Interview

Textile Sicherheit.

Bildquelle: Pressefoto Hohenstein Laboratories

31.1.2017 (bz) – Unglaublich, wieviele Produkt- und Sicherheitsmerkmale moderne Textilien nachweislich besitzen. Bernd Zimmermann (bz) sprach mit Dr. Andreas Schmidt (ds), Geschäftsführer der Hohenstein Laboratories GmbH & Co. KG, über Pflicht und Kür bei der Textilzertifizierung.

 

"Sicherheit durch geprüfte Qualität".

Dr. Andreas Schmidt
Geschäftsführer der Hohenstein Laboratories GmbH & Co. KG

bz: Durch eine Ihrer Pressemitteilungen wurden wir auf Ihre Website aufmerksam. Darauf präsentiert Ihr Arbeitgeber, die Hohenstein Laboratories aus Stuttgart, eine relativ lange Liste an Prüfkriterien, u. a. für Textilien. Da geht es z. B. um den Nachweis antibakterieller Produkteigenschaften, die aber auch antimikrobiell, antimykotisch oder antiviral sein können. Andere Textilien können Gerüche reduzieren, sind allergikerfreundlich oder antistatisch. Ist das nicht Ausdruck einer Überreglementierung, was die Schutzfunktionen von Textilien angeht?

ds: Ohne jetzt Punkt für Punkt abzuhaken, kann ich schon sagen, dass unsere Prüfkriterien mehrheitlich gar nicht durch Regelwerke gefordert oder durch Gesetze vorgeschrieben sein müssen. Zu der von Ihnen als sehr lang wahrgenommenen Liste gibt es zwei Erklärungen:

Einerseits existieren verpflichtende Produkteigenschaften, die laut Gesetz nachzuweisen sind. Diese betreffen in jedem Fall die PSA, die persönliche Schutzausrüstung. Ohne CE-Zeichen dürfen Sie diese gar nicht am europäischen Markt anbieten. In diesem Bereich sind wir in Europa schon sehr streng reglementiert. In anderen Ländern wird das anders gehandhabt. Wir haben z. B. einmal recherchiert, dass solche Sicherheitstextilien in Brasilien praktisch gar keine Rolle spielen. Wenn sich da ein Stahlarbeiter heiße Schlacke über die Füße kippt und arbeitsunfähig wird, weil es entweder überhaupt keine oder nur eine mangelhafte PSA für ihn gibt, entlässt man den Geschädigten und stellt den nächsten ein.

Das CE-Zeichen darf übrigens nicht entfernbar sein – und es darf auch in keinem Fall auf einem freiwilligen Hohenstein-Label angebracht werden. Wenn Sie also eine Warnschutzjacke in Europa in Verkehr bringen wollen, sind Sie für den Nachweis verantwortlich, dass diese das CE-Zeichen überhaupt tragen darf und dass dieses auch angebracht wird. Das freiwillige Hohenstein-Label können Sie dann zusätzlich daneben anbringen. Damit sind wir bei der zweiten Option, Aussagen über die Qualität von Textilien zu treffen, nämlich mit Hilfe freiwilliger Prüfkriterien. Die Textilhersteller entwickeln immer intelligentere und funktionsreichere Materialien mit neuen Produkteigenschaften, deren Wirksamkeit sie sich aus Marketinggründen natürlich und legitimer Weise gern freiwillig von neutraler dritter Seite bestätigen lassen.

bz: Aber Sie vergeben nicht nur freiwillige Prüflabel, richtig? In Ihrer Liste sehe ich ja zum Beispiel den Eintrag "Antibakteriell gemäß DIN EN … "

ds: Das heißt nicht, dass das Textil nur verkauft werden dürfte, wenn es tatsächlich antibakteriell ist, sondern, dass wir es nach einer bestimmten Norm geprüft haben und die Anforderungen erfüllt werden. Die Norm definiert also nur unser Prüfverfahren und ist keine Vorschrift im Sinne von "Ohne dieses Qualitätslabel darf dieses Produkt gar nicht verkauft werden." ESD-Kleidung, also antistatische Kleidung, prüfen wir zum Beispiel gemäß DIN EN 61340-4-9 mit einem Widerstandsmessgerät – aber Sie können, wenn Sie das wollen, auch nicht antistatische Kleidung tragen. Wenn dadurch elektronische Bauteile beschädigt werden, geht das eben auf Ihr Risiko.

Natürlich prüfen wir bei Textilien auch, ob sie den gültigen Normen und Gesetzen entsprechen. Wir sind sogar in Normgebungsverfahren involviert. Ich nenne Ihnen ein ganz aktuelles Beispiel: Vor ca. eineinhalb Jahren stellten die Berufsgenossenschaften aufgrund von Krankmeldungen fest, dass Schweißer Sonnenbrände bekommen, obwohl sie in geschlossenen Räumen oder Hallen gearbeitet haben. Wir wurden dann von der BGHM, der Berufsgenossenschaft Holz und Metall, beauftragt zu prüfen, woran das liegt. Es stellte sich heraus, dass bei bestimmten Schweißverfahren UVC-Strahlung emittiert wird, die Sonnenbrände verursachen kann. Die bisher vorhandene PSA konnte jedoch nur UVA- und UVB-Strahlung filtern. Unsere Forschungen werden über kurz oder lang in einer Norm wiederzufinden sein. Und in dieser Norm steht dann, welche Prüfmethoden geeignet sind, um den Nachweis zu führen, dass diese oder jene Schweißerschutzkleidung geeignet ist, vor UVC-Strahlung zu schützen. Auf dem Gebiet des UV-Schutzes sind wir übrigens selbst normgebend tätig. Wir haben als Gründungsmitglied der Internationalen Prüfgemeinschaft für angewandten UV-Schutz den sogenannten UV Standard 801 entwickelt. Das Besondere an den darin formulierten Prüfkriterien: Wir testen die Kleidungsstücke nicht nur im Neuzustand, sondern wir dehnen die Textilien z. B. auch, um den Praxiseinsatz zu simulieren, oder wir berücksichtigen Feuchtigkeit und Alterung des Materials.

Um Ihr Beispiel der antibakteriellen Produkteigenschaft noch einmal aufzugreifen: Hier gibt es, wie Sie schon sagen, tatsächlich bereits Normvorgaben. Es gibt aber durchaus auch freiwillige Prüflabels. So will man zum Beispiel im Krankenhaus wissen, ob sich Textilien gut desinfizieren lassen – oder auch, wie oft sie sich waschen lassen, bis sie aussortiert werden müssen. Diese Frage der höchstmöglichen Waschzyklen ist ja auch für PSA-Verleiher hochinteressant. Uninteressant wäre es dagegen, für einen Müllbeutel den Nachweis zu erbringen, dass er antibakteriell ist, wenn er ohnehin verbrannt wird.

bz: Dann kann man sich ja im Prinzip jede Produkteigenschaft zertifizieren lassen – und sei sie noch so unsinnig.

ds: Dem ist allerdings nicht so. Sie dürfen nur Produkteigenschaften ausloben, die deutlich bessere Merkmale besitzen als die herkömmlicher Textilien. Und das ist heute sicher auch bei modernen Textilien der Fall. Ich kann mich noch an die T-Shirts aus meiner Jugendzeit erinnern. Die bestanden zu 100 Prozent aus Baumwolle und hatten damit eine extrem hohe Schweißbindungseigenschaft. Diese T-Shirts klebten nach einem Langlauf regelrecht am Körper, sodass Sie sie kaum ausziehen konnten. Heute sind Sportbekleidungen dagegen extrem atmungsaktiv und besitzen die Fähigkeit, den Schweiß gleich zu verdunsten und abzutransportieren. Wenn Sie solche überzeugenden Textilien herstellen, spricht meiner Meinung nichts dagegen, dies auch entsprechend durch ein Qualitäts- oder Prüflabel auszuloben. Wenn Sie als Hersteller das Prüflabel von einer anerkannten Prüfungsinstanz wie den Hohenstein Laboratories erhalten, steigt auch Ihre Credibility, ihre Vertrauenswürdigkeit. Auf der anderen Seite können Sie sich als Käufer darauf verlassen, Sicherheit durch geprüfte Qualität zu erhalten.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Schmidt.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
presse@hohenstein.de

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)