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28.6.2018 – Sauberkeit und Ordnung beugen Kriminalität vor. Auf Basis dieser Erkenntnis sieht man in Stuttgart "die Sauberkeit als kleine Schwester der Sicherheit". Sagt der Stuttgarter Beigeordnete Dr. Martin Schairer (ds) im Interview mit Bernd Zimmermann (bz).

 

"Sauberkeit ist die kleine Schwester der Sicherheit."

Dr. Martin Schairer
Stuttgarter Bürgermeister für
Sicherheit, Ordnung und Sport

bz: Herr Dr. Schairer, als "Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport" sind Sie sozusagen offiziell der Saubermann von Stuttgart.

ds: Ich leite das Referat Sicherheit, Ordnung und Sport. In Stuttgart gilt die Besonderheit, dass die Beigeordneten ebenfalls als Bürgermeister bezeichnet werden. Ich war Mitbegründer des Deutsch-Europäischen Forums für Urbane Sicherheit e. V. (DEFUS) und bin aktuell noch im European Forum for Urban Security (EFUS) aktiv.

bz: Dort widmet man sich praktisch auf akademischem Niveau dem Thema Sicherheit in der Stadt. Sie sind auch Verwaltungsjurist und ehemaliger Polizeipräsident von Stuttgart. Da unterstelle ich Ihnen ein gewisses Interesse an kriminalistischen Zusammenhängen. Dass dazu auch Sauberkeit zählt, überrascht vielleicht den einen oder anderen Leser.

ds: Sauberkeit ist die kleine Schwester der Sicherheit. Beides hängt eng miteinander zusammen. Und dieser Zusammenhang wurde schon spätestens Anfang der Achtziger Jahre erkannt – damals als sogenannte Broken-Windows-Theorie von Wilson und Kelling. Demnach müssen Sie eine zerbrochene Fensterscheibe schnell reparieren, wenn Sie verhindern wollen, dass außerdem eine weitere Scheibe eingeworfen wird. Schon in den 60er-Jahren gab es Vandalismusexperimente mit abgestelltem PKW ohne Kennzeichen und mit geöffneter Motorhaube. In Abhängigkeit vom Abstellort wurde das Fahrzeug in wenigen Minuten ausgeschlachtet und mutwillig zerstört. Dies war an einem verwahrlosten Ort zu beobachten. An einem aufgeräumten Ort geschah nichts Vergleichbares. Man kann heute sagen, dass die geschilderten Zusammenhänge als wissenschaftlich bewiesen gelten dürfen.

bz: Wie reagieren Sie in Stuttgart auf diese Erkenntnisse?

ds:  Wir setzen die Erkenntnisse des aus den USA stammenden Community Policing um, das heißt, wir lassen hier nicht nur die Polizei und die Ordnungskräfte gegen die Unordnung kämpfen, sondern wir suchen den Schulterschluss zwischen Stadt, Polizei und Bürgern. Das ist der Anspruch der eben genannten Organisationen DEFUS und EFUS. Hier vernetzen sich 270 Städte, die das Thema Sicherheit als Graswurzelthema betrachten. Das heißt, nicht nur der Bund und die Bundesländer sind hier am Zug, sondern die Kommunen sind die eigentlichen Träger der Präventionspolitik. Wir halten auch nichts davon, Ordnung und Sauberkeit unter Druck durchzusetzen. Bei unserer Art der kommunal organisierten Kriminalprävention setzen wir vielmehr auf den Spaßfaktor und auf Mitmachmotivation.

bz: Das setzt ein hohes Maß an Bereitschaft in der Bevölkerung voraus.

dz: Die gibt es tatsächlich. Öffentliche Aufräumaktionen waren lange verpönt. Inzwischen ist es aber wieder in Mode gekommen, dass sich Bürger um die Sauberkeit in ihrer Stadt kümmern. Nehmen Sie unseren "Let’s Putz Stuttgart-Wettbewerb" zwischen unseren Stadtbezirken. Hier haben Stuttgarter Bürger tonnenweise Müll aus Grünanlagen entfernt. Bei dieser Aktion machen mittlerweile wieder 7.000 Teilnehmer mit. Das sogenannte "Plogging" kommt aus Schweden und verspricht auch bei uns eine richtige Trendsportart zu werden. Da laufen also Jogger durch die Stadt und sammeln dabei Müll ein. Mit "Ballot Bins" werden Raucher dazu animiert, ihre Zigarettenkippe nicht achtlos auf die Straße zu werfen. Ballot heißt Abstimmung und Bin heißt Abfallbehälter. Da werden Kippenmülleimer mit zwei Fächern aufgehängt. Je nachdem, in welches der beiden Fächer der Raucher seine Kippe wirft, kann er seine Meinung zu bestimmten Themen kundtun. Es spricht auch meiner Meinung nach nichts dagegen, städtische Vollzugsbeamte als "Müllsheriffs" einzusetzen, die im Wesentlichen Aufklärungsarbeit leisten und nur im Notfall Ordnungsstrafen verhängen. Es gibt also genügend Ansatzpunkte, die Bürgerschaft dazu zu animieren,  Sauberkeit – und damit auch Sicherheit - eigeninitiativ und mit Spaß zu fördern. Stuttgart beweist, dass das funktioniert.

bz: Das heißt, die Stuttgarter bestätigen Ihre Sichtweise?

ds: Ich nehme ein Ja für mich in Anspruch. Im Rahmen unserer im zweijährigen Turnus stattfindenden Bürgerbefragung in Stuttgart haben wir von den dafür zufällig ausgewählten Befragten einiges über deren Kriminalitätsangst erfahren: Das Unsicherheitsgefühl wird gespeist durch Unordnung. In Stadtteilen, in denen sich Unordnung breit macht, fühlen sich die Bürger unsicherer und gehen abends nicht mehr auf die Straße. Das kann dazu führen, dass ein ganzes Stadtviertel unbelebter wird. Übrigens bestätigen selbst unsere kleinsten Einwohner den eindeutigen Zusammenhang zwischen Sauberkeit und Sicherheit: Wir haben auch Kinder im Rahmen unserer Zukunftswerkstatt befragt und die Antworten erhalten, dass für Kinder Sauberkeit und Sicherheit das wichtigste Thema im Erleben ihres sozialen Nahraums sind.

bz: Sie setzen sich nicht nur in Stuttgart für Ihr Konzept der Kriminalprävention ein, sondern werben auch auf diversen Bühnen als Referent dafür.

ds: Das ist richtig. Zuletzt konnte ich meine Erfahrungen zum Beispiel bei der Ersten Essener Sicherheitskonferenz vor hochrangigen Sicherheitsexperten und Politikern vorstellen.

bz: Vielen Dank, Herr Dr. Schairer, für dieses Gespräch.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
martin.schairer@stuttgart.de (Dr. Martin Schairer)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)