Innovation

Künstliche Intelligenz für die Sicherheit.

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30.10.2018 (bz) – Künstliche Intelligenz (KI) hat sich zu einem Megatrend entwickelt. Bernd Zimmermann spekuliert über mögliche KI-Anwendungsgebiete im Sicherheitsbereich.

 

 

Auf bestem Weg zum Werkschutzroboter.

Künstliche Intelligenz besitzt mehr und mehr das Potenzial, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Menschen nachzuahmen und vielleicht sogar irgendwann zu übertreffen. Zwei Beispiele:

  1. Schachcomputer, die mit KI funktionieren, müssen nicht mehr mit endlos vielen Spielverläufen und menschlichen Erfahrungswerten (z. B. "Springer am Rande, große Schande") gefüttert werden, um menschliche Gegner zu besiegen. Es genügt, ihnen die Schachregeln beizubringen. Der Computer spielt dann immer und immer wieder gegen sich selbst und lernt rasend schnell nicht nur die besten menschlichen Züge, sondern findet auch (erfolgversprechende) Kreativzüge, auf die ein Mensch wahrscheinlich nie kommen würde. Schachweltmeister haben schon lange (seit dem IBSs Deep Blue 1997) keine Chance mehr. Gleiches gilt seit geraumer Zeit (seit AlphaGo Zero 2017) auch für Weltmeister des im asiatischen Raum verbreiteten Strategiebrettspiels Go.
  2. Lange Zeit scheiterte die Menschheit daran, humanoide Roboter zu entwickeln, die sich stabil auf zwei Beinen bewegen können, vielleicht auch auf einem Bein hüpfen, Treppen steigen oder Kisten aufheben können. Mittlerweile schaffen zweibeinige Roboter auch den Salto rückwärts aus dem Stand und landen wieder sicher. Das ist nicht nur Ergebnis besserer Programmierung, sondern eben auch von Lernfähigkeit durch Künstliche Intelligenz (deep learning). Wer sich einen Eindruck über die schier unglaublichen menschenähnlichen Fähigkeiten von Robotern verschaffen will, der gebe auf Youtube "darpa robotics challenge " ein. DARPA steht für "Defense Advanced Research Projects Agency" und ist dem Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten zuzuordnen, das offenbar bereits von Robotersoldaten träumt.

Die aktuellste Übersicht zu den realistischen Einsatzmöglichkeiten von KI-Technologien in den Unternehmen bietet zurzeit die Lünendonk®-Sonderanalyse 2018 "Relevanz von künstlicher Intelligenz für große Unternehmen". Demnach sehen 90 Prozent der mehr als 130 befragten Topentscheider aus Großunternehmen und Konzernen in KI "sehr große" Chancen, dass KI ihre Unternehmen grundlegend verändern könnte. Zurzeit wird das KI-Potenzial, so Lünendonk, derzeit überwiegend in der Prozessverbesserung und Kundenkommunikation (z. B. bei der Interaktion in Chat Bots, Service-Hotlines und am Point of Sale) gesehen. Dementsprechend präsentieren sich die wichtigsten Einsatzgebiete wie folgt:

  • Sprachassistenten (z. B. als sprachfähige Smart-Home-Komponenten)
  • Automatisierungstechnologien (z. B. als Bot, laut Wikipedia ein kleines Computerprogramm, dass weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeitet)
  • Predictive Analytics (Prognosemodelle zur Bewertung der Zukunft, z. B. bei Fraud Detection und Kundensegmentierung)
  • IT-Servicemanagement (z. B. im First-Level-Support oder bei neuen Softwarereleases)
  • Ferner: Robot Process Automation, Kognitive System und Intelligente Sensorik

Als besonders KI-affine Branchen identifiziert Lüdendonk Banken, Telekommunikationsfirmen, Versicherungen und die Industrie. Die Sicherheitsbranche wird in dem Papier nur im Zusammenhang mit Sicherheitslücken in IT-Systemen genannt. Schaut man sich einmal den Bereich der Gefährdungsanalysen und des Sicherheitsmanagements an, ist es jedoch mehr als wahrscheinlich, dass auch die Sicherheitsbranche von KI profitieren wird.

Tatsächlich ist KI z. B. momentan dabei, die Sprachübersetzungsqualität auf ein völlig neues Niveau zu heben. Wer mag, kann sich gern einmal auf https://www.deepl.com/translator davon überzeugen. Während bisher Textübersetzungprogramme am Satz "Er schloss das Schloss am Schloss auf" scheitern, gelingt es nun scheinbar mühelos: "He unlocked the lock on the castle" – aus Sicht von Sprachwissenschaftlern eine ganz erstaunliche Leistung. Wenn jetzt noch das neulich im Tatort verfilmte Szenario in die Tat umgesetzt wird, dürfte es bis zum virtuellen Leitstellen-Operator nicht mehr lange hin sein. In der Sendung wurde gezeigt, wie ein KI-Programm sinnvoll mit Menschen kommunizierte, ohne als virtuell erkannt zu werden.

Im Bereich der körper-, apparate- oder maschinengebundenen KI zeichnet sich der lernfähige Werkschutzroboter ab, der Besucher nach ihrer Legitimation (digitaler Pförtner) fragt, als Türsteher für Ordnung sorgt oder unautorisierte Eindringlinge an Ort und Stelle aus dem Verkehr zieht. Der auf der Security Essen gezeigte "autarke Sicherheitsroboter" von SFC Energy und Oneberry Technologies dürfte dabei erst der Anfang sein. Lernfähige Drohnen, die mit allerlei Sensoren bestückt sind, könnten Gefahrstofflager bestreifen, nach Leckagen oder Brandherden suchen. Und der künstliche, fast unermüdliche Drogen- oder Leichensuchhund könnte sich tatsächlich wie ein körperlicher Hund z. B. über Trümmerfeldern bewegen und wäre nicht nur ein dem Metalldetektor vergleichbar Sensorstab in der Hand eines Menschen.

Daneben steckt KI natürlich auch in körperloser Software, die z. B. auf Basis komplexer Datenmengen voraussagt, wann wo der nächste Einbruch stattfindet (predictive policing). Gesichtserkennungssoftware, die z. B. bei Passkontrollen behilflich ist, lässt sich direkt in die Videokamera einbauen. Intelligente Analysesoftware kann bereits jetzt Videobilder erfassen und bewerten (Stürzt da etwa gerade ein Mensch zu Boden? Steht da ein herrenloser Koffer am Bahnsteig herum? Läuft ein gesuchter Straftäter durchs Bild?). Data-Mining-Software könnte z. B. bei einem Sicherheitsunternehmen alle bisher durchgeführten Projekte und riesige Datenmengen an Sicherheitswissen analysieren und eigenständig individuelle Sicherheitslösungen für Kunden erstellen. So wird KI wohl bald in der Lage sein, komplexe Entwicklungsszenarien zu entwickeln und Angriffsmuster vorauszusagen, z. B. Cyberangriffe. Schließlich wird sie die Fehlervorhersage und das Erkennen von Wartungsbedarf, z. B. bei Bauteilen von Maschinen (Predicitive Maintenance), perfektionieren.

Laut World Economic Forum kommen in Deutschland auf 10.000 Beschäftigte bereits 309 Industrieroboter (Platz 3 weltweit). Wissenschaftler prognostizieren, dass Systeme mit Künstlicher Intelligenz mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit in 45 Jahren uns Menschen in allen Aufgabenstellungen übertreffen werden. In 120 Jahren sollen sämtliche menschlichen Arbeiten automatisierbar sein (zitiert nach futuretimeline.net). Dazu zählen z. B. das Übersetzen von Sprachen (ab 2024), das Verfassen eines Bestsellers (ab 2049) oder die Arbeit als Chirurg. Solche Prognosen, graphisch aufbereitet, finden sich in der Google Bildersuche zuhauf. Nun müssen Auguren nicht immer richtig liegen. Die Zukunftsforscher der 60er Jahre lieferten z. B. ein äußerst dürftiges Bild ab. Sie sahen zwar (fälschlich) Städte auf dem Mars voraus – das Internet und die damit verbundene Revolution kam ihnen jedoch nicht in den Sinn.

Eine ganz wichtige Hürde müsste KI speziell im Sicherheitsbereich noch überwinden: Gerade hier müsste sie nämlich 100-prozentig perfekt funktionieren – anders macht sie mehr Arbeit als Sinn. Beispiel Videoüberwachung mit Gesichtserkennung: Schon Fehlerquoten von wenigen Prozent stellen die Tauglichkeit des gesamten Systems infrage, weil die Fehlerkennungsrate schlichtweg noch zu hoch ist (Siehe auch das am 15. November erscheinende Sicherheits-Berater Heft 22, in dem diese Problematik explizit vorgerechnet werden wird.) Gleiches gilt für Authentifizierungsprozesse im Zugangsmanagement. Und auch Falschalarmraten im Bereich von Einbruch- oder  Branderkennungsanlagen dürfen eine gewisse Schwelle – ob mit oder ohne KI – niemals überschreiten. Zudem wird wohl noch länger eine Antwort gesucht auf die Frage, ob es im Sicherheitsbereich mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz gelingen kann, auch Einzelfallentscheidungen, wie sie zur Gefahrenabwehr zwingend notwendig sind, treffen zu können.

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)