Satire

Über die Kunst, falsch richtig zu tippen.

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28.6.2017 (bz) – Bernd Zimmermann, selbsterklärter Doppellinksfüßler, über das erste Fußballtippspiel seines Lebens. Und wie er sich durch Missachtung der Systemspieltoleranzschwelle ins Abseits manövrierte …

 

 

Vorsicht, Systemspieltoleranzschwelle!

Bernd Zimmermann
Ex-Kicktippfavorit

Eigentlich bin ich ja eher sicherheitsorientiert. Keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, an einem dieser hochriskanten Fußballtippspiele teilzunehmen. Ich kam einer entsprechenden Einladung nach, weil ich zufälliger Weise fünf Euro als Eintrittskarte zur Teilnahme in der Tasche stecken hatte. Leider verstehe ich von Fußball nicht viel. Kürzlich fragte ich beispielsweise einen Redaktionskollegen, wo denn wohl die vielzitierte "Tiefe des Raumes" zu verorten sei. Der Mann war lange ambitionierter Vereinstorwart und hat mir das dann aufgezeichnet:

Schraffiert: die Tiefe des Raumes

Okay, links und rechts neben dem Tor bis zur jeweiligen Eckfahne. Vermutlich gibt es auf der anderen Spielfeldseite ebenfalls eine solche Tiefe. Vielleicht heißt sie dort ja Untiefe. Ob die nun besonders tief oder besonders flach ist, weiß selbst der Duden nicht (Er gibt für das Wort "Untiefe" zwei Bedeutungen an: 1. Flache, seichte Stelle in einem Gewässer, 2. Große Tiefe).

Zurück zu meinem unterentwickelten Fußballverständnis: Die Kuratoren  des Tippspiels, die für sich den Expertenstatus in Anspruch nehmen, müssen von meiner Unkenntnis gewusst haben. So funktioniert das nämlich bei Fußballtippspielen in der ganzen Welt: Gesucht wird stets das Zahlvieh, das in den Pott einzahlt, damit einige wenige Glückliche (beim Fußballtippen die vermeintlichen Experten) absahnen können. Mich erheitert das, wenn sich dann später herausstellt, dass es andere Tipper auf meinem Niveau gibt, die zum Beispiel stets Mannschaften in schwarzen Hosen nur ein Tor, solchen in den roten aber zwei Tore zutrauen – und im Ranking dann über den Experten stehen. Ganz zu schweigen von jenen, die ihre Schildkröte über den Spielausgang entscheiden lassen.

Ohne jede Expertenauskunft habe ich immerhin Folgendes schon als Kleinkind begriffen: Beim Fußball versuchen Leute, einen Ball mit Hilfe ihrer Füße, die dafür nicht gedacht sind, motorisch mehr oder weniger ungelenk (verglichen mit dem Gebrauch der Hände) in ein Tor zu bugsieren. Ganz selten gelingt ihnen das auch mit dem Kopf, was jedoch langfristig Hirnschäden wie im Boxsport verursacht. Normalerweise würde ein Mensch ja mit den Händen zum Ball greifen – und Handballer werden. Das nur, damit klar ist, für wie ästhetisch ich Fußball halte.

Mir schwante, dass ich mit meiner unterentwickelten Fußballexpertise kaum eine Chance beim Tippen haben dürfte. Also sagte ich mir, dass es für meine Zwecke genügen müsste, stets nur die Siegermannschaft vorherzusagen. Russland gegen Saudi-Arabien schien mir – schon aus geostrategischen Gründen und wegen des Heimvorteils – eine klare Sache zu werden. Aber die Höhe des Sieges? Irgendwie hat man doch im Fußball schon alles gesehen. Selbst Brasilien gegen Panama könnte auch mal 1:5 ausgehen. Jedenfalls, da ich als Redakteur den lieben langen Tag schon genug recherchiere, beschloss ich, der Frage nach den Spielstärken der einzelnen Mannschaften nicht weiter auf den Grund zu gehen. Mein Beschluss lautete: Ich werde kurzerhand alle Spiele 2:1 bzw. 1:2 tippen! Das müsste doch auch statistisch sinnvoll und risikoarm sein, dachte ich mir. Gab mir die Gaußsche Glockenkurve nicht irgendwie Recht?

Das Ranking des Autors vom ersten bis zum fünften Spieltag

Offenbar tat sie das: Am Ende des ersten Spieltages stand ich auf Platz 1 im Ranking. Am Ende des zweiten Spieltages immer noch. Bis zum Ende des 5. Spieltages stand ich Doppellinksfüßler unangefochten auf Platz 1. Nur zwischendurch schaffte es mal jemand, der 1:0 getippt hatte, sich während eines noch laufenden Spiels neben mich auf Platz 1 zu drängen. Beim nächsten Treffer, dem 1:1, signalisierte ihm der Veranstalter jedoch gnadenlos, dass dort nur Platz ist für einen einzigen (nämlich für mich). Der Angreifer rutschte im Ranking wieder ein Stück nach unten, um dann, beim Treffer zum 2:1 gänzlich in der Versenkung zu verschwinden. Denn da ich 2:1 richtig getippt hatte, erhielt ich die volle Punktzahl. Dieser Tipp brachte mir ein weiteres Mal Glück, als Deutschland in der 96. Minute gegen Schweden das Tor machte. Wäre das jedoch in der 37. Minute passiert, hätte ich mich als Tipper über ein weiteres deutsches Tor regelrecht ärgern müssen, weil das Punktabzug bedeutet hätte. Komisches Spielerglück und aus Fansicht eher kontraproduktiv.

Nun machte ich eine Erfahrung, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können: Die erfahrenen Fußballtippchampions der vergangenen Jahre, die ich, zugegeben, natürlich ein wenig geneckt hatte, beklagten sich nun darüber, ich sei nur ein lausiger Systemtipper. Das sei, wenn schon nicht explizit verboten, auf jeden Fall absolut unkoscher. Praktisch so, wie wenn sich jemand selbst wählt. So war ich also doch zur Recherche gezwungen. Was ich nicht im Netz fand, war ein Hinweis, der den Vorwurf bestätigte, dass meine "Systemtipperei" das Spiel ad absurdum führen würde oder irgendwie unfair wäre. Hätte mich auch gewundert. Denn wenn diese Systemtipps so schädlich wären, hätten die Veranstalter die Voreinstellung so gewählt, dass die wiederholte Abgabe gleichartiger Tipps verhindert würde. Was ich wohl fand war dagegen "eine systematische Analyse von Fußball-Vorhersagemodellen und Tipprunden" auf der Grundlage von 2.400 Tippergebnissen. Daraus das folgende Zitat: "Die Systemtipps haben im Mittel über alle Teilnehmerklassen am besten abgeschlossen, aber den Tippwettbewerb nicht gewonnen." Die sinngemäße Erklärung: Bei 100 und mehr Teilnehmern ist sozusagen immer mindestens ein Ausrutscher dabei, der auf ein abwegiges Ergebnis wettet und damit den Mittelmaßsystemtipper übertrifft. Kann es wirklich sein, dass es sich bei diesen Fußballtippspielen um pure Glücksspiele handelt – dem ganzen Geprotze von Expertenvorsprung bzw. Systemspielvorteil zum Trotz? In meiner Tipprunde gab es übrigens nur 17 Teilnehmer (und nicht 100 oder mehr) – ich hatte also einerseits ganz klar gegen die Systemspieltoleranzschwelle verstoßen, andererseits damit auch meine Chancen verwirkt. Hätte ich das mal vorher gewusst.

Am sechsten Spieltag bestätigte sich dann die wissenschaftliche Prognose: Ich Systemspieler rutschte auf den zweiten Platz ab. Den ersten Platz nahm stattdessen eine Mitspielerin ein, die bisher noch nie als Fußballfachfrau aufgefallen ist. Sie sagte, sie tippe aus dem Bauch heraus "Pi mal Daumen" ...

 

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