Interview

"Niedrigwassermanagement" als Risikodisziplin.

Bildquelle: bz / TeMedia GmbH

29.11.2018 – Bernd Zimmermann fragte Rainer von zur Mühlen (Sicherheitsberatung VZM, Bonn), ob die anhaltende Dürre und das extreme Niedrigwasser ein Thema in den Sicherheitsabteilungen der Unternehmen ist.

 

"Das Thema Dürrefolgen gibt’s nicht erst seit gestern."

Rainer von zur Mühlen
Gründer der von zur Mühlen'sche Sicherheitsberatung

bz: Welche Auswirkungen der anhaltenden Dürre sehen Sie als Sicherheitsberater?

vzm: Die ersten Auswirkungen kann bereits jeder Laie in der Zeitung nachlesen. Die Tanklastschiffe auf dem Rhein und anderen Wasserstraßen können nicht mehr voll beladen werden, weil das Wasser unter dem Kiel fehlt. Aber auch andere Rohstoffe werden in Fabriken über kurz oder lang knapp, wenn Ladekapazitäten sinken oder die Wasserstände im Strom und in den Häfen unter kritische Marken fallen. Teilweise mussten sogar Fährbetriebe, die die beiden Uferseiten miteinander verbinden, ihre Fahrten einstellen – der Rhein ist dann für die Anrainer wegen des Umweges bis zur nächsten Rheinbrücke plötzlich fünfzig Kilometer breit. Auch über die Probleme von Kohle- oder Kernkraftwerken wurde bereits einigermaßen ausführlich in den Medien berichtet. Der Rhein ist eine petrochemische Achse Europas. Rohstoffe müssen transportiert werden genauso wie Halb- und Fertigfabrikate. Das liegt ja auch alles auf der Hand. Aber es gibt sicher auch Dürreszenarios, über die noch niemand nachgedacht hat.

bz: An welche Dürrefolgen denken Sie da speziell?

vzm: Ich habe gerade gestern unsere Sicherheitsberater zu einem Brainstorming gebeten, um Risiken aufzudecken, die uns bei oberflächlicherer Betrachtung verborgen bleiben. Dabei wurde z. B. auf die Brandgefahr durch die beim ökologischen Bauen zunehmende Begrünung von Dächern hingewiesen. Die Fraktion unserer Rechenzentrumsexperten brachte ziemlich schnell das Problem der Brunnenkühlung von Rechenzentren zur Sprache – wo kein Wasser im Brunnen, da keine Kühlung. Und einer unserer Elektrofachleute nannte als ein mögliches Problem den in knochentrockenem Erdreich veränderten Erdübergangswiderstand, insbesondere bei oberflächennahen Erdungssystemen unter einem Meter. Da stellt sich die Frage, ob Blitzschutzsysteme dann noch einwandfrei funktionieren. Eine weitere Frage ist, ob die Schutzmaßnahmen, wie die Erdung des Netzes, noch wirken oder die Gefahr besteht, dass das eigentlich geerdete Netz sein Bezugspotenzial verliert. Dann wäre eine grundlegende Schutzmaßnahme unwirksam und das Netz dürfte so nicht weiterbetrieben werden. Ob dies ein Problem ist, kann im Einzelfall nur durch messtechnische Maßnahmen ermittelt werden.

bz: Also die Dürre und das Niedrigwasser können zu Risiken führen, an die im Normalfall kein Mensch denkt. Was unternimmt man dagegen?

vzm: Solche Sondersituationen zu analysieren mit dem Ziel, daraus zu lernen und Handlungskonzepte herzuleiten, ist ja sozusagen unsere Passion und muss der erste Schritt sein. Nur wenn ich mir der Risiken bewusst bin, kann ich Schutzziele definieren und Lösungen zur Erreichung derselben entwickeln.

bz: Hat Sie die Wirkung der Dürre nicht überrascht?

vzm: Weniger. Aber auch nach mehr als 45 Berufsjahren als Sicherheitsberater gibt es immer wieder Entwicklungen, die selbst ich nicht für möglich gehalten habe. Manche stellen wir dann im Informationsdienst Sicherheits-Berater vor – mit den entsprechenden Maßnahmen, die man zur Prävention, zur Abwehr oder zur Wiederherstellung des Normalbetriebes ergreifen kann. Ich erinnere zum Beispiel an unseren kürzlich veröffentlichten Beitrag "Das Blackoutpotenzial eines Erdbeerfeldes". Hier war die feuchte Abdeckfolie eines Erdbeerfeldes infolge eines Sturms in die Luft gewirbelt worden und hat zwei Hochspannungsleitungen kurzgeschlossen. Daraufhin gab es einen regionalen Stromblackout. Eine Raffinerie hatte Schäden von über 30 Millionen Euro.

bz: Ist die aktuelle Dürreperiode bzw. sind deren Folgen ein Thema bei Ihren Kunden?

vzm: Das Niedrigwasser bzw. die Dürre holt uns auch bei unseren Beratungsprojekten ein. Wer sich von uns in Sachen BCM (Business Continuity Management) beraten lässt, hat dieses Thema bisweilen auf der Liste seiner Fragen. Und wenn nicht, weisen wir ihn darauf hin.

Das Thema Dürrefolgen gibt’s ja nicht erst seit gestern. Bereits 2007 hat z. B. die Umweltministerkonferenz hierzu "Leitlinien für ein nachhaltiges Niedrigwassermanagement" entwickelt und vorgelegt. Ich bin geneigt zu behaupten, dass die biblische Vorhersage von sieben guten und darauf folgenden sieben schlechten Jahren im Kern nicht so abwegig ist. Jetzt erleben wir die schlechten Jahre, was das Wetter betrifft. Und natürlich erleben wir auf Kundenseite Unternehmen, die von uns wissen wollen, was auf sie zukommt, wenn die Trockenphase weiter anhält. Auch aus den allgemein zugänglichen Medien erfahren wir auffallend häufig von Konsequenzen für Unternehmen – sei es die Kühlkapazität von an Flüssen liegenden Atomkraftwerken, sei es die Versorgung durch die Schifffahrt.

bz: Wo würden Sie das "Niedrigwassermanagement" im Bereich der unternehmerischen Prävention inhaltlich ansiedeln?

vzm: Wenn wir von Prävention sprechen, kann es strategisch nur dem BCM, dem Business Continuity Management, zugeordnet werden. Natürlich wird es sehr schnell auch zu einem Thema des Krisenmanagements, wenn Vorsorgemaßnahmen versagen oder gar nicht erst ergriffen werden. Aber oft ist es hinsichtlich der Maßnahmen ein Thema für das Liegenschaftsmanagement oder die Werkleitung.

bz: Ist das Risiko, von krisenhaften Ereignissen überrascht zu werden, beim Niedrigwasser geringer als beim Hochwasser?

vzm: Niedrigwasser lässt sich einigermaßen gut kalkulieren, hat einen beobachtbaren Vorlauf. Dürre kündigt sich über einen längeren Zeitraum an, während sich zum Beispiel das Gegensatzrisiko, das Hochwasser, schneller entwickelt. Beim Starkregenereignis kann sich ein Risiko sogar innerhalb von Minuten zusammenbrauen. Und nach einer Dürreperiode können die Auswirkungen des Starkregens umso schlimmer ausfallen, weil die trockenen Böden das Wasser nicht aufnehmen können. Im Sicherheits-Berater Heft 24/2018 werden wir über die Folgen eines lokalen Starkregens und die Schutzmaßnahmen danach berichten.

bz: Welche Maßnahmen sind bei Niedrigwasser denkbar?

vzm: Logistische Maßnahmen oder auch bauliche Maßnahmen zur Speicherung von Wasservorräten. Logistische Maßnahmen ermöglichen ggf. die zeitweilige Unabhängigkeit von Transporten wichtiger Stoffe auf Schifffahrtswegen. So wie wir Regenrückhaltebecken vorhalten, um Überschwemmungen zu begegnen, kann man aber industriell benötigtes Wasser auch bevorraten. Es gibt Unternehmen, die mit einer Zwei-Becken-Rückhaltung arbeiten. Zunächst wird ein Speicher gefüllt. Ist er voll, wird das Regenrückhaltebecken gefüllt, das dann einen regulierten Ablauf hat und wieder leer läuft. In der Landwirtschaft kann man mit Speichern und Speichergräben arbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten, extremen Wasserverhältnissen gerecht zu werden.

bz: Könnte man nicht von anderen Regionen lernen, in denen Dürre praktisch zum Alltag gehört?

vzm: Von Ländern mit Dürrezuständen, nehmen wir z. B. Südspanien, kann man sicher viel lernen, vor allem in Bezug auf die Rationalisierbarkeit von Trinkwasser. Aus einem RZ-Projekt in Kalifornien berichtete jetzt einer unserer Berater, dort würde bei böigem Wind in Dürreperioden wie 2018 der Strom zeitweise und in ganzen Regionen abgeschaltet. Amerika ist ja das Land der oberirdischen Stromversorgung – wenn sich da ein morscher Ast eines Baumes in der stromführenden Leitung verkantet, kann es schnell zum Funkenflug kommen.

Und wir müssen unsere Wasser-Infrastruktur verbessern. Soviel Wasser wie möglich muss gespeichert werden. Wir müssen ökologisch umdenken und dürfen die Pump-Wasserkraftwerke nicht so verteufeln, weil da ein Tal vollläuft. Hier ist die Politik aufgefordert, für Akzeptanz zu werben.

bz: Haben die Erkenntnisse aus der Dürre Auswirkungen auf Ihre Art, als Sicherheitsberater zu denken?

vzm: Die Prinzipien der Sicherheitsplanung und der Schutzzielbestimmung sind, unabhängig von der erwartbaren Schadensfolge, stets die gleichen. Meine "zehn Gebote der Sicherheitsberatung", die ich im Jahre 1972 formuliert habe, galten vor der Dürre und gelten auch danach unverändert. Da bin ich sicher.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr von zur Mühlen.

 

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