Bevölkerungsschutz

Besser Arbeitsunfall als Terroranschlag.

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27.7.2017 (bz) – Es ist ein großer Unterschied, ob Sie Ihr Bein bei einem Arbeitsunfall oder bei einem Terroranschlag verlieren. Denn als Terror- oder Amokopfer greift für Sie das "Medizinische Management besonderer Lagen".

 

Medizinisches Management besonderer Lagen.

Das aktuelle Magazin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) beleuchtet das Medizinische Management besonderer Lagen. "Besondere Lagen" – damit sind nicht die Schadenslagen gemeint, mit denen Rettungskräfte tagtäglich konfrontiert werden, sondern Amoklagen und Bedrohungslagen aufgrund terroristischer und krimineller Handlungen.

Sicherheits-Berater direkt möchte Sie auf vier ausgesuchte Beiträge dieses Magazins hinweisen, die die besonderen Umstände und Herausforderungen bei "besonderen Lagen" sehr ausführlich beschreiben. Die Beiträge lassen erkennen, dass die Qualität der medizinischen Versorgung aus Sicht eines Terror- oder Amokopfers nicht die gleiche sein kann wie z. B. bei einem Arbeits- oder Autounfall und dass hier noch hoher Optimierungsbedarf (Weiterbildungsbedarf) bei den polizeilichen und medizinischen Einsatzkräften besteht.

 

BBK-Beitrag:
"Vorbereitung auf den Terror
Der 5-Punkte-Plan der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie e. V. (DGU)"

Diesem Beitrag ist zu entnehmen, dass Terroranschläge völlig neue Verletzungsmuster mit sich bringen: Schussverletzungen durch Kriegswaffen, Explosionsverletzungen durch Nagelbomben, Hieb- und Stichverletzungen in allen Körperregionen durch Stichwaffen. Unfallchirurgen haben, so der Autor, nur sehr eingeschränkt Erfahrungen mit solchen Verletzungen. Daher kooperiert die DGU mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr, der entsprechende Erfahrungen mitbringt. Ein 5-Punkte-Plan sieht Maßnahmen vor, die dem Erfahrungs- und Wissensaustausch dienen. Kurz zusammengefasst geht es darum, die zivilen Chirurgen an den Erfahrungen der Bundeswehr partizipieren zu lassen und sie zielgerichtet fortzubilden.

 

BBK-Beitrag:
"Management besonderer Schadenslagen – Terroranschlag"

Nach einem Terroranschlag besteht die Aufgabe der Rettungskräfte darin, Verletzte möglichst schnell in die Krankenhäuser zu bringen, also die sogenannte "prähospitale Versorgungsphase" zu verkürzen: Bei herkömmlichen Bedrohungslagen wird z. B. ein Behandlungsplatz im Umfeld eines Unfalls zur Erstversorgung aufgebaut. Bei einem Terroranschlag dagegen steht die Einsatztaktik unter dem Vorzeichen, dass jederzeit mit einem "second hit", also mit einem Folgeanschlag, zu rechnen ist, der Opfer und Rettungskräfte erneut in große Gefahr bringt. Grob zusammengefasst bedeutet das eine Annäherung an das militärmedizinische Konzept des "Tactical Combat Casualty Care", das die Definition von Gefährdungszonen vorsieht. In einer "unsicheren Zone" dürfen sich demnach nur noch polizeiliche Einsatzkräfte, also keine Rettungskräfte, aufhalten. Polizeikräfte müssen dann entscheiden, welche Patienten am ehesten zu verbluten drohen, und sollen diese dann aus dieser Zone retten und an den Rettungsdienst übergeben. Notfallmedizinische Maßnahmen – also die übliche Versorgung von Verletzten – müssen dabei aus einsatztaktischen Gründen auf ein Mindestmaß begrenzt bleiben. Zu diesem von Polizeikräften zu leistenden Mindestmaß zählt z. B. das Tourniquet, also das schnelle Abbinden von Extremitäten, etwa einem Bein.

 

BBK-Beitrag
"Besonderheiten dynamischer Einsatzlagen mit kriminellem Hintergrund"

Der Beitrag gibt eine Definition für "dynamische Einsatzlagen". Diese besitzen folgende Charakteristik:

  • Schnell fortlaufende Entwicklung der Sachlage
  • Hinterherhinkende Lageinformation
  • Ständig sich verändernde Anforderungen
  • Unsichere Informationslage
  • Gefährdung der Einsatzkräfte
  • Hohes mediales Interesse
  • Verunsicherung der Bevölkerung

Unter diesen Bedingungen, so der Tenor des Beitrages, ist die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Rettungsdienst zu verbessern. Das klassische Muster der Arbeitsteilung - die Polizei nimmt Täter fest, der Rettungsdienst rettet Menschen – ist in dynamischen Lagen neu zu bewerten. Die Einrichtung gemeinsamer Leitstellen, die Entsendung von Verbindungsbeamten und das Einrichten einer gemeinsamen Pressestelle können, so heißt es in dem Beitrag, hilfreiche Strukturen in der Bewältigung dynamischer Einsatzlagen sein.

 

BBK-Beitrag
Die Rolle der Krankenhäuser bei der Bewältigung von Bedrohungslagen

Ein Autorenkollektiv legt dar, dass es bei Amokläufen oder Terroranschlagen oft zu einem sogenannten MANV, einem Massenanfall von Verletzten, kommt. Zugleich wird über die 10-Prozent-Daumenregel informiert: Ein Krankenhaus unter maximaler Ausschöpfung seiner Möglichkeiten sollte im äußersten Fall im Stande sein, eine Patientenzahl von 10 % der gesamten Bettenkapazität zu versorgen. Darauf müsse die Alarm- und Einsatzplanung abgestimmt sein. Zudem sei mit zusätzlichen Gefährdungen zu rechnen, da nicht auszuschließen sei, dass sich Attentäter mitsamt Sprengvorrichtungen unter den Patienten befinden.

 

Neben den genannten Beiträgen enthält das aktuelle BBK-Magazin noch drei lesenswerte konkrete Fallstudien rund um den Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt Breitscheidplatz in Berlin. Dazu zählen die Darstellung der Krisenstabsarbeit, die Beschreibung klinischer Maßnahmen, ein Interview zur psychosozialen Notfallversorgung und der Erfahrungsbericht des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst in Berlin. Weitere Fallstudien widmen sich dem Amoklauf von München und dem Terroranschlag in Würzburg-Heidingsfeld.

Sicherheits-Berater direkt kann auch die Bevölkerungsschutz-Magazine aus dem Archiv des BBK zur Lektüre empfehlen.

 

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)