Interview

Betrügerischen Verkehrsunfällen auf der Spur.

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28.3.2018 (bz) – Uli Link (ul) ist Hauptkommissar und ermittelt bei Betrugsdelikten im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen. Bernd Zimmermann (bz) sprach mit ihm.

 

 

"Auch Ihre Verdachtsmomente sind wichtig."

Uli Link
Polizeihauptkommissar VK 1, Polizeipräsidium Bonn

bz: Herr Link, Sie sind Hauptkommissar im Verkehrskommissariat des Polizeipräsidiums Bonn. Dort ermitteln Sie bei Verkehrsunfällen, die in betrügerischer Absicht provoziert werden. Wer provoziert denn freiwillig einen Unfall?

ul: Versicherungsbetrüger erhoffen sich hier eine mühelose Ertragserzielung. Das heißt, die sprechen sich vorher untereinander ab oder bremsen völlig unvermittelt, sodass Sie nur noch auffahren können. Oder sie erzwingen an einer Straßeneinmündung so die Vorfahrt, dass Sie gar keine Chance mehr haben, noch zu bremsen oder auszuweichen. Die Situation stellt sich dann zunächst als über jeden Zweifel erhaben dar: Die Versicherung des Unfallverursachers muss zahlen. Die Täter legen sogar Kopien von Gutachten zur Abrechnung bei verschiedenen Versicherern vor, um doppelt zu kassieren bzw. fiktive Unfälle vorzutäuschen. Die Mitwirkung bei der Auswertung von Schadengutachten gehört ebenso zu meinen Aufgaben – in Einzelfällen erstellen wir zusammen mit Unfallanalytikern Plausibilitätsgutachten. Außerdem prüfe ich, ob Tachomanipulationen vorliegen, wenn Pkw wiederholt beschädigt werden. Womit die Täter offenbar nicht rechnen sind Ermittler auf Seiten der Versicherer oder polizeiliche Ermittler wie ich. Die Polizei arbeitet sogar mit dem Verbund der Versicherer zusammen.

Wir ermitteln übrigens nicht nur bei fingierten Verkehrsunfällen, sondern bei allen Delikten, die bei Verkehrsunfällen vorkommen – das ganze Spektrum von A bis Z. Da gibt es nichts, was wir nicht schon erlebt haben. Wir haben es z. B. immer wieder mit Aggressionsdelikten zu tun – jemand fühlt sich um die Vorfahrt betrogen und geht dann mit dem Baseballschläger auf den betreffenden Fahrer los. Alkohol- und Drogenfahrten bzw. der Nachweis des Konsums geben ebenfalls Anlass zu Ermittlungstätigkeiten. Die Jugendsachbearbeitung, Stichwort "frisiertes" Moped, gehört z. B. auch zu meinem Aufgabengebiet. Gefälschte Führerscheine spielen immer wieder eine Rolle. Hier geht es dann nicht nur darum, die Urkundenfälschung nachzuweisen, sondern auch die Identität dessen, der sich fälschlich ausweist. Mittlerweile werden ja Flüchtlinge professionell von Schleppern mit gefälschten Ausweispapieren ausgestattet. Mit solchen Dingen also habe ich tagtäglich zu tun.

bz: Vermutlich ist nicht jeder Verkehrsunfall verdächtig. Wie kommt es denn dazu, dass Verdachtsfälle auf Ihrem Schreibtisch landen?

ul: Das ist ganz unterschiedlich. Zunächst einmal gibt es Verdachtsmomente der Polizei. Von Zeit zu Zeit spreche ich mit meinen Kollegen im Streifendienst und bitte sie, auf bestimmte Dinge, die ich hier nicht publik machen will, zu achten. Diese Sensibilisierung hält eine ganze Weile vor. Ich erhalte dann deutlich mehr Hinweise auf mögliche Delikte. Dann verblasst das Bewusstsein irgendwann wieder, bis ich aufs Neue für Aufmerksamkeit sorgen muss.

Auch die Autoversicherer tragen Verdachtsmomente an uns heran. Wenn Ihnen zu oft jemand auffährt, fallen Sie eben selbst auf. Oder wenn Ihnen, ganze zwei Wochen, nachdem Ihnen jemand auf den Kofferraum aufgefahren ist, plötzlich einfällt, dass dadurch Kunstgegenstände in sechsstelligem Wert zerstört worden sein sollen, schrillen bei mir die Alarmglocken. Und schließlich gibt es noch die Aussagen von Unfallbeteiligten oder auch von unbeteiligten Zeugen.

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Fälle. Es ging um einen Auffahrunfall und die Beifahrerin der vermeintlichen Unfallverursacherin – sie saß also im auffahrenden Auto – sagte aus, sie habe gar keine Bremslichter wahrgenommen. Seltsamer Weise sah der Wagen des Geschädigten schon aus wie ein altes Teekesselchen, also völlig zerbeult und auffallend lieblos ausgebeult. Da fragt man sich schon "Wie schafft der das, dass ihm zwei oder drei Mal am Tag jemand auffährt?" Aufgrund der Zeugenaussage habe ich dann den Wagen einmal auf die Hebebühne fahren lassen und das Bremslicht geprüft – es funktionierte einwandfrei. Ich fand auch nirgendwo Manipulationen, also z. B. einen Ausschalter. Aber am Sicherungskasten konnte ich ein außergewöhnliches Spurenbild feststellen: Hier hatte jemand offenbar weit über den normalen Gebrauch hinaus die Sicherung für das Bremslicht herausgezogen bzw. wieder hineingesteckt. Am Ende konnten wir dem Täter ungefähr zehn betrügerische Verkehrsunfälle nachweisen. Mehr möchte ich jetzt aus ermittlungstechnischen Gründen nicht zu den Verdachtsmomenten sagen.

bz: Im Prinzip muss ich also bei jedem Unfall befürchten, über den Tisch gezogen zu werden?

ul: Also wenn das Bremslicht des Kraftfahrzeuges, auf das Sie aufgefahren sind, nicht funktioniert hat, sollten Sie der Polizei, möglichst schon bei der Unfallaufnahme, einen entsprechenden Hinweis geben. Man soll das jetzt nicht überstrapazieren, die meisten Unfälle sind einfach Unfälle - aber wenn Ihnen irgendetwas an einer Unfallsituation seltsam vorkommt, geben Sie uns einfach einen Hinweis. Auch Ihre Verdachtsmomente können wichtig werden. Wenn Sie gerade einen Schaden oder gar Totalschaden an einem fremden Auto verursacht haben und der gegnerische Fahrer bleibt dabei auffallend cool, fast schon geschäftstüchtig, dürfen Sie schon einmal ins Grübeln kommen. Bei einem Unfall handelt es sich schließlich um ein aufregendes Ereignis. Das heißt nicht, dass wir jedem Hinweis dieser Art automatisch nachgehen müssen oder können. Aber oft genug verdichten sich Hinweise aus der einen Quelle in Kombination mit anderen Hinweisen zu einem Verdachtsfall, dem wir dann eben doch nachgehen. Und wenn Ihnen selbst der Hinweis konkret keine Aufklärung bringt - vielleicht fällt der Betrüger ja beim nächsten Mal auf. Wir Ermittler leben sehr von Verdachtsfällen auf Basis von Wiederholungsindizien.

bz: Ermitteln Sie nur am Schreibtisch oder müssen Sie auch schon einmal raus – wie einst Schimanski?

ul: Außendienst habe ich seltener – immer dann, wenn es zu Durchsuchungen kommt. Auf Gerichtsbeschluss werden wir in Einzelfällen, das heißt nicht ich allein, sondern ein ganzes Team, von Zeit zu Zeit losgeschickt, um nach gefälschten Führerscheinen zu suchen. Dabei finden wir manchmal nicht bloß den gesuchten Führerschein, sondern auch Indizien, die auf weitere Delikte hinweisen. Ich erinnere mich an eine Hausdurchsuchung mit dem Ergebnis, dass wir auf Basis des Verdachts von fiktiven Verkehrsunfällen einem Verdächtigen gleich mehrere Unfälle in betrügerischer Absicht nachweisen konnten. Der Täter hatte tatsächlich um 16.00 Uhr einen fingierten Unfall auf der A4 – und gleich um 17.04 Uhr den nächsten. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir statt des vermuteten gefälschten Führerscheines eine Schusswaffe gefunden haben. In dem Fall gab es für den Täter neun Monate Haft. Das sind natürlich glückliche Zufälle. Hätten wir den Führerschein vor der Schusswaffe gefunden, hätte die Hausdurchsuchung ja sofort abgebrochen werden müssen, weil die Vorgabe des Gerichtsbeschlusses bereits erfüllt gewesen ist.

Tatsächlich hat meine Arbeit praktisch nichts mit Schimanski zu tun. Erst einmal unterscheidet sich ja dessen Deliktgruppe deutlich von der meinen. Der hat ja auch für meinen Geschmack viel zu chaotisch ermittelt – auch was die Optik seines Auftrittes anging. Eigentlich ist man so nicht seriös unterwegs. Bei meinen Außendiensteinsätzen trage ich zum Beispiel Uniform. Und ich denke, dass ein solches Auftreten durchaus sachdienlicher ist. Der Schimanski-Tatort war dennoch eine tolle Krimiserie, die auch ich damals ganz gern geschaut habe. Man glaubt auch gar nicht, wie wichtig das Aktenstudium ist und was man durch eine Internetrecherche alles ermitteln kann.

bz: Führen Sie auch Verhöre durch und blenden den Verhörten mit einer Schreibtischlampe?

ul: Vielleicht nicht ganz so dramatisch wie beim Tatort. Aber natürlich kann ich Verdächtige auch vorladen – wobei ich keine Garantie haben, dass sie auch tatsächlich kommen, weil sie lieber ihren Anwalt schicken oder, wenn sie denn kommen, irgendetwas sagen. Die Sache mit der Schreibtischlampe ist natürlich Kino. Ich versuche vielmehr, eine intelligente Vernehmung aufzubauen. Manchmal muss man dem Verdächtigen einfach nur eine goldene Brücke bauen, indem man ihm die Rechtslage vor Augen führt. Man kann ihm auch sagen, dass das Strafmaß nicht so hoch ist und der Richter wohlgesonnener ist, wenn er sich geständig zeigt. Vernehmungen sind eine interessante Sache. Dabei erlebe ich regelmäßig Überraschungen – wenn sich ein Verdächtiger zum Beispiel komplett anders präsentiert als das Bild, das ich mir nach Aktenlage von ihm gemacht hatte.

bz: Würden Sie sagen, dass die Anzahl solcher betrügerischer Verkehrsdelikte zunimmt?

ul: Den Eindruck habe ich nicht. Ich denke sogar, dass speziell die Fälle von Großschäden in Folge von Betrug abnehmen. Also Fälle, bei denen jemand mit einem alten Schrottauto den 100.000-Euro-Mercedes so beschädigt, also zum Beispiel einen Lackschaden verursacht, dass der Schaden zwar leicht wieder rückgängig zu machen ist, die Reparaturen aber zugleich verhältnismäßig teuer sind. Die Leute scheinen mir doch mittlerweile etwas vorsichtiger geworden zu sein. Und auch die Versicherungen reagieren präventiv. Dort hat man erkannt, dass es vielleicht doch nicht so sinnvoll ist, Schäden in bar auszuzahlen, die dann am Ende nicht repariert werden, weil jemand nur auf das Geld aus ist. Von diesen Barbeträgen ziehen die Versicherungen zum Teil die Mehrwertsteuer gleich wieder ab – immerhin fast ein Fünftel der auszuzahlenden Schadenssumme. Auch scheint es sich herumgesprochen zu haben, dass immerhin die großen Versicherer professionelle Betrugsabteilungen besitzen, nachhaken, Gutachter einschalten und einiges mehr. Schließlich und endlich erhöhen die Versicherungen ihre Prämien, die selbst ein potenzieller Betrüger erst einmal bezahlen muss. Und was sich unter Verbrechern vielleicht auch herumgesprochen hat: In Gerichtsverfahren, also nicht nur bei Verkehrsdelikten, kann der Richter Gewinnabschöpfungen veranlassen. Das heißt, der kann sofort auf Konten zugreifen und betrügerische Gewinne abschöpfen mit dem Argument "Du hast 5.000 Euro durch diesen Unfall verdient, oder 50.000 bei BTM-Geschäften, also mit Drogenhandel, das ziehen wir jetzt sofort einmal ein."

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Link.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
ulrich.link@polizei.nrw.de (Ulrich Link)

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)