Interview

Gespräch mit einer Ex-Personenschützerin.

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31.8.2017 (bz) – Früher war Anja Peusquens (ap) selbst Personenschützerin, arbeitet heute im Sicherheitsmanagement und engagiert sich im FFSW. Bernd Zimmermann (bz) hat sie interviewt.

 

 

" … die angebliche körperliche Überlegenheit des Mannes …"

 
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bz: Frau Peusquens, sie sind studierte Bachelor of Arts  Sportmanagerin, besitzen Auslandserfahrung im südlichen Afrika, arbeiten als Risiko- und Business Continuity Manager, Certified Emergency and Crises Manager und systemischer Management Coach. Zurzeit satteln Sie noch eine Fortbildung zum Security Engineer bei der SIMEDIA Academy drauf. Zu Ihrer Berufsbiografie gehört auch die Erfahrung, als Personenschützerin gearbeitet zu haben – nicht gerade ein typisch weibliches Berufsbild. Warum wird eine Frau Personenschützerin?

ap: Warum nicht? Frauen können heute jede Aufgabe übernehmen - auch eine solche, mit der ehedem nur Männer betraut worden waren. Natürlich bleibt die Mitwirkung in einem Personenschutzkommando immer nur eine Aufgabe auf Zeit - schließlich muss man hier stets in der Lage sein, körperlich Hochleistung zu erbringen. Später gibt es dann für viele Personenschützerinnen Aufgaben im Personenschutzmanagement, also zum Beispiel Einsatzplanung, Steuerung und andere administrative Tätigkeiten – so wie dies heute bei mir der Fall ist. Wer sich als Frau für Management im Sicherheitsbereich der Wirtschaft qualifizieren will, sollte sich aber nicht nur auf den Personenschutzsektor konzentrieren. Ich selbst habe, wie Sie schon sagten, ein Studium absolviert und eine Vielzahl von Fachlehrgängen, auch internationalen, auf dem Sektor Wirtschaftsschutz und -sicherheit absolviert und abgeschlossen.

bz: Sie waren tatsächlich Personenschützerin im Sinne von physischem Personenschutz, also Bodyguard?

ap: Ja – und das machte auch Sinn. Schließlich gibt es doch Aufenthaltsbereiche, in denen weibliche Schutzpersonen üblicherweise nicht von männlichen Schutzbegleitern "eskortiert" werden. Zudem fällt es Frauen erfahrungsgemäß leichter, Zugang zu Kindern gefährdeter VIPs zu finden, damit auch diese sich ggf. sicherheitsbewusster verhalten.

bz: Dürfen Sie Kundennamen nennen?

ap: Nein.

bz: Wenn ich Personenschützer sehe, frage ich mich immer, ob die sich zum Beispiel bei einem Attentat wirklich zwischen einen Angreifer und einen Schutzbefohlenen stellen würden?

ap: Dafür wurde ich bezahlt.

bz: Wie haben Sie als Personenschützerin mögliche weibliche Schwächen, also üblicherweise eine geringere Körperkraft - kompensiert?

ap: Welche Schwächen? Wenn Sie von der angeblichen körperlichen Überlegenheit des Mannes sprechen: Wer heute als Frau Kampfsporterfahrung besitzt, kann es mit den meisten Männern aufnehmen, ich selbst bin im Muay Thai ausgebildet, das bekanntlich zu den härtesten thailändischen Kampfsportarten zählt.

bz: Haben Auftraggeber Ihre Fähigkeit aufgrund Ihres Geschlechts angezweifelt? Gab es Vorurteile?

ap: Ja, die gab es durchaus. Aber die konnte ich ausräumen.

bz: Gab es zitierfähige brenzlige Situationen?

ap: Ein Hauptfaktor für einen erfolgreichen Personenschutz besteht aus äußerster Diskretion, deswegen nenne ich noch nicht einmal meinen Arbeitgeber.

bz: Würden Sie einer jungen Frau empfehlen, Personenschützerin zu werden?

ap: Das muss jede Frau selbst wissen, ob sie sich diesen Qualitätsansprüchen - auch an die körperliche Leistungsfähigkeit - stellen will. Wichtig ist auf jeden Fall, dass sie eine hervorragende Ausbildung erhält, und zwar körperlich wie einsatztaktisch, "gewürzt" mit Mut, Durchsetzungswillen und Intelligenz. Optimal wäre meiner Meinung nach eine von einer Sicherheitsbehörde organisierte Ausbildung – gerade gesellschaftlich hochrangige Schutzpersonen erwarten für sich und ihre Angehörigen hier erfahrungsgemäß höchste nach amtlichen Grundsätzen betriebene Sicherheitsmaßnahmen. Manche Schutzpersonen werden zeitweilig von amtlichen Sicherheitsbegleitern betreut, bedienen sich aber auch eventuell für unmittelbare Verwandte privater Fachkräfte. Die Frauen der Personenschutzgruppe des BKA bzw. einschlägiger weiblicher Fachkräfte in den Länderpolizeien wären hier gewiss erfahrene Wissensvermittlerinnen.

bz: Sie engagieren sich für die speziellen Sicherheitsbelange von Frauen. Wie kam es dazu?

ap: Auch im Sicherheitsbereich der Wirtschaft gilt, dass Frauen in manchen Unternehmen noch nicht von Ihren Kollegen auf Augenhöhe wahrgenommen und entsprechend mit Respekt behandelt werden. Derlei Anmerkungen habe ich in der Vergangenheit immer wieder gehört. Gleichzeitig ist es aber eine bekannte Erfahrungstatsache, dass man in der Gruppe stärker ist, als wenn man sich individuell durchsetzen muss.

bz: Deshalb engagieren Sie sich im FRAUENFORUM im SICHERHEITSMANAGEMENT der WIRTSCHAFT, FFSW, dessen Gründungsmitglied und Leiterin Sie sind. Das scheint keine Institution mit Firmensitz und Adresse zu sein?

ap: Das FFSW ist eine Interessengemeinschaft, in dem sich im Mai 2014 Securitymanagerinnen zusammengefunden haben, die diese Erkenntnis bezüglich der Gruppenstärke mit mir teilen. Wir sind mittlerweile 16 an der Zahl und stammen aus DAX- und N-Dax-Unternehmen, eine von uns kommt auch aus einer Sicherheitsbehörde. Der FFSW ist kein Verband und kein Verein, vielmehr dient der FFSW dem ehrenamtlichen Austausch von Fachinformationen zu Sicherheitsfragen in Unternehmen, wie sie oft Security Managerinnen zu bearbeiten haben. Auch besitzt der FFSW keine Satzung und keine Homepage. Nach Beschluss der Gründungsversammlung werden keine Security Dienstleistungsfirmen inklusive Consulting Häuser in die Runde aufgenommen, weil wir vermeiden möchten, dass sich nach vertraulichen Diskussionen solche Betriebe als gewerbliche "Problemlöser(innen)" bei den teilnehmenden Konzernen melden. Der FFSW ist ein politisch neutraler Gesprächskreis, der aber nicht nur dem Erfahrungsaustausch dient, sondern in dem verschiedenste Securitythemen aus weiblicher Sicht erörtert werden: Wir haben uns zum Beispiel schon einmal mit dem Denken junger Muslima, die sich Gewalt ausübenden Kreisen ihres Glaubens, wie dem IS, anschließen, auseinandergesetzt. Wir haben uns zum Beispiel die Fragen gestellt: Treten solche Frauen überhaupt in Unternehmen auf? Wenn ja, als Kunden oder Beschäftigte? Wie sind solche Frauen erkennbar? Inwieweit sollten Unternehmen Mitarbeiterinnen, die den islamischen Glauben besonders streng praktizieren, während deren Arbeitszeit eventuell unterstützen? Sollten wir uns als Frauen mit diesen Sicherheitsaspekten befassen? Betrifft das nur das Inland oder auch die Niederlassungen von Konzernen im Ausland?

bz: Sie haben im FRAUENFORUM zwei Flyer auf den Weg gebracht, "Hotelsicherheit für Frauen" für weibliche Geschäftsreisende undoHh "Wo ist Ihre Grenze?" mit Tipps gegen sexuelle Übergriffe. Wie kamen diese zustande bzw. welche Erfahrungswerte flossen mit ein?

ap: Die in den Flyern gegebenen Verhaltensempfehlungen stammen aus einer Vielzahl von Quellen - darunter natürlich auch Erfahrungswerte von Damen im FFSW selbst. Wir befassen uns teils in Telefonkonferenzen, teils bei persönlichen Begegnungen mit einer Vielzahl von anderen Themen, die von den Mitgliedern dieses Kreises im Hause ihrer Arbeitgeber als akut empfunden werden. Natürlich versende ich auch Links zu interessanten TV-Beiträgen oder Buchtipps. Darüber hinaus gibt es bei uns intern auch praktische Übungen wie zum Beispiel das Erstellen eines Krisenstabsszenarios mit Schwerpunkt auf Aufgaben, die sich dabei zuvorderst Frauen stellen. Wobei natürlich Frauen fachlich auch jederzeit Funktionen von Männern übernehmen können. Im Forum wirken hier auf diesem Sektor etliche sehr erfahrene Damen mit. Heutzutage können Frauen auf allen Gebieten, nicht nur im Personenschutz, alle Funktionen wahrnehmen, die früher einmal traditionell nur Männern vorbehalten schienen. Klar ist dabei: Auch Männer können, dürfen und sollen Fachbeiträge in unserer FFSW-Runde beisteuern.

bz: Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
anjapeusquens@gmx.de (Anja Peusquens)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)