Kommentar

Scham, Schutz und Sicherheit.

© natalielb - Fotolia.com

1.3.2018 (bz) – Schamgefühl kann die Bekämpfung von Krankheiten verhindern. Aber Schamlosigkeit würde garantiert für mehr Unsicherheit sorgen. Bernd Zimmermann über ein seltsames und vermutlich stets sicherheitsrelevantes Phänomen.

 

Schämen Sie sich (nicht)!

Neulich fiel mir eine Studie in die Hände, in der es darum ging, Tabuthemen im Gesundheitsbereich zu benennen. Die konkreten Ergebnisse dieser Studie waren leider nur zur unternehmensinternen Verwendung zugelassen. Soviel darf ich aber unter Inanspruchnahme meiner journalistischen Souveränität verraten: Die Studie will herausgefunden haben, dass es vielen Menschen bisweilen ziemlich peinlich ist, über ihre Blähungen, Verstopfungen, Hämorrhoiden, über ihren Haarausfall, ihren Fußpilz, ihren Herpes oder auch über ihre Potenzprobleme zu reden. Das geht offenbar so weit, dass sich Betroffene nicht einmal trauen, rezeptfreie Medikamente zur Behandlung ihrer Leiden zu kaufen – oder das Problem beim Arzt ihres Vertrauens überhaupt einmal anzusprechen. Schamgefühl verhindert auf diese Weise die Bekämpfung von Krankheiten.

Den Machern der Studie ging es in erster Linie nicht darum zu beklagen, dass hier Scham kontraproduktiv wirkt, sondern darum zu zeigen, dass sich die Nachfrage für frei verkäufliche Medikamente deutlich steigern ließe, wenn es denn gelänge, mit Hilfe klug gemachter Werbung Hemmschwellen zu überwinden. Wer zum Beispiel unter Fußpilz leidet, der solle bitteschön mit optimierter Produktwerbung dazu gebracht werden, in der Apotheke aktiv nach dem Antifußpilzmittel xy zu fragen. Das scheint momentan alles andere als selbstverständlich zu sein. Dabei gab es schon 1990 unter dem Eindruck des AIDS-Schocks den legendären Fernsehspot mit der brüllend laut vorgetragenen Frage: "Tina, wat kosten die Kondome?" Im Kampf gegen AIDS wurde Schamgefühl richtigerweise als kontraproduktiv wahrgenommen.

Von den Psychologen wird Schamgefühl als Affekt, also als vorübergehende Gemütserregung, bezeichnet. Wäre diese soziologisch betrachtet völlig überflüssig, gäbe es sie vermutlich gar nicht. So ist Schamgefühl wohl immer sicherheitsrelevant. Grobe Complianceverstöße, z. B. Korruption, wird es immer da geben, wo die Schamgrenze ins Bodenlose gefallen ist. Allein die Scham (neben der Androhung von Strafe) bietet Schutz vor Fehltritten. Und man möchte gar nicht wissen, wieviele Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen aus Schamgefühl – oder aus Angst vor Strafe, was nicht weit davon entfernt ist - unter den Teppich gekehrt werden. Für den Sicherheitsbereich bedeutet dies, eine "Tina-wat-kosten-die-Kondome-Strategie" zu fahren, also das vermeintlich amoralische Verhalten nicht zu verurteilen, sondern als normales menschliches Verhalten zu thematisieren und zu enttabuisieren. Eine gelebte Fehlerkultur, die einerseits kleinere Fehltritte von allzu großem Schamzwang befreit und zugleich das Schamgefühl bei kapitalen Complianceverstößen aufrecht erhält, dürfte zur größtmöglichen Sicherheit auch im Unternehmensbereich führen. Und dazu, um auf das Beispiel vom Anfang zurückzukommen, bedarf es der Werbung. Vielleicht sollte die eine oder andere Awarenesskampagne auch einmal die Schamfrage thematisieren …

 

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)