Interview

Unterrichtungsverfahren für das Bewachungsgewerbe.

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28.6.2018 – Bernd Zimmermann (bz) sprach mit den Sicherheitsberatern Fabian Hecker (fh) und Stephan Leukert (sl) über das "Unterrichtungsverfahren für das Bewachungsgewerbe".

 

 

"Keinesfalls eine ausreichende Vorbereitung auf die Tätigkeiten."

Fabian Hecker, B.Sc.
Sicherheitsberater von zur Mühlen'sche GmbH, Bonn

bz: Fabian, Du hast gerade an der "Unterrichtung nach § 34a Abs. 1a Satz 1 Nr. 2 der Gewerbeordnung" teilgenommen. Der Bildungsträger hat Dir bescheinigt, dass Du "über die für die Ausbildung des Gewerbes notwendigen rechtlichen Vorschriften unterrichtet worden" und "mit ihnen vertraut" bist. Macht das Sinn, wenn man bereits einen viel höherwertigen Bildungsabschluss besitzt, in Deinem Fall Sicherheitsingenieur Bachelor of Science und Security Engineer, BdSI?

fh: Wir von der von zur Mühlen’sche GmbH beraten Kunden unter anderem bei Fragen der Beauftragung von Sicherheitsdienstleistungen. Da geht es zum Beispiel darum, Empfehlungen für Ausschreibungen zu geben: Worauf muss man achten, wenn man Sicherheitsdienstleister beauftragt? Wie stellt man sicher, dass die Qualität des Personals, die man bezahlt, auch geliefert wird? Da ist es immer gut, wenn man als Berater weiß, wovon man spricht.

bz: Konntest Du denn bei dieser Unterrichtung noch etwas lernen?

fh: Irgendetwas kann man als Profi immer mitnehmen, selbst bei einer "Unterrichtung", die keine wirkliche Ausbildung ist. Es handelt sich hier nur um die Vermittlung der rechtlichen Grundlage für die einfachsten Tätigkeiten im Sicherheitsgewerbe.

Stephan Leukert, Dipl.-Staatswiss. und Sicherheitsfachwirt
Sicherheitsberater von zur Mühlen'sche GmbH, Bonn

sl: Das Unterrichtungsverfahren ist lediglich die rechtliche Zulassungsvoraussetzung, um fremde Dinge und Personen bewachen zu dürfen. Es bereitet die Teilnehmer auf ihre späteren Tätigkeiten nur ansatzweise und dazu noch ausschließlich theoretisch vor.

bz: Immerhin umfasst die Unterrichtung doch 40 Stunden?

sl: Der Sicherheitsmitarbeiter, der später nachts alleine an einem Objekt sitzt, muss neben fachlichen Kenntnissen schon alleine aus Eigenschutzgründen die Rechtsgrundlagen beherrschen, auf deren Basis er handeln darf. Jeder kann sich selbst fragen, ob er alleine schon die rechtlichen Grundlagen seines Handelns nach so kurzer Zeit kennen und rechtssicher anwenden kann, zumal in diesen 40 Stunden auch noch andere Themen vermittelt werden sollen. Einem Sicherheitsverantwortlichen, der einen Dienstleister mit der Bewachung seines Objekt betraut, muss bewusst sein, dass er es bei Neueinsteigern faktisch mit ungelernten Hilfskräften zu tun hat. Er sollte seinem Auftragnehmer also die Frage stellen, ob und wie die Mitarbeiter für die anfallenden Tätigkeiten, zum Beispiel Kfz-Kontrolle, Besucherempfang, Alarmverfolgung, speziell und vor allem praxisnah geschult wurden.

fh: Ich weiß, dass an manchen IHK diese 40 Stunden auch gar nicht eingehalten werden. Das kann man dann auch leicht nachrechnen, wenn man hört, dass Unterrichtungen zum Beispiel vier Tage lang von morgens 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr gehen. Das macht brutto maximal vier mal neun Stunden, also 36 Stunden. Wenn es dann noch jeweils eine Stunde Mittagspause gibt und die Leute um 16.00 Uhr nach Hause geschickt werden, fragt man sich, wie man da rechnerisch auf 40 Stunden Unterrichtungszeit kommen will. Im Einzelfall bleibt es da auch schon einmal bei nur 28 Stunden.

bz: Welche Lerninhalte wurden denn vermittelt?

fh: Das Lernangebot bestand aus sechs Bausteinen: 1. Recht der öffentlichen Sicherheit und Ordnung einschließlich Gewerberecht und Datenschutzrecht, 2. Bürgerliches Gesetzbuch, 3. Straf- und Strafverfahrensrecht einschließlich Umgang mit Waffen, 4. Unfallverhütungsvorschrift Wach- und Sicherungsdienste, 5. Umgang mit Menschen, insbesondere Verhalten in Gefahrensituationen, Deeskalationstechniken in Konfliktsituationen sowie interkulturelle Kompetenz unter besonderer Beachtung von Diversität und gesellschaftlicher Vielfalt, 6. Grundzüge der Sicherheitstechnik. Mir ging es hier vor allem darum, auch einmal die operative Ebene kennenzulernen – und natürlich auch die Mitteilnehmer.

bz: Waren die Dozenten in Deinem Fall fachlich genügend qualifiziert?

fh: Bei allen Dozenten handelte es sich um Fachleute. Lediglich die didaktischen Fähigkeiten schienen sich nach meiner Wahrnehmung stark zu unterscheiden. Es war, wie man das auch von Lehrern kennt: Die einen sind engagiert und persönlich am Lernerfolg der Teilnehmer interessiert, bei den anderen gewinnt man eher den Eindruck, die spulen ihren Lernstoff nur ab. Und dann gibt es solche, die sicher fachlich hochqualifiziert sind, aber während des Unterrichts Privatgespräche auf dem Smartphone führen.

bz: Woher kamen die Teilnehmer?

fh: Der Teilnehmerkreis war ziemlich heterogen zusammengesetzt. Hier gab es solche, die auf eigene Initiative hin kamen, weil sie sich weiterqualifizieren und dies auch dokumentieren wollten, zum Beispiel um ihre Bewerbungschancen zu verbessern. Es gab auch solche, die von ihren Arbeitgebern geschickt wurden. Hier wollten die Arbeitgeber den vermeintlich guten Kenntnisstand ihrer Mitarbeiter nach außen dokumentieren.

sl: Es ging ihnen auch darum, die Mitarbeiter nachträglich zu legalisieren – alle Teilnehmer in Ihrem Kurs arbeiteten ja bereits im Sicherheitsgewerbe. Das ist natürlich verboten, aber meiner Erfahrung nach gängige Praxis.

fh: Einer saß zum Beispiel an der Pforte in einer Papierfabrik. Ein anderer überwachte nachts im Auftrag eines Sicherheitsdienstleisters die Büroräume einer Kreissparkasse. Da fanden sich Leute ein, die einer ganz normalen Arbeit nachgingen und nebenberuflich einen Job im Sicherheitsbereich hatten, Tag- und Nachtschichten haben, zwischendurch die Kinder zur Schule fahren und entsprechend überarbeitet und müde zur Unterrichtung erschienen. Die konnten kaum die Augen aufhalten. Dann gab es diese typischen Türsteherstereotypen – also jemand, der 240 Kilo im Bankdrücken schaffte und auch so aussah. Einer arbeitete hauptberuflich in der Videoüberwachungszentrale eines Bordells, Goldkettchen und Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet. Nebenher war er Türsteher in Diskotheken. Es waren schon bisweilen spannende Anekdoten aus dem Arbeitsalltag des einen oder anderen Teilnehmer zu hören. Ein Türsteher meinte, er sei einmal von einem Gast angespuckt worden und habe daraufhin, mit Rücksicht auf das Renommee seines Auftraggebers, zunächst völlig gewaltfrei reagiert. Am Ende aber habe er den Gast nach dessen Diskobesuch zum Parkplatz verfolgt und ihn ohne Zeugen niedergeschlagen.

bz: Das klingt nach unterster Schublade.

fh: Ich will den durchaus auch anwesenden seriösen Teilnehmern aber hier nicht Unrecht tun. Eine Dame beispielsweise kam aus dem Management eines Museums und war dort zuständig für die Beauftragung von Sicherheitsdienstleistern. Die wollte, ebenso wie ich, wissen, unter welchen Bedingungen und aus welchen Motiven wer an dieser Unterrichtung teilnimmt.

bz: Die Motivation zur Teilnahme war also ziemlich unterschiedlich?

fh: Einzelnen Teilnehmern merkte man schon an, dass sie auf die Teilnahmebestätigung aus existenziellen Gründen angewiesen waren. Die wollten die Teilnahmebescheinigung auf jeden Fall erhalten. Hinter vorgehaltener Hand verriet mir einer der Dozenten, dass die Leute, die ich jetzt hier kennengelernt hätte, noch einigermaßen motiviert seien, etwas zu lernen. Wie gesagt, es handelte sich um Teilnehmer in Eigeninitiative oder solche, die von ihrem Arbeitgeber geschickt worden waren. Kurse mit Teilnehmern, die vom Arbeitsamt im Rahmen einer Fortbildungsmaßnahme geschickt würden, seien tendenziell unmotivierter. Weil ich einen Ausbildungstag wegen eines Kundentermins verschieben musste, bin ich in eine solche Gruppe hineingeraten. Der Umgangston unter den Teilnehmern war, vorsichtig ausgedrückt, als grenzwertig zu bezeichnen. Da wurde im Einzelfall auch einmal eifrig geflucht und gedroht. Zum Glück hatten wir einen sehr fähigen Dozenten, der sich gegen solche Gestalten durchsetzen konnte. Der vermochte eben mit Streithähnen umzugehen. Ich habe mich in dieser Teilnehmergruppe wirklich nicht wohlgefühlt und würde da auch freiwillig nicht mehr hingehen. Mit Teilnehmern dieser Art kann man auch nicht mehr reden – die sind für Argumente kaum noch zugänglich, sollen aber dann z. B. als Securitymitarbeiter auf die Bevölkerung losgelassen werden. Ich erinnere mich an die Aussage eines dieser Teilnehmer, "Bulle" wäre doch kein Schimpfwort. Ein anderer vertrat die Ansicht, mit der Polizei hätte er ja als Securitymann nichts zu tun, denn "die Polizei macht andere Sicherheit". Wenn man sich vorstellt, dass der Staat hier Leute ausbilden will, damit die gesellschaftliche Sicherheit gewahrt bleibt, können schon gewisse Zweifel entstehen.

sl: Meiner Ansicht nach hatte die Politik in der Vergangenheit kein gesteigertes Interesse daran, die Zugangshürden zu diesem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Das Sicherheitsgewerbe ist einer der wenigen Bereiche, in die man Menschen vergleichsweise einfach in Lohn und Brot bringen kann. Welches Interesse sollte das Wirtschaftsministerium, in dessen Aufgabengebiet auch das Sicherheitsgewerbe fällt, daran haben, diesen Markt schwerer zugänglich zu machen, gerade wenn man betrachtet, dass in den vergangenen Jahren in anderen Gewerben Zugangsvoraussetzungen gelockert wurden? Genau aus diesem Grund fordern Verbände und Experten (unter anderem auch wir) seit langem, dass das Sicherheitsgewerbe in den Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums überführt wird. Man erhofft sich dadurch eine andere Schwerpunktsetzung, die unter anderem zur angemessenen Grundausbildung der Mitarbeiter führen und damit zur Qualität insgesamt beitragen könnte.

bz: Solche wie von Fabian Hecker beschriebenen Gestalten werden aber doch spätestens im Prüfungsverfahren ausgesiebt?

fh: In dem Prüfungsverfahren, wenn man das überhaupt so nennen will, an dem ich teilgenommen habe, wurde mit Sicherheit niemand ausgesiebt. Jeder bekommt hier seine Bescheinigung. Er muss lediglich anwesend gewesen sein und sich einer sogenannten Lernkontrolle unterziehen. Die stellte sich als Multiple Choice-Test heraus. Und wer nicht wusste, wo er sein Kreuzchen zu machen hatte, wurde vom Prüfer mit der Nase draufgestoßen. Dazu muss man allerdings wissen, dass das Prüfungsverfahren jeder Bildungsträger selbst bestimmen kann. Bei der IHK Köln fallen zum Beispiel immer mal wieder Leute durch die Prüfung.

bz: Dann würde ich mich nur zu Unterrichtungen bei Bildungsträgern mit den tolerantesten Prüfungsbedingungen  melden.

fh: Vermutlich geschieht das auch so. Ganz sicher habe ich gehört, dass bestimmte Bildungsträger bevorzugt werden, wenn die Teilnahmegebühren geringer sind. Dazu werden dann auch deutlich längere Anfahrtwege in Kauf genommen. Hier gibt es nämlich durchaus Unterschiede und für die Klientel, die ich kennengelernt habe, sind 50 Euro mehr oder weniger viel Geld, wenn sie nicht vom Arbeitsamt oder Arbeitgeber übernommen werden.

bz: Wie lautet Dein Fazit, was die Qualität der Unterrichtung nach § 34a Gewerbeordnung betrifft?

fh: Soweit sich meine Teilnahmeerfahrung verallgemeinern lässt – und sie deckt sich mit Informationen anderer Experten und Teilnehmer – denke ich, dass die Angebote der meisten Bildungsträger durchaus korrekt und gut sein dürften. In der Vermittlungsqualität kann es im Einzelfall Unterschiede geben. Es hängt jedoch primär entscheidend von der Motivation der einzelnen Teilnehmer ab, ob sich ein Lernerfolg einstellt. Mindestens bei Teilnehmern, die gegen ihren Willen zu solchen Unterrichtungen geschickt werden, halte ich einen Lernerfolg für reine Glückssache. Er steht und fällt mit der individuellen Motivation eines jeden Teilnehmers.

sl: Für mich stellt sich die Frage gar nicht, ob die einzelnen Bildungsträger eine gute Qualität bieten. Das darf man wohlwollend unterstellen. Vielmehr geht es darum festzuhalten, dass der Gesetzgeber bisher nicht in der Lage war oder kein Interesse daran hatte, notwendige Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, eine hohe Qualität von Sicherheitsdienstleistungen zu erzwingen. Und dazu gehört eben eine gute Ausbildung, die diesen Namen auch wirklich verdient.

bz: Vielen Dank, Fabian Hecker und Stephan Leukert, für dieses Gespräch.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
fh@vzm.de (Fabian Hecker)
sl@vzm.de (Stephan Leukert)

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