Risikomanagement

Über Wagnissucher und Wagnismeider.

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31.1.2018 (bz) – Mutproben sollten im Sicherheitsbereich absolut tabu sein. Nichtsdestotrotz kann man als Sicherheitsverantwortlicher viel über Risikomanagement lernen, wenn man den Begriff einmal googelt.

 

 

Spiel mit der (Un-)Sicherheit: Mutproben.

Wer erinnerte sich nicht an die Mutproben der Kindheit: den Kopfsprung vom Fünfmeterbrett im Schwimmbad, das Abspringen von der Schaukel, wenn sie an ihrem höchsten Punkt ist, das Anfassen des Elektrozauns auf der Weide … meist ziemlich harmlose Dinge, die nirgendwo dokumentiert sind.

Anders heutzutage: Youtube ist voll von gefilmten Mutproben, den gefährlichsten weltweit, den peinlichsten, riskantesten und krassesten – und denen, die schief gingen und somit geeignet sind, sich zum Gespött der Schaulustigen zu machen. Bungeespringen, Gleitschirmfliegen oder Balconing muten da fast an wie Kinderkram vor dem Hintergrund, dass Leute auf die Rücken freilebender Krokodile klettern. Oder bei den als Challenge bezeichneten lebensgefährlichen Mutproben Waschmittelkapseln zerbeißen oder gar hinunterschlucken (sogenannte "Tide Pod Challenges").

Ganz gleich, ob es um traditionelle oder aktuelle Mutproben geht: Das Phänomen ist es wert, einmal von Sicherheits-Berater direkt aufgegriffen zu werden. Schließlich geht es dabei im Kern um die Frage, wie man mit Risiko, respektive Risikomanagement, umgeht.

Laut Wikipedia dienen Mutproben der Unterhaltung, der Abenteuersuche, der Angstbekämpfung, dem Selbstwertstreben, der Kompetenzerweiterung, der Grenzerkundung, der Welterkundung, dem Prestigegewinn, der Wertverwirklichung und als Initiationsritus. Insofern wäre es zu kurz gegriffen, Mutproben einfach als unnütz zu bezeichnen. Sie erfüllen sogar eine gesellschaftliche Funktion. Der Psychologe und Wagnisforscher Siegbert Warwitz vertritt die These, dass risikoaverse Gesellschaften degenerieren: "Alexander der Große hat mit seinem Wagemut die griechische Kultur sogar bis nach Indien und Ägypten getragen." Mutproben können zudem eine durchaus heilsame Wirkung entfachen: Sich bewusst eine fette Spinne über die Hand laufen zu lassen, kann der Therapie von Phobien und Panikattacken dienen. Und Kinder lernen mittels Mutproben, Risiken realistischer abzuschätzen und Selbstbewusstsein aufzubauen (vor diesem Hintergrund ist es kontraproduktiv, wenn Eltern ihre Kinder heute zu sehr behüten).

Mutproben sind schon lange seriöser Untersuchungsgegenstand der Forschung, zumindest der sogenannten Wagnisforschung. Auch in der sogenannten "Spieltheorie", einer mathematischen und gedanklich überaus anspruchsvollen Theorie, kennt man Mutproben, z. B. das Chickenspiel, als Untersuchungsgegenstand: Zwei amerikanische Jugendliche, jeweils in Papas Auto sitzend, rasen auf einer Landstraße aufeinander zu – wer zuerst ausweicht, hat verloren. Finden sich gleich zwei waghalsig Mutige, gibt es im Ergebnis meist auch zwei Tote. Die Spieltheorie versucht nun, daraus zu lernen und Hinweise für eine optimale Entscheidungsfindung der Spieler zu finden (meist kooperative Strategien mit interaktiver Entscheidungsfindung).

Warwitz unterscheidet zwei Typen von Wagnissuchern (Gegenteil: Wagnismeider): Diejenigen, die ohne Sinn und Verstand Mutproben demonstrieren, bezeichnet er als Hasardeure. Er liefert in einem Aufsatz ein Beispiel: "Der amerikanische Jagdflieger, der in Südtirol unter einer Seilbahn durchflog und dabei eine Gondel mit Menschen zum Absturz brachte, gefährdete anderes und eigenes Leben, nur um sich einen Namen als tollkühner Draufgänger zu machen. Er verlor seine Fluglizenz und seinen Beruf. Er schuf keinen Wert, sondern zerstörte sinnlos Werte." Dem stellt er das Beispiel von Bergsteigern wie Reinhold Messner gegenüber, die Werte schafften, indem sie z. B. – auch gegen fachliche Vor- und Fehlurteile – beweisen, was Menschen physisch, psychisch und mental an Extremleistungen möglich sei.

Sicherheitsverantwortliche sollten nicht gerade zu den Wagnissuchern (Synonym: Philobat) gehören. Andererseits können sie auch nicht konsequent und ausschließlich Wagnismeider (Synonym: Oknophiler) sein. Schließlich gibt es auf keinem Gebiet eine hundertprozentige Sicherheit. Man kann bestenfalls auf die Senkung der Eintrittswahrscheinlichkeit einwirken und die Schadenshöhe beeinflussen – was jedoch bisweilen nicht realisierbar ist und daher einer Mutprobe gleicht: Auf die Eintrittswahrscheinlichkeit, dass ein Jumbojet aufs Rechenzentrum kracht, hat man nämlich keinerlei Einfluss und das Gebäude dagegen zu härten würde jedes verfügbar Budget sprengen. So gesehen bleibt bei Risiken mit extrem geringer Eintrittswahrscheinlichkeit und extrem großer Schadenshöhe nur der Ausweg, sich als Wagnisakzeptierer zu positionieren.

 

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