Interview

Leben mit dem Terror.

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29.3.2017 (bz) – Bernd Zimmermann (bz) sprach mit Florian Peil (fp), Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika, über dessen Buch "Terrorismus. Wie wir uns schützen können" und die Frage, wie mental mit einer solchen Bedrohungslage umzugehen ist.

 

"Bloß nicht verrückt machen lassen."

bz: Herr Peil, der eine oder andere wird Sie aus den Medien kennen. Sie wurden verschiedentlich nach Terroranschlägen als Terrorismus-Experte interviewt.

Florian Peil, Sicherheitsexperte (www.florian-peil.de)
Bildquelle: Florian Peil (Foto: Fioretti Fotografie)

fp: Ich sehe mich selber nicht primär als Terrorismus-Experten. Mein Schwerpunkt ist ja vor allem ein regionaler: Ich bin Sicherheitsberater mit besonderer Expertise für den Nahen Osten und Nordafrika. Ich unterstütze Unternehmen, die in der Region aktiv sind, mit Informationsdienstleistungen und Trainings. Mein Angebot nutzen vor allem große Unternehmen, aber auch Hilfsorganisationen. Spannend sind insbesondere die Erkundungsreisen, mit dem Ziel, die Sicherheitslage vor Ort aufzuklären. Die Bedrohung durch den Terrorismus ist dabei nur ein Teil meiner Expertise, wenn auch ein sehr wichtiger.

bz: Auf Ihrer Website florian-peil.de ist ein offenbar arabisches Schriftzeichen, so ein geschwungenes g mit einem Punkt darauf, Bestandteil Ihres Logos …

fp: … dabei handelt es sich um den arabischen Buchstaben fa, der unserem Buchstaben f entspricht, der wiederum für "Florian" steht. Ich habe den Vornamen gewählt, weil es den Buchstaben p im Arabischen nicht gibt. Dies soll meine Nähe zum arabischen Raum ausdrücken – und auch meine Sympathie für diesen Kulturkreis.

bz: Sie haben ein Buch geschrieben, das ich bereits im Sicherheits-Berater rezensiert habe. Darin geben Sie Tipps, wie man sich im Falle eines Terroranschlages, bei einem Sprengstoffanschlag, bei einem bewaffneten Angriff, einem Brandanschlag oder bei einer Entführung und Geiselname, verhalten soll. Wie kamen Sie auf die Idee?

fp: 2014 habe ich für Focus Online einen Text geschrieben: "Was tun bei einem Terroranschlag?" Danach wurde ich häufiger angesprochen von Leuten, mit der Bitte, Empfehlungen für den Ernstfall auszusprechen. Dabei ist mir klargeworden, dass hier ein Bedarf an Information besteht. Ich stellte dann schnell fest, dass es zu den praktischen Aspekten im Umgang mit dem Terrorismus noch keine Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum gibt. Aus der Idee ist schließlich ein Buch entstanden. Die Ausführungen zum "Verhalten bei Terroranschlägen" stellen jedoch nur eines von fünf Kapiteln dar. Mir ging es vor allem auch darum, Empfehlungen auszusprechen, wie man mit dem Gefühl der Bedrohung umgehen kann.

bz: Sie formulieren darin auch Empfehlungen, wie die Gesellschaft, also nicht nur der einzelne, auf einen Terroranschlag reagieren sollte.

fp: Ja, das Buch betrachtet beide Ebenen, die individuelle und die gesellschaftliche. Ich vertrete grundsätzlich den Standpunkt, dass wir uns als Gesellschaft nicht provozieren lassen dürfen und daher den Terroristen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich schenken sollten. Jeder Mensch muss dabei lernen, mit der eigenen Angst umzugehen. Wichtig ist, dass wir bei Anschlägen eine mediale Überdosis vermeiden. Dazu gehört zum Beispiel, nicht reflexartig Bilder des Anschlags in sozialen Netzwerken zu teilen.

bz: In Ihrem Buch schreiben Sie, "dass wir als Einzelne und als Gesellschaft der Bedrohung durch den Terrorismus nicht hilflos ausgesetzt sind" - für Sie die wichtigste Aussage des Buches. Für wie wahrscheinlich halten Sie vor diesem Hintergrund die Gefahr terroristischer Anschläge auf unsere sogenannte kritische Infrastruktur?

fp: Das Perfide am Terrorismus ist ja das Unvorhersehbare. Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags auf kritische Infrastruktur lässt sich nicht seriös vorhersagen. Grundsätzlich erfordert die Planung und Durchführung eines Anschlags auf kritische Infrastruktur in Deutschland ein hohes Maß an Planung und Vorbereitung. Die Bedrohung kommt hier aus linksextremistischen Kreisen, weniger aus dem dschihadistischen Bereich, oder aber staatlich gesteuert. Cyber-Terrorismus ist hier vor allem ein Thema. Den Dschihadisten zum Beispiel geht es derzeit eher darum, möglichst viele Menschen zu töten, um auf diese Weise schockierende Bilder zu erzeugen, die wiederum für ein maximales Maß an Angst und Schrecken sorgen.

bz: Zum Glück müssen wir uns heute nicht über einen tagesaktuellen Anschlag in Deutschland unterhalten.* Viele behaupten, dass sich der IS auf dem Rückzug befinde. Können wir von einem sinkenden Anschlagsrisiko ausgehen?

fp: Nein. Die Bedrohung ist unverändert hoch. Ich gehe davon aus, dass die Bedrohung in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird. Dies ist auch auf die wachsende Zahl an Rückkehrern aus Syrien und dem Irak zurückzuführen, wo der IS gerade massiv zurückgedrängt wird. Diese Rückkehrer verfügen über eine gewisse militärische Ausbildung, meist auch über Kampferfahrung und sind in Teilen auch ideologisch gefestigt. Diese Veteranen werden in ihren Communities oft als Kriegshelden verehrt, vor allem von Jugendlichen. Außerdem verfügen sie nun über hervorragende Kontakte zu Dschihadisten überall auf der Welt. Die Gefahr besteht nur zum Teil darin, dass diese Leute hier Anschläge begehen. Größer ist die Gefahr, dass diese Leute hierzulande bei der Planung und Vorbereitung von Anschlägen helfen, beispielsweise indem sie mögliche Ziele ausspähen oder Waffen und Komponenten für den Bombenbau beschaffen.

bz: Wir haben kürzlich Karnevalsumzüge in hoher Zahl erlebt, ohne dass es zu Anschlägen durch Terror-Trucks nach Berliner Muster kam. Ist das aus Ihrer Sicht Folge der deutlich zur Schau getragenen Präventivmaßnahmen, also z. B. durch das Aufbauen von Sperren aller Art?

fp: Auch Terroristen sind lernfähig, sehr sogar. Dass nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin hier heftig über Absperr- und Sicherheitsmaßnahmen gesprochen wird, nehmen potenzielle Terroristen aufmerksam wahr. Ob sichtbare zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen dazu beitragen, Anschläge zu verhindern, das wissen wir nicht mit Sicherheit. Das Vorgehen, weiche Ziele wie Karnevalsumzüge oder Weihnachtsmärkte durch Sicherheitsmaßnahmen zu härten, führt aber grundsätzlich dazu, dass Terroristen sich einfachere Ziele suchen.

bz: Wer sich öffentlich kritisch zum Dschihad äußert, läuft Gefahr, selbst in das Fadenkreuz von Terroristen zu geraten. Wie sehen Sie Ihre persönliche Bedrohungslage?

fp: Das ist in der Tat ein Thema für mich. Ich habe daher einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Auf der anderen Seite: Es gibt gegenwärtig eine solche Menge an Personen, die sich zu dem Thema äußern, da gehe ich in der Masse unter. Ich bin ja nur in eingeschränktem Maße in den Medien präsent - mit voller Absicht.

bz: Sie sind ein Kenner des Nahen Ostens, haben Islamwissenschaften studiert und sprechen Arabisch. Für Unternehmen bieten Sie auch ein interkulturelles Training an, das dazu dient, deutsche und arabische Kulturstandards bzw. die Unterschiede zwischen beiden besser zu verstehen.

fp: Wenn man geschäftlich in der arabischen Welt Erfolg haben möchte, ist interkulturelles Verständnis eine unabdingbare Voraussetzung. Es geht immer darum, eine persönliche Beziehung zu Ihrem Geschäftspartner aufzubauen. Ohne Vertrauen in Sie als Person läuft nichts. Das ist gerade für viele Deutsche mit ihrer Geradlinigkeit und Konzentration auf zügige Problemlösungen schwer zu akzeptieren. Doch darum geht es erst im zweiten Schritt.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen hatte ein Projekt in Saudi-Arabien übernommen, und der zuständige Projektleiter schrieb munter E-Mails dorthin, über Monate hinweg. Nur passierte vor Ort weiter nichts. Er war während der ganzen Zeit jedoch kein einziges Mal dort gewesen. Für seine Geschäftspartner vor Ort war er damit nicht richtig existent, eher wie ein Geist aus dem Jenseits - weshalb auch nichts passierte. Das wurde erst besser, als der Mann hinfuhr und seine Partner persönlich kennenlernte. Auch eine gewisse Sympathie für den Kulturkreis sollte man mitbringen und einen aufrichtigen Respekt für die Menschen. Wer glaubt, sich verstellen zu können - das funktioniert nicht.

bz: Wissen Sie, was letzte Nacht in Schweden passiert ist?

fp: Sie spielen auf Trump an. Nein, das weiß wohl nur er allein. Wenn überhaupt.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Peil.

* Das Interview mit Herrn Peil haben wir am 6. März geführt.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
buero@florian-peil.de (Florian Peil)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)