Kriminalität

Gelegenheit macht Diebe.

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15.12.2016 (bz) – Gelegenheitsdelikte – vom Mundraub bis hin zu Mord und Totschlag – kommen nicht nur für kriminelle Charaktere in Frage. Sicherheits-Berater direkt stellt die Verlockungen vor, bei der labile Charaktere schwach (und kriminell) werden könnten.

 

Die einmalige Chance genutzt.

Im Netz kursiert ein Video mit folgendem Szenario, das Überwachungskameras festgehalten haben:

Ein Fußgänger in New York kommt zufällig an einem Lieferwagen vorbei, der mit herabgelassener Laderampe am Straßenrad steht. Plötzlich fällt dem Mann ein Eimer auf, der an der Ladekante des Lkw steht. Der Eimer ist unbewacht und gut gefüllt mit Goldflocken im Wert von etwa 1,6 Millionen US-Dollar. Der unbekannte (zur Fahndung ausgeschriebene) Mann hält kurz inne – dann greift er zu und verschwindet mit seiner Beute, dem Goldflockeneimer, vom Tatort. Unterschrieben ist das Video treffend mit "Gelegenheit macht Diebe".

Dass Gelegenheitsdiebe auf Beute im Wert von Millionen Euro stoßen, ist extrem selten. Kleinere Diebstähle sind jedoch an der Tagesordnung. Bestes Beispiel ist der Ladendiebstahl. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Werbung mit ihrem fortwährenden Appell "Zugreifen!" versagt haben muss, wenn keine Ladendiebstähle mehr zu beklagen sind. Hier geht offenbar, anders als bei anderen Gelegenheitsverbrechen, die Versuchung mit dem permanent vorhandenen Angebot der Selbstbedienung einher. So dürfte der Ladendiebstahl heute der am weitesten verbreitete Gelegenheitsdiebstahl sein. Auch der Taschendiebstahl gehört in diese Schublade. Diebstähle von Mitarbeitern in Unternehmen werden sogar oftmals völlig ohne Unrechtsbewusstsein ausgeübt und fälschlicherweise als Kavaliersdelikt empfunden. Hier verschwinden nicht nur Büromaterialien – auch bei Warendiebstählen ist die Verlockung groß. Schließlich betrachten Mitarbeiter Waren im eigenen Unternehmen gern als "ihre" Produkte – vor allem, wenn sie sogar an deren Herstellung selbst beteiligt waren. Auf diese Weise verschwinden ganze Paletten mit Waren oder Baumaterialien, wenn es keine internen Kontrollen gibt. Die englische Übersetzung von "Gelegenheit macht Diebe" berücksichtigt übrigens sehr schön diesen Versuchungsaspekt: "An open door may tempt a saint."

Die Richtigkeit dieser Redewendung zeigt sich tausendfach in puncto Steuerehrlichkeit: Focus Online hat einmal die skurrilsten Ausreden prominenter Steuerhinterzieher gesammelt. Darunter findet sich auch die schon legendäre von Peter Graf: "Ich wollte nicht dümmer sein als andere".

1912, als Max Kauffmann sein Buch "Die Psychologie des Verbrechens" veröffentlichte und Selbstbedienungsläden noch nicht erfunden waren, sah dieser die Fundunterschlagung als das "typische Gelegenheitsverbrechen": "Ich möchte den Menschen sehen, der, wenn er ein gefülltes Portemonnaie findet die Gewißheit hat, daß die Entnahme einiger Goldstücke daraus ihm sicher keine Nachteile bringt, nicht dem Portemonnaie einige Goldstücke entnehmen würde". Fundunterschlagung ist übrigens auch heute noch ein Sonderfall der Unterschlagung, die wiederum mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann (§ 246 StGb). Apropos Geld: Eine Variante des Gelegenheitsdiebstahls – ohne dass wirklich etwas gestohlen wird – ist das Kopieren von Geldnoten auf dem Farbkopierer. Und auch beim Kopieren strebt das Unrechtsbewusstsein bisweilen gegen Null, z. B. beim Kopieren von urheberrechtlich geschützten Werken.

Auslöser von Gelegenheitsdelikten dürfte nicht allein die Gunst der Stunde respektive des Augenblicks sein, sondern vor allem die Wahrnehmung des Täters, unbeobachtet (und somit unbestrafbar) handeln zu können. Das gilt für den Diebstahl im Krankenzimmer ebenso wie für Sexualdelikte, bei denen die spontane Triebbefriedigung über Moral und Anstand obsiegt. Ausgenommen von der Gunst des Beobachtetseins bzw. unter Missachtung der Gefahr, entdeckt zu werden, sind rein emotional begangene Affektdelikte. Sie bleiben gleichwohl Musterbeispiele für Gelegenheitsdelikte, weil sie kaum ohne Vorsatz begangen werden können (gleichwohl gibt es auch vorgetäuschte Affektdelikte, wenn z. B. ein Totschläger sich bewusst alkoholisiert, um dann geplant strafmildernd zuzuschlagen).

Noch einmal zurück zu den harmloseren Gelegenheitsdelikten: Was den verlockenden Mundraub angeht, so wurde dieser 1975 als Begriff und als eigenständiges Delikt abgeschafft. Dies bedeutet jedoch laut Wikipedia keine Entkriminalisierung, sondern, ganz im Gegenteil, eine Strafverschärfung, da nun kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen einem gestohlenen Apfel und einem Kugelschreiber.

Wer allzu fahrlässig mit dem Schutz seines Eigentums umgeht, läuft nicht nur schnell Gefahr, Opfer eines Gelegenheitsdiebes zu werden. Er kann auch seinen Versicherungsschutz verlieren. So können Hausratversicherer nach einem Einbruch die Zahlung verweigern oder kürzen, wenn z. B. im Erdgeschoss ein Fenster sperrangelweit offen steht, wenn ein Fahrrad unverschlossen irgendwo abgestellt oder wenn ein Auto mit steckendem Zündschlüssel längere Zeit sich selbst überlassen bleibt. Im Falle des steckengebliebenen Autoschlüssels und nachweisbarer grober Fahrlässigkeit kann die Kürzung z. B. 75 Prozent betragen.

Nicht zu vergessen bei der Betrachtung von Gelegenheitstaten ist das Pendant zum Täter: das Gelegenheitsopfer. Aus Sicht von Kriminologen kann es einen großen Unterschied machen, ob jemand Opfer oder Gelegenheitsopfer geworden ist. Schließlich lassen bei der Ermittlung des Tatherganges das Vorhandensein von Zufallsopfern andere Rückschlüsse zu als das von dem Täter bekannte Opfer.

 

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