Rückblende

Wenn der Reisebus ins Schleudern gerät.

Bildquelle: EXPRESS vom 3. Oktober 1983

28.5.2019 – Eine (eigentlich positive) Veröffentlichung des vdtuev zur Sicherheit von Reise- und Linienbussen weckt in Bernd Zimmermann unschöne Erinnerungen. Er war als junger Mann Opfer eines Busunfalls.

 

 

"Ach, Du Schreck, das war’s wohl."

Gut zu wissen: Laut einer Veröffentlichung  des Verbandes der TÜV e. V. (VdTÜV) hat sich die technische Sicherheit von Bussen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Das liegt unter anderem daran, dass seit November 2016 zum Beispiel der Einbau von Notbrems- und Spurhalteassistenten in neuen Bussen Pflicht ist. Zum Glück, denn das Stichwort "Busunfall" weckt bei mir auch heute noch ungute Erinnerungen: Als junger Mann war ich selbst einmal unter den Opfern eines Reisebusunfalls.

Dazu linksbündig ein paar spontane Augenzeugenerinnerungen, die zeigen sollen, wie ich den Unfall ganz subjektiv erlebt habe. Rechtsbündig einige Zitate aus dem VdTÜV-Beitrag (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des VdTÜV und dem Hinweis, dass dieser drei recht interessante Dokumente rund um die Mängelstatistik zum Download anbietet):

Quelle: www.vdtuev.de

"Reise- und Linienbusse gehören zu den sichersten Verkehrsmitteln überhaupt. Zwischen 2007 und 2016 wurden durchschnittlich 0,17 Reisende pro einer Milliarde Personenkilometer bei Busunfällen getötet."

Ich saß im oberen Stockwerk des Reisebusses, einem "Doppeldecker", etwa in der Mitte des Ganges – nicht auf dem Fensterplatz, sondern gleich am Gang. Mein Vater hatte mir vor Jahren einmal geraten, im Bus stets in der Mitte, also etwa auf halber Distanz zu Vorder- bzw. Hinterachse Platz zu nehmen – allerdings um Reiseübelkeit vorzubeugen. Er erklärte das mit dem Bild einer Kinderwippe, die ebenfalls in der Mitte am wenigsten schaukelt.

"2017 gab es in Deutschland 5.873 Unfälle mit Personenschaden, an denen Busse beteiligt waren, wobei 9.657 Personen verunglückt sind. Von ihnen wurden 65 getötet, 1.113 schwer- und 8.479 leicht verletzt. (Quelle: Allianz pro Schiene, Destatis)."

Der Bus sollte in wenigen Minuten in Bonn ankommen. Der Fahrer hatte sich bereits über die Lautsprecher von den Bonner Fahrgästen verabschiedet. Es regnete. Plötzlich geriet der Bus ins Schleudern. Ich vermutete damals, dass das wohl Aquaplaning gewesen sein muss. Die wirkliche Ursache habe ich nie erfahren.

Als absehbar war, dass der Bus bald umkippen würde, umklammerte ich den oberen Teil des vor mir liegenden Vordersitzes, der unbesetzt geblieben war. Dann krachte der Bus auch schon auf seine rechte Flanke. Dabei dachte ich nur: "Ach, Du Scheiße, das war’s wohl." (Eine Freundin hat in einer vergleichbaren Unfallsituation dagegen "Lieber Gott, hilf!" gerufen).

Quelle: Bild Zeitung vom 3. Oktober 1983

"Das Statistische Bundesamt hat die häufigsten Fehler ausgewertet: Am häufigsten waren es Abstandsfehler mit 14,2 Prozent sowie Fehler beim Abbiegen, Wenden, ( … ) und eine nicht angepasste Geschwindigkeit in 5,2 Prozent der Unfälle."

Nach meiner Erinnerung muss der Bus nach dem Umkippen noch ein gutes Stück über den Asphalt der Autobahn gerutscht und von einer Leitplanke aufgehalten worden sein. Die Passagiere, die auf der rechten Seite des Ganges lagen, machten sodann durch die zerborstenen Fensterscheiben Bekanntschaft mit der Asphaltdecke der Autobahn.

"Seit einigen Jahren existieren Assistenzsysteme, die Fahrer bei aufkommender Müdigkeit warnen. ( … ) Zusätzlich helfen bei der Müdigkeitserkennung Spurhalteassistenten, die mit einer Videokamera arbeiten und Alarm schlagen, wenn das Fahrzeug von der Spur abkommt."

Der Moment, als der Bus in voller Fahrt auf dem Aspalt aufschlug, war der Moment, als sofort Chaos entstand: Menschen, mehrheitlich alte Menschen, schrien um Hilfe. Die Sitze krachten aus ihren Verankerungen – auch mein Sitz und der Vordersitz, den ich praktisch in den Armen hielt. Die Notfallhämmerchen, mit denen man die Scheiben zerhauen sollte, hielt es nicht mehr in ihren Halterungen. Die Fensterscheiben der linken Busflanke, jetzt sozusagen unsere Decke über uns, waren dagegen heil geblieben, sodass wir eingesperrt waren.

"Müdigkeitswarner sollen in der Europäischen Union ab dem Jahr 2022 in neuen Fahrzeugtypen verpflichtend eingebaut werden. Aus Sicht des TÜV-Verbands sollten Busunternehmen schon jetzt auf freiwilliger Basis Neufahrzeuge mit entsprechenden Systemen anschaffen."

Die Angst, in der Falle zu sitzen, weil der Bus jeden Moment explodieren könnte, ergriff mich. Ich lenkte mich ab, indem ich Erste Hilfe leistete, kann mich aber seltsamerweise im Detail kaum noch daran erinnern. Dem einen oder anderen blutüberströmten Rentner konnte ich helfen, aus dem Bus hinauszuklettern. Das ganze Geschehen spielte sich rasend schnell, wie im Zeitraffer, ab. Die Rettungskräfte – Polizei, Feuerwehr, Notärzte, Rettungshubschrauber - waren in gefühlt drei Sekunden vor Ort. Es war, als hätte jemand den Film schneller ablaufen lassen.

"Für in Deutschland zugelassene Busse gelten hohe Sicherheitsbestimmungen. Ab acht Fahrgastplätzen müssen Kraftomnibusse jedes Jahr zur Hauptuntersuchung (HU), wobei der amtliche Prüfkatalog rund 145 Punkte umfasst. Zusätzlich müssen Busse eine regelmäßige Sicherheitsprüfung (SP) durchlaufen, bei der die wichtigsten Komponenten geprüft werden."

Ich hatte extremes Glück. Außer einem Riesenschreck und einem unerklärlichen Blutflecken auf meinem Oberhemd war mir offenbar nichts passiert. Mein Leben war zumindest gerettet, die Verletzten wurden versorgt. Jetzt mussten nur noch meine Gitarre und mein Rucksack gerettet werden. Hoffentlich war ihnen im Kofferraum des Busses nichts zugestoßen. Nach der Evakuierung aus dem Bus bat ich einen der Rettungskräfte, mir doch mein Gepäck auszuhändigen – ich wolle nämlich jetzt gehen. Von der Unfallstelle bis zu meiner damaligen Studentenbude in Bonn waren es nach meiner Schätzung nur noch zehn Kilometer – also fußläufig erreichbar. Einen Angehörigen zu verständigen war so ohne Weiteres damals nicht so einfach – Handys waren noch nicht erfunden.

"Im Durchschnitt bestehen 72,5 Prozent der Busse die HU ohne Mängel. Geringe Mängel weisen 15,3 Prozent auf und 12,2 Prozent bestehen wegen erheblicher Mängel die HU nicht (Quelle: TÜV Bus-Report 2018)."

Ein Sanitäter nötigte mich förmlich, mich zunächst in ärztliche Behandlung zu begeben. Er hatte gleich richtig erkannt, dass mir der Schock noch in den Gliedern stecken musste. Und er argumentierte mit versicherungstechnischen Risiken, wenn ich mich jetzt einfach aus dem Staub machte. Weil er gefühlt fünfzig Jahre älter war als ich damals, beugte ich mich seiner ausdrücklichen Empfehlung und ließ mich mit einem Notarztwagen ins Bonner Waldkrankenhaus fahren. Dort wurde mein Brustkorb, wegen des Blutfleckens auf dem Hemd, ohne Befund geröntgt.

"Auffällig hoch sind die Mängelquoten bei der Beleuchtung sowie durch Ölverlust an Motor und Antrieb. Beide Mängel dürfen nicht unterschätzt werden. Eine funktionierende Beleuchtung ist grundlegend für die aktive und passive Sicherheit. Durch Ölverlust steigt das Brandrisiko – wenn etwa Öl auf heiße Motorkomponenten tropft."

Mit dem Taxi ließ ich mich später zu meiner Studentenbude in Bonn fahren. Fast zeitgleich traf meine damalige Freundin ein, um mich heimkehrenden Rucksacktroubadour zu begrüßen. Sie konnte kaum glauben, was ich da erzählt hatte – von wegen Katastrophenalarm auf der Autobahn mit Vollsperrung. Ein seltsames Gefühl, wenn man als Unfallopfer keine Worte findet, das Erlebte halbwegs glaubwürdig zu berichten, wenn man noch dazu nicht blutüberströmt daherkommt. Sehr viel anschaulicher waren dann die kleinen Glasbruchstücke von den Busfenstern, die aus meiner Jeans auf den Teppich purzelten.

Erster von rechts: Der Autor dieses Beitrages kam mit ein paar Prellungen davon
Quelle: Bonner Rundschau Nummer 229, 1993

Am nächsten Tag war der Unfall Titelstory der Regionalpresse. Darin wurde auch mein Verdacht auf Aquaplaning bestätigt. Meine Gitarre überstand den Unfall übrigens ohne Schaden. Bei meinem kleinen Fotoapparat – so ein analoges Ritschratschklickding – war der Verschluss defekt. Die Versicherung des Busunternehmers spendierte mir anstandslos eine neue Knipse. Immerhin stellte ich keine weiteren Ansprüche.

Soweit ich weiß, haben alle Mitreisenden den Unfall überlebt. Auch meine schwerverletzte Reisebekanntschaft war im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein gelangt. Es hat mindestens zwanzig Jahre gebraucht, bis ich als Pkw-Fahrer bei Regenwetter wieder so zügig fahren konnte, dass ich nicht den gesamten Verkehr aufhalte. Und ein gewisser Respekt vor Aquaplaning hält bis heute an. In einen Reisebus habe ich mich ebenfalls lange Jahre nicht mehr hineingetraut. Und wenn, versuche ich heute immer noch, einen Platz in der Mitte zwischen den Achsen zu ergattern ...

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)