Interview

Sinnlose Produkterpressung mit Folgen.

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26.10.2017 (bz) – Produkterpresser scheitern regelmäßig – und richten dennoch große Schäden an. Dem lässt sich mit einem angemessenen Risikomanagement vorbeugen, sagt Walfried O. Sauer (wos) im Gespräch mit Bernd Zimmermann (bz).

 

"Am Ende werden sie doch alle gefasst."

Walfried O. Sauer
Gründer und Inhaber der Result Group GmbH
Bildquelle: Result Group GmbH

bz: Herr Sauer, Sie sind Gründer und Inhaber der Result Group GmbH und beraten Unternehmen unter anderem in Sachen Produkterpressung. Lohnt sich das Delikt aus Sicht des Täters?

wos: Ich bin seit 1980 in der Branche unterwegs und mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Erpresser das Geld erhalten hat und sich damit anschließend ein schönes Leben hätte machen können. Am Ende werden sie doch alle gefasst.

bz: Und gegen Lösegeldzahlungen sind die Unternehmen ohnehin versichert?

wos: Bei großen Unternehmen hat sich ein präventives Risikomanagement etabliert. Dazu gehören auch Verträge mit Industrieversicherern, in deren Policen der Schutz vor Produkterpressung vorgesehen ist. Vor Abschluss von solchen Verträgen verlangt die Versicherung allerdings Vorsorgemaßnahmen. Dazu gehört das Gespräch mit Versicherungsberatern wie uns, die für alle Fälle eine 24/7-Hotline anbieten. So hat der Kunde praktisch einen roten Knopf, den er im Falle eines Falles drücken kann.

bz: Das heißt, der erste Weg führt nicht zur Polizei?

wos: Das kommt auf den Einzelfall an. Es gibt ja auch viele Verdachtsfälle, bei denen uns die Kunden bestimmte verdächtige Beobachtungen melden, die sich aber nach unserer Erstbegutachtung nicht bestätigen. Auch viele Erpresserschreiben landen oft zunächst auf unserem Schreibtisch. Wir haben eigene Experten, zum Beispiel Profiler und Psychologen, die zu einer seriösen ersten Bewertung in der Lage sind. Aber selbstverständlich arbeiten wir eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen, wenn die Ernsthaftigkeit der Erpressung anzunehmen ist. Unsere Aufgabe ist in erster Linie die Wahrung der Interessen des Unternehmens. Die Polizei hat naturgemäß die Strafverfolgung stärker im Focus.

bz: Wie soll sich denn zum Beispiel ein Lebensmittelhersteller präventiv schützen, wenn jemand dessen Lebensmittel vergiften will?

wos: Prävention in unserem Sinne heißt, dass wir unsere Kunden fit machen für den Krisenfall, sodass sich Folgeschäden für das Unternehmen möglichst geringhalten. Zu unserem Leistungsspektrum zählt die Risiko- und Schwachstellenanalyse, die Erstellung von Krisen- und Rückrufplänen, die Zusammenarbeit mit den Behörden, das Training eines Krisenstabes und das Festlegen einer PR-Krisenstrategie. Es geht nicht nur darum, Lösegeldzahlungen abzusichern, sondern Folgeschäden, zum Beispiel Reputationsschäden, vom Unternehmen fernzuhalten. Denn die Lösegeldforderung ist nur ein Teil des gesamten Schadensrisikos.

Mit Prävention im Sinne von Deliktvereitelung hat das aber weniger zu tun. Das leistet zum Beispiel die Industrie, die die Verpackungen von Lebensmitteln immer sicherer macht. Ich erinnere an die Verschlussdeckel auf Gläsern, die nur dieses Klickgeräusch von sich geben, wenn sie nicht manipuliert und kontaminiert wurden. Hier hat die Verpackungsindustrie in den letzten Jahren viel dazugelernt. Unser Beitrag zur Prävention besteht dagegen darin, zu verhindern, dass sich aufgrund der Erpressung weitere Schäden einstellen. Wie gesagt, es geht nicht nur um die Zahlung von Lösegeldbeträgen, sondern vor allem um Folgeschäden. Wenn die Erpressung bei einer Produktwarnung oder einem Produktrückruf öffentlich wird, droht zum Beispiel Kaufzurückhaltung bei den Konsumenten.

bz: Welche Arten der Produkterpressung gibt es eigentlich neben der in Bezug auf Lebensmittel?

wos: Zunächst einmal gibt es die "Produkterpressung" als eigenständiges Delikt gar nicht im Gesetz, sondern nur "Erpressung". Und die richtet sich natürlich nicht nur gegen die Hersteller von Nahrungsmitteln. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es gab einmal einen Erpresser, der Mercedes damit drohte, Benz-Fahrer zu erschießen. Ein anderer wollte ein Kaufhaus in die Luft sprengen usw.

bz: Kürzlich sorgte ein Babynahrungs-Vergifter für Aufsehen. Der wurde in der Presse als geistig nicht besonders helle beschrieben?

wos: Das mag eine Ausnahme gewesen sein. Der hat sich auch relativ schnell verzettelt. Wenn ich mir die in den letzten Jahrzehnten aufgefallenen Tätertypen betrachte, möchte ich diese doch als etwas intelligenter beschreiben. Für eine Erpressung ist ein deutlich höherer logistisch-planerischer Aufwand erforderlich als für einen vergleichsweise einfachen Einbruch oder eine unüberlegte Körperverletzung.

bz: Und trotz dieser vermeintlichen Intelligenz scheitern die Erpresser?

wos: Der Moment der Geldübergabe ist entscheidend für die Aufklärung. Hier muss der Täter seine Anonymität verlassen. Um dem zu entgehen, hat einmal ein Erpresser versucht, sich seine Beute in Form von Diamanten, die von Brieftauben überbracht werden sollten, liefern zu lassen. Allerdings war auch dieser Erpresser erfolglos. Der größte Fehler dieser Täter besteht wohl darin, die Sicherheitsbehörden zu unterschätzen.

bz: Sie haben den Hinweis veröffentlicht, dass Erpresser dazu übergehen, sich ihre Lösegelder anonym in Kryptowährung auszahlen zu lassen. Bedeutet das das Ende der praktisch hundertprozentigen Aufklärungsquote?

wos: Dadurch wird es etwas aufwendiger, die Spur des Erpressungsgeldes weiter zu verfolgen. Aber die Behörden sind hier keineswegs hilflos. Glauben Sie also nicht, dass die Behörden schlafen - es gibt durchaus Mittel und Wege herauszufinden, wer dahintersteckt. Da sollte sich keiner zu früh freuen. Und selbst vor diesen anonymen Geldüberweisungen gibt es genügend Situationen, bei denen sich der Täter aus der Deckung heraustrauen muss. Wir raten unseren Kunden übrigens immer, nicht zu zahlen. Denn es gibt keinerlei Gewähr, dass ein krimineller Erpresser nicht gleich noch einmal nachlegt.

bz: Wie lassen sich Trittbrettfahrer erkennen?

wos: Dazu muss man wissen, dass es zwei Arten von Trittbrettfahrern gibt. Der klassische Trittbrettfahrer springt, wie der Name schon erkennen lässt, auf den Zug bzw. die Tat des tatsächlichen Erpressers auf. Dazu muss er allerdings auch über Täterwissen verfügen, dass er gar nicht besitzen kann. Der fliegt sehr schnell auf. Es gibt aber auch Trittbrettfahrer, die dann selbst zum Täter werden und eine Drohung, z. B. Lebensmittel zu vergiften, realisieren. Der ist dann wie ein Täter zu behandeln.

bz: Vielen Dank, Herr Sauer, für dieses Gespräch.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
office@result-group.de (Walfried O. Sauer)

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)