Glosse

Stilblüten unserer Sicherheitspublizistik.

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29.03.2017 (bz) – Wenn Bernd Zimmermann nicht selbst Beiträge für den Sicherheits-Berater oder für Sicherheits-Berater direkt schreibt, dann redigiert er die der anderen Redaktionskollegen. Dabei ist regelmäßig schallendes Gelächter aus seinem Büro zu hören …

 

Versicht im Heinzöltank!

Ich träume davon, einmal die Abteilung Rechtschreibprüfung des Duden besuchen zu dürfen. Das muss extrem lustig sein. Denn: Es dürfte wohl dort wie weltweit kein Korrektorat geben, in dem nicht die lustigsten Tippfehler und Stilblüten in irgendeiner Form gesammelt werden. In meinem Büro landen solche Fundsachen – selbstverständlich anonymisiert - auf dem Flipchart, damit alle etwas davon haben. Aktuell ist das der Heinzöltank. Okay, hier ist nur jemand einmal mit dem Finger zu schnell an einen Tastaturbuchstaben geraten und schon war's passiert. Vielleicht war’s auch nur eine Freud’sche Fehlleistung und der Kollege hat an den Öltank von Heinz gedacht. Arbeitsaufwendiger – weil ich dann nachhaken muss - wird’s, wenn mir jemand das Wort Versicht anbietet und semantisch sowohl Verzicht als auch Vorsicht passen würden. Extrem sinnverstellend kann es werden, wenn ein Autor unbeabsichtigt an die Hochstelltaste gerät und aus einem kleinen "sie" ein großes macht:

Im Falle eines Massenexodus können Sie in Sekundenschnelle im Boden versinken.

Gemeint waren nämlich mit "Sie" eigentlich die aus- bzw. wieder einfahrbaren Poller, die einer flüchtenden Menschenmenge den Weg freimachen sollen. Ganz und gar nicht Folge eines Tippfehlers, sondern als ernster Ratschlag gemeint, ist diese Aussage:

Sattler können Ihnen hierfür schnell eine Öse einsetzen.

Da wäre man doch gern einmal mit dabei. Folgen gleich mehrere Ratschläge, heißt es auch gern einmal:

Der Sicherheits-Berater spricht im Plural.

Ratschläge heißen im Jargon des Sicherheits-Berater übrigens "Maßnahmen". Unter dieser Überschrift folgen dann meist Aufzählungen von praktischen Tipps für die Sicherheitsverantwortlichen der Republik. Die Kultivierung des Plurals führt dann bisweilen dazu, dass man sich als Leser die Maßnahme aus einem Statement selbst erschließen muss:

10. In Großbritannien werden Pflanzkübel aus Beton hergestellt und durch Holzeinfassung oder andere Materialien optimal an die Umgebung angepasst …

Dann folgt 11. Will sagen: Nehmt Euch ein Beispiel an den Briten … Zurück zu den wirklichen Stilblüten:

Abgerichtete Adler, Möwen, Falken geistern durch die Presse.

Manchmal stehe ich nur noch staunend vor einem solchen Satz und rätsele, warum ich das eigentlich als falsch wahrnehme. In dem Moment, in dem ich nicht mehr darauf komme, dass es eigentlich "Berichte über abgerichtete Adler … geisterten durch die Presse", lauten sollte, muss ich wahrscheinlich einen Jobwechsel in Betracht ziehen. Bisweilen stolpere ich auch über Sätze wie

da die Alpenrepublik, wie der Name schon sagt, flächenmäßig viel Gebirge aufweist und dort gerne sich Gewitter bilden

und weiß gar nicht, warum das so zum Schmunzeln reizt. Immerhin lernt man auf lange Sicht sehr viel als Korrektor, z. B. dass es druckresistente Maßnahmen gibt.

Wenn man allerdings an einzelnen Tagen mit zu vielen solcher Tippfehler oder Stilblüten zu tun hat, hält man am Ende korrekt gebrauchte und geschriebene Worte schon für falsch – vor allem, wenn sie extrem selten vorkommen. So kennt heute kaum noch jemand das nur in sehr gepflegtem Deutsch vorkommende Wort spornstreichs. Die Nachschau im Duden bestätigt: Jawohl, dieses Wort existiert in der Bedeutung "eilends" und ist auch richtig so geschrieben. Ich hätte es dem Kollegen herausstreichen können mit dem Argument, dass niemand mehr (außer ihm) heute noch so redet. Aber weil es so wunderbar unangepasst und ästhetisch klingt, habe ich es zugelassen, es sogar in einem für alle einsehbaren Aufmacher erscheinen lassen. Andere Begriffe, obwohl sprachlich ebenfalls völlig korrekt, ersetze ich, weil ich fürchten muss, dass sie vom Ernst des Themas ablenken. Ich kann nicht anders, aber wenn ich gefurchte Verputzung lese, reizt das meine Lachmuskeln. Bei Fair-Arschung erkenne ich zwar ehrfürchtig ein hohes Kreativpotenzial an, frage mich jedoch, ob das dem im Sicherheits-Berater zu akzeptierenden Sprachniveau entspricht. Ich ließ es drin – weil es im Rahmen eines bissigen Kommentars zur Sicherheitslage unmittelbar eine "fair use"-Klausel aufs Korn nahm. Allerstärkste Zweifel befielen mich auch, als mir ein Redaktionskollege einen Beitrag über die indirekte Direktkühlung anbot. Der Mann ist Diplom-Ingenieur und klärte mich darüber auf, dass das schon so seine Richtigkeit habe. Zu diesem Thema gebe es sogar Vorträge. Immerhin werden diese kontrovers diskutiert, dachte ich mir.

Meine Redaktionskollegen sind mehrheitlich Ingenieure und Architekten, also innovative Gestalter unserer Umwelt. Sie haben die Welt stets im Griff. Sie sind die Akteure – während ihrer Umwelt stets etwas passiert. Deshalb lieben sie Passivkonstruktionen:

Unterstützt durch das Ambiente des 18. Stockwerks des Hochhauses wurde durch den Veranstalter eine rundherum gelungene Veranstaltung durchgeführt."

Ich habe es aufgegeben, für die Verwendung des Aktivs zu kämpfen und ändere solche Sätze stillschweigend: "Der Veranstalter bot eine rundum gelungene Veranstaltung, die durch das Ambiente des 18. Stockwerks im Hochhaus noch an Attraktivität gewann." Kommt dann doch einmal ein Satz im Aktiv, lässt er bisweilen ein gewisses Mindestmaß an menschlichem Mitgefühl vermissen:

Lediglich Sicherheits-, Reinigungs- und Hilfspersonal kam ums Leben.

Stilblüten lassen bisweilen Muster erkennen: Der Autor bedient sich einer Redewendung und verschlimmbessert sie sodann in allerbester Absicht. Ein Beispiel: Ein Kollege, bekannt für sein gepflegtes Deutsch, hatte, um auf einen Missstand hinzuweisen, folgende, völlig korrekte, Redewendung als Überschrift für seinen Beitrag gewählt:

Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Diese bildhafte Formulierung schien sich nun im Kopf eines anderen Autoren noch lange Zeit festgesetzt zu haben. Als dieser dann wieder einmal einen ziemlich peinlichen Skandal aufdecken konnte, setzte er dem noch eines drauf:

Der Berg kreißte und gebar weniger als eine Maus.

Das war schon sehr geschickt gemacht, weil es Gedankenprozesse im Kopf des Lesers anregt. Was mag da beim Geburtsvorgang des Berges wohl herausgekommen sein? Ich habe die Überschrift dann durch eine etwas konkretere ersetzt. Verunglückte Redewendungen, vorzugsweise, wenn zwei Redewendungen miteinander vermengt werden, geben in aller Regelmäßigkeit Anlass, korrigierend einzugreifen:

Das ist das eine Bein der Geschichte. Das andere …

Schon okay so, denn auf einem Bein kann man bekanntlich nicht stehen! Aber das ist nur die eine Seite der Medaille … Der Klassiker der Stilblüte ist vermutlich die Nullaussage:

Denn die Informationen, die man umsonst bekommt, braucht man nicht zu bezahlen.

Die wurde in der Redaktion ebenso zum geflügelten Wort wie die Aussage

Der Brandschützer war Feuer und Flamme!

Manchmal kündigen mir Kollegen ihre Beiträge schon mit dem Hinweis an, dass noch gewisser Korrekturbedarf bestehen könnte:

Anbei ein Artikel, über den noch kein Sekretariat gelaufen ist.

Darin finden sich dann mit hoher Wahrscheinlichkeit Sätze wie

Jedenfalls lässt der Hinweis, man müsse sich, wenn der Mieter den Vermieter nicht einlässt, zivilrechtlich einklagen.

Was will uns das sagen? Das unmittelbar dahinter gestellte Viel Spaß! entbehrt ebenfalls nicht einer gewissen Komik. Folgender Satz entbehrte dagegen einer gewissen Logik:

Fazit: Sie fahren nicht, jedenfalls nicht in der Intensität wie das eine Messe an Informationsnachfrage befriedigt.

Bei solchen Aussagen sollte man gar nicht erst den Anspruch entwickeln, ihn zu entschlüsseln. Besser, man fragt noch einmal beim Urheber nach: "Das weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau!" Völlig klar dagegen ist sofort, wenn ein Sicherheitsberater und –planer warnt,

was alles passieren kann, … wenn man erst zu spät auf dem Risiko herumreitet.

(will sagen: wenn man das Risiko zu spät ernsthaft analysiert). Und noch klarer werden selbst komplexe Zusammenhänge, wenn man sie mit Hilfe von Superlativen dramatisiert: Worte wie einzigste oder sorgloseste sind dazu bestens geeignet.

Wer tagtäglich mit der Reduzierung von Brandtoten und elektronischen Laien und den Lüftungsöffnungen der IT zu tun hat, muss aufpassen, nicht zum Korinthenkacker zu verkommen. Deshalb zur Ehrenrettung der Redaktionskollegen: Alle machen Fehler, Tippfehler sowieso. Ich weiß von einem Autohersteller, dem ein bisschen viel w in seine Hochglanzbroschüren geraten war. Die beschrieben dann die sehr sportiv ausschauenden Schweinwerfer ihrer Fahrzeuge …

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)