Interview

Fortbildung für Sicherheitsverantwortliche.

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29.4.2019 – Fast jedes zweite DAX-Unternehmen schickt seinen Sicherheitsverantwortlichen zum Lehrgang "Security Engineer, BdSI". Bernd Zimmermann (bz) sprach mit Klaus Behling (kb), Mitreferent des Lehrgangs, über diese Fortbildungsoption.

 

"Wollen bald alle Security Engineer, BdSI, werden, Herr Behling?"

Dipl.-Ing. Klaus Behling
Sicherheitsberater bei der von zur Mühlen’sche (VZM) GmbH

bz: Vorab zur Erläuterung, damit unsere Leser verstehen, worüber wir uns hier unterhalten: Der Lehrgang "Security Engineer, BdSI" von der SIMEDIA Akademie in Bonn besteht aus drei Grundlehrgängen zu Themen aus dem Bereich der Objektsicherheit wie Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, Perimeterschutz oder Leitstellen mit der Dauer von ein bis zwei Tagen. Ein weiteres 1-Tagesmodul gilt als Wahlpflichtlehrgang, nämlich wahlweise "Technischer und baulicher Brandschutz" oder "Multifunktionale Türenplanung". Zum Schluss gibt’s noch den dreitägigen Abschlussworkshop "Homogene Sicherheitskonzepte", im Rahmen dessen das Gelernte nochmal praktisch angewendet wird und das Ergebnis den anderen Teilnehmern "verkauft" werden muss – auch ein wichtiger Aspekt im Berufsleben.

kb: Wenn wir das so ausführlich darstellen, sollten wir zwei Dinge ergänzen: Der Security Engineer wird durch den BdSI unterstützt. Das ist der Bundesverband unabhängiger deutscher Sicherheitsberater und -Ingenieure e. V. Und für diesen Security Engineer, BdSI, gibt es ein Upgrade, dass sogar zum Hochschulzertifikat "Certified Security Engineer, HFU" führt. HFU steht für Hochschule Furtwangen, bei der ich als Dozent tätig bin.

bz: Vor einiger Zeit haben wir einen Studenten der HFU interviewt, der vor seinem Studium zum Bachelor Sicherheitsingenieur (B.Sc.) ebenfalls den Security Engineer, BdSI, absolviert hat.

kb: An einer Hochschule Sicherheit und Safety auf Bachelor oder Master zu studieren und zugleich erfolgreich am Security Engineer, BdSi, teilzunehmen, schließt sich nicht aus. Ich habe Ihnen ein aktuelles Foto mitgebracht, das einige der diesjährigen stolzen 22 Absolventen des Security Engineer, BdSI, zeigt. Das sind Studenten von der HFU, die ich ebenfalls unterrichte.

bz: Welche Erfahrungen aus dem Sicherheitsbereich bringen Ihre Lehrgangsteilnehmer mit, respektive die, die nicht gerade von der Hochschule kommen, sondern aus der Praxis?

kb: Ich kann jetzt nicht mit einer repräsentativen Auswertung aufwarten. Aber mir liegen die Ergebnisse einer Stichprobenuntersuchung mit über 50 Teilnehmern vor, die ich im Rahmen der Veranstaltung befragt habe. Die Ergebnisse decken sich aber mit meiner jahrelangen Erfahrung als Referent: Die Mehrzahl der Teilnehmer war entweder Neueinsteiger mit bis zu zwei Jahren Facherfahrung Sicherheitsbereich oder relativ erfahrene Sicherheitsverantwortliche mit mehr als fünf und teilweise über 10 Jahren Berufserfahrung. Das heißt, wir haben ebenso die Einsteiger als auch die "alten Hasen". Und auch die Gruppe im Mittelfeld der sicherheitsaffinen Berufskarriere ist signifikant vorhanden – wenn auch nicht ganz so stark. Aus Einzelgesprächen weiß ich, dass die Berufsanfänger tendenziell von ihren Arbeitgebern geschickt werden. Die berufserfahrenen Sicherheitsverantwortlichen dagegen lassen sich den Kurs gern als Incentive spendieren. Die wollen dann auch einfach wissen, ob sie wirklich schon alles wissen. Viele von ihnen haben als Quereinsteiger auch noch keinen formalen Abschluss im Bereich der Sicherheitstechnik. Die stehen dann durchaus in Konkurrenz mit dem Nachwuchs, der eben solche Bildungsabschlüsse mitbringt.

bz: Kann denn ein Sicherheitsverantwortlicher mit mehreren Jahren Berufserfahrung überhaupt noch etwas lernen im SE-Lehrgang?

kb: Meine Rückmeldungen sehen so aus, dass alle Teilnehmer sagen, sie konnten hier noch etwas lernen. Der Praktiker ist froh, dass er mit einem ausgeprägteren Theorieverständnis nach Hause fährt. Und manch ein Sicherheitskonzeptionierer begreift erst als Security Engineer richtig, was diese Werkschutzleute ständig von ihm wollen. Jedenfalls behandeln wir ein sehr breites Themenspektrum. Der Werkschutzleiter kann hier ebenso viel Neues dazulernen wie der Personenschützer oder der Sicherheitschef wie der IT-Security-Leiter. Davon abgesehen entwickeln sich sicherheitsaffine Reglements und Normen, die wir ja auch entsprechend in unseren Lehrgängen würdigen, permanent weiter. Da kommen Sie normalerweise im Berufsalltag allein gar nicht mehr hinterher.

bz: Als Redakteur erhalte ich fast täglich Einladungen zu Schulungen. Die sind teilweise sogar kostenlos. Ich kann mich auf Türengineering spezialisieren, auf Perimeterschutz, auf Netzwerksicherheit, auf Videosysteme, auf Zertifizierungsfragen und und und. Es gibt doch praktisch nichts, was es nicht gibt. Wozu dann der Security Engineer?

kb: Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt 100.000 Spezialisten auf dem Markt in genau den Bereichen, die Sie gerade genannt haben – und noch in einigen mehr. Die bilden sich punktuell weiter. Als Security Engineer, BdSI, haben Sie dagegen eine Fortbildung genossen, die Sie befähigt, eine homogene Sicherheitsarchitektur zu erkennen, zu bewerten und letztendlich auch aufbauen zu können. Wir vermitteln ebenfalls eine Menge an Spezialwissen – aber immer mit dem Ziel einer ganzheitlichen Befähigung unser Teilnehmer. Ich ganz persönlich habe auch den Anspruch, meine Schüler davor zu bewahren, Ressourcen zu verschwenden. Man muss zum Beispiel keinen unbezahlbaren Bunker bauen als Schutz vor Terrortrucks. Eine mäanderförmige Zufahrt kann unter Umständen effizienter und kostengünstiger sein.

bz: Wir führen dieses Interview, weil Sie mich mit der Aussage überraschten, jedes zweite DAX-Unternehmen schickte ihre Sicherheitsverantwortlichen zu den Lehrgängen der SIMEDIA. Zudem hat sich die Teilnehmerzahl in diesem Jahr fast verdoppelt. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg – wollen denn jetzt alle Security Engineer, BdSI, werden?

kb: Es sieht ganz danach aus. Spaß beiseite, zurzeit sind 70 neue Teilnehmer am Start – Tendenz ist klar steigend. Die Erkenntnis mit den DAX-Unternehmen ist eigentlich dem Zufall geschuldet. Aber sie stimmt. Wenn wir uns die Provenienz der bisherigen Lehrgangsteilnehmer des Security Engineer ansehen, stellen wir tatsächlich fest: Jedes zweite Unternehmen des DAX hat mindestens einen Teilnehmer zu unseren Seminaren entsandt - insgesamt haben fast 700 Personen zumindest einen Lehrgangsteil belegt. Dazu muss man wissen, dass man die Dauer des einjährigen Lehrgangszyklus’ natürlich auch über die Jahresfrist hinaus verlängern kann. Sicherheitsverantwortliche können eben nicht jeden Termin wahrnehmen.

bz: Lässt das steigende Interesse an Ihren Lehrgängen auch Rückschlüsse auf die Qualifizierungsdynamik in der Sicherheitsbranche allgemein zu?

kb: Ganz sicher ja. Das Anforderungsprofil an Sicherheitsverantwortliche ist in den letzten Jahren enorm gestiegen – und zwar parallel zur zunehmenden IT-Lastigkeit von Sicherheit. Das betrifft übrigens auch mich und meine Beraterkollegen. Wir können uns nicht mehr, wie noch vor Jahren, mit einem einzigen Spezialgebiet zufriedengeben. Wie gesagt, der Spezialisierungsgrad nimmt in allen Bereichen der Sicherheit zu. Umso wichtiger werden Generalisten, die in der Lage sind, Spezialisten zu steuern. Es soll ja bereits Stellenausschreibungen geben, in denen explizit "Security Engineer, BdSI" als Qualifikationsanforderung formuliert wird.

bz: Ein wichtiger Punkt bei den Teilnehmern solcher Weiterbildungsveranstaltungen ist sicherlich auch der persönliche Austausch und das kollegiale Miteinander?

kb: Das kann ich nur bestätigen. Den Erfahrungsaustausch mit anderen Sicherheitsverantwortlichen erleben unsere angehenden Security Engineers als hochgradig wertvoll. Die meisten Sicherheitsverantwortlichen sind ja oft Einzelkämpfer in ihren Unternehmen. Beim Lehrgang zum Security Engineer stoßen sie dann plötzlich auf Mitstreiter, die auf einer Wellenlänge funken. Ich weiß, dass der Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern mit Ende des Lehrganges noch lange nicht endet. Neben dem privaten Austausch treffen sich viele auch bei Veranstaltungen, wie z. B. den Fachforen der SIMEDIA Akademie, zu Themen wie Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, Leitstellen oder Drohnen dann wieder. Darüber hinaus wurde aus dem Teilnehmerkreis des letzten Lehrgangs ganz klar nochmal der Wunsch nach mehr themenübergreifender Vernetzung formuliert. Und so gibt es nun das 1. Netzwerktreffen speziell für Site Security-Verantwortliche am 3. und 4. Juni 2019 in Berlin – angelehnt an das SIMEDIA Netzwerktreffen für Krisen- und Notfallmanager, welches in diesem Jahr wieder über 130 Teilnehmer angezogen hat.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Behling. 

 

Kontakt zum Interviewpartner:
kb@vzm.de (Klaus Behling)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)