettervorhersage von Temperatur, Wind und Niederschlag auch um die Qualität von Gewitterwarnungen, Trefferraten und Falsch-Alarm-Raten.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Grenzhäuser.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
jgrenzhaeuser@vds.de (Jens Grenzhäuser)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)

Zu den Diensten von GeoExpertise:
www.vds.de/geoex