Studie

Folgenschwerer "Fußverkehr"

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29.4.2019 – "Alle 60 Sekunden stirbt ein Fußgänger": So ist das erste Kapitel der Allianz-Studie "Sicher zu Fuß" überschrieben. Wir haben uns auch die weiteren Kapitel für Sie angesehen.

 

 

Jede Minute ein toter Fußgänger.

Zahlreiche Medien berichteten auszugsweise über eine Studie der Allianz Versicherung, wonach Fußgänger gefährlich leben. Sie wurde von AZT Automotive GmbH (Allianz Zentrum für Technik) in Zusammenarbeit mit dem Institut Mensch-Verkehr-Umwelt, München und MAKAM Research, Wien, erstellt. Die 182-seitige Studie ist über www.allianzdeutschland.de einsehbar. Wir haben für Sie in die vollständige Studie hineingesehen, fassen zusammen und zitieren wichtige Erkenntnisse daraus. Der vollständige Titel der Studie lautet: "Sicher zu Fuß - Mobilität und Sicherheit von Fußgängern". Sie hätte wohl auch lauten können "Was Sie jemals über Ihr Risiko als Fußgänger wissen wollten" – so facetten- und faktenreich ist sie. In der Studie wird eine Fülle von Daten verarbeitet – sie stammt aus der Auswertung von Literatur, aus Veröffentlichungen der Polizeipresse, aus der Schadenaktenanalyse der Allianz und einer eigenen Umfrage der Allianz. Dabei werden auch Methodenvorbehalte – was die Vergleichbarkeit, der aus unterschiedlichen Quellen stammenden Daten angeht – formuliert.

Um Sie, liebe Leser, nicht davon abzuhalten, sich extrem gesund, nämlich zu Fuß, fortzubewegen, gleich ein wichtiger Hinweis vorab: Die in der Studie getroffene und in zahlreichen Medien aufgegriffene Aussage "Alle 60 Sekunden stirbt ein Fußgänger" bezieht sich auf die ganze Welt. Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalltodes, also zu den bis zu 546.000 Todesopfern weltweit pro Jahr zu zählen, ist also extrem gering. Aber: Sie liegt immerhin noch über der eines Unfalltodes, der Sie als Autofahrer ereilen könnte (vgl. S. 12 der Studie). Die Sterbewahrscheinlichkeit eines "Fußgangs" soll laut Studie bei 1:2.000 liegen. Das bedeutet, es soll 2.000-mal wahrscheinlicher sein, an Krankheiten oder anderem zu sterben (S. 56).

Ab Seite 113 bis Seite 150 ist eine "Repräsentativerhebung Verhalten und Erleben zu Fuß Gehender" abgedruckt (Wortlaut des zugrunde liegenden Fragebogens ab Seite 178). Hier hat die Allianz 1.300 Menschen nach ihrer Motivation für die Nutzung des Fußweges sowie die bei der Nutzung erfahrene Sicherheit befragt. Bis ins Detail ist hier zum Beispiel aufgeführt, wer sich beim Zufußgehen wie ablenkt. Das Verhalten sogenannter "Smombies" (Menschen, die den Blick nicht vom Smartphone lassen können) ist damit exakt dokumentiert. Es existieren nunmehr Daten darüber, ob und wieviele Fußgänger mit ihrem Smartphone telefonieren, fotografieren, Spiele spielen, Routen planen, Textnachrichten schreiben oder ob sie Musik hören (mehrheitlich, nämlich zu 45 Prozent Pop, nur fünf Prozent Klassik). Eine der Erkenntnisse daraus lautet:

"Sehr häufig/häufig Abgelenkte haben beim Gehen während der Ablenkung signifikant mehr Unfälle/Beinaheunfälle oder kritische Ereignisse als gelegentlich/selten Abgelenkte" 

Die Allianzstudie fragt, ob der "Fußverkehr Stiefkind der Sicherheitsexperten" sei. Die Antwort fällt differenziert aus: Zwar dürfte z. B. die Zahl der Rollatorunfälle ohne die Seniorenarbeit der Polizei höher ausfallen. Andererseits sei "der ‚Fußgang‘ kein wirklich gleichberechtigtes Verkehrsmittel und der Bürgersteig kein wirklich ernst genommener Verkehrsträger". Dieses Zitat gilt natürlich nur in Industrieländern. Dabei verursachten, so die Studie, Fußgängerunfälle allein in Deutschland jährlich über zwei Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten.

Auf Seite 72 stellt sich die Frage
"Silent Killer Elektroauto?", die sich allerdings auf
Basis aktueller Daten leider noch nicht beantworten lässt.
Gleichwohl sollen ab Juli 2019 nach EU-Vorschrift
akustische Warnfunktionen für neue Hybrid- und
E-Autos obligatorisch sein.

Zufußgehen ist so gefährlich wie Motorradfahren – wenn man einen Bezug der Verunglückung zur Personenkilometerleistung herstellt. Dabei ist das Zufußgehen pro einer Milliarde Personenkilometern vor Fahrrad, motorisiertem Individual- und öffentlichem Verkehr das gefährlichste Verkehrsmittel. Hier kommt es auch ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer zu tödlichen Unfällen durch sogenannte Alleinunfälle, also z. B. durch Stolpern oder Sturz wegen eines umgeknickten Fußes. Gemäß deutschem Straßenverkehrsunfallstatistikgesetz, so klärt die Studie auf, können Fußgänger allerdings nicht ohne Beteiligung eines Fahrzeugs verunglücken.

Auf den Seiten 98 und 99 sind interessante Angaben zu den Risiken des Fußverkehrs gelistet. Davon zitieren wir hier eine Auswahl:

"Kinder bis 14 Jahre sterben zu einem Drittel als Fußgänger ( … )"

"Das Sterberisiko steigt mit der Geschwindigkeit, bei 77 km/h sind 50 % der Fußgänger getötet, bei ≤30 km/h sind 30 % schwerverletzt"

"Rückwärtsfahrende Kraftfahrzeuge bestreitet nach Allianz Daten (DE) mit 23 % fast ein Viertel aller Fälle verunglückter Fußgänger ( … )"

"Der Hauptverursacheranteil (wie oft ist der Fußgänger HV, wenn er an einem Unfall beteiligt ist) beträgt 27 % (Pkw 56, Rad 43, alle 52) ( … )"

"(45 % aller Fußgängerfehler sowohl bei Unfällen mit Getöteten als auch mit Verunglückten (das müssen nicht zwingend die Fußgänger sein) sind ›Überschreiten, ohne auf den Fahrzeugverkehr zu achten‹)"

"Nach Allianz Daten (DE) sind 27 % der Autofahrer bei Fußgängerunfällen Fahrer von Firmenwagen – beruflich Fahrende bedürfen besonders der Aufklärung"

Ein Exkurs der Studie ist dem Rollator als motorisierter Mobilitätshilfe im Straßenverkehr gewidmet. Der gelangt offenbar zunehmend ins Blickfeld der Unfallforscher. Auch Fußgänger, die mit dem Rollator unterwegs sind, sind – wie oben bereits beschrieben – besonders durch rückwärtsfahrende Kraftfahrer gefährdet: 31 Prozent der Rollator nutzenden Senioren. Am Allianz Zentrum für Technik konnte gezeigt werden, dass bereits Niedrigst- bzw. Anfahrgeschwindigkeiten bei Pkw von drei Stundenkilometern Sturzszenarien "von erheblicher Tragweite" hervorrufen können:

"Nur der Rollator wird touchiert und bringt seine Benutzer zu Fall."

Zur guten Letzt diskutiert die Studie die Frage, wie denn Unfälle von Fußgängern zu verhindern seien. So kann zum Beispiel die Geschwindigkeitsreduzierung bei Autos die Unfallgefahr senken. Nichtsdestotrotz lautet das Fazit, dass dabei die Unfallvermeidungsgefahr eines jeden einzelnen Fußgängers selbst nicht außer Acht gelassen werden darf:

"Dunkle Kleidung, achtloses Betreten der Fahrbahn (ein Verhalten, das übrigens nicht verbindlich definiert ist), Blick auf das Handy, Knöpfe im Ohr, Alkohol. All das gefährdet."

 

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)