Glosse

Einfädeln müsste man können.

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26.6.2019 (bz) – In dieser Glosse arbeitet sich Bernd Zimmermann an autofahrenden Zeitgenossen ab, die das Einfädelprinzip nicht begriffen haben. Die fahren auf dem Niveau von Eichenprozessionsspinnern …

 

 

So dumm wie eine Handvoll Eichenprozessionsspinner.

Der Verkehrsminister schlägt vor, dass Besitzer des Pkw-Führerscheins demnächst auch Motorräder bis 125 Kubik fahren dürfen. Zeitgleich werden die Elektroroller auf die Menschheit losgelassen. Ich bezweifle, dass das alles gutgeht. Menschen bewegen sich in verkehrstechnischer Hinsicht nur auf dem Niveau des Eichenprozessionsspinners. Auch die  können offenbar sinnvolle Verkehrsprinzipien wie das Einfädelprinzip nicht konsequent umsetzen: „Immer eins von links, eins von rechts, eins von links usw.“ halten sie jedenfalls bei näherer Betrachtung nicht lange durch. Den Beweis liefert ein auf Twitter geposteter Videoclip.

Perfektes Einfädeln von Eichenprozessionsspinnern
Quelle: twitter.com/i/status/1140217487608471553

Auch das menschliche Hirn scheint für derart präzise Verkehrsbewegungen nicht ausgereift genug zu sein. Jeden Tag muss ich mir als Autofahrer den Beweis dieser These zweimal ansehen: auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Heimweg. Wenn aus zwei Fahrspuren eine werden soll, zeigt sich die Verkehrs(un)tüchtigkeit des Menschen.

An dieser Stelle muss ich höllisch aufpassen, dass mir dieser Beitrag nicht entgleitet und ich beim Stichwort Mensch nicht anfange zu differenzieren. Razzfazz fängt man an zu gendern. Ich habe nämlich (rein subjektiv, versteht sich) beobachtet, dass überwiegend Frauen, die auf der rechten Spur fahren, mehr als ein Fahrzeug von links einfädeln lassen. Einerseits aus falsch verstandener Höflichkeit, andererseits vermutlich mangels Durchsetzungsvermögen. Klar, das ganze Einfädeln kann dann nicht mehr funktionieren. Auch nicht, wenn man den Einfädelpunkt um 150 Meter weiter vor den Einmündungspunkt verlegt. Auch hier finden sich die überhöflichen Rechtsspurfahrerinnen, die zum nächsten Vordermann großzügig Abstand halten, damit alle Linksfahrer der Welt gern einscheren können. Ergebnis: praktisch immer totaler Stillstand auf der rechten Spur. Aber das darf ich hier ja keinesfalls sagen. Meine beiden Büronachbarinnen haben mir schon Sanktionsmaßnahmen angedroht für diesen Fall. Die beiden behaupten übrigens ihrerseits, Männer würden vorne, also am Nadelöhr, dicht machen und das ordnungsgemäße Einfädeln gesetzeswidrig verhindern (wie die Eichenprozessionsspinner in der zweiten Videohälfte). Mag sein, aber das tun sie bestimmt nur, weil eine Frau vorher zwei von links reingelassen hat – somit stimmt’s dann wieder. Aber lassen wir das. Tatsache ist, und darauf verwette ich den Bart meiner Großmutter, dass das Einfädeln nach dem Muster „eins links, eins rechts“ maximal dreimal hintereinander funktioniert … bis wieder ein menschlicher Eichenprozessionsspinner unterwegs ist. Immerhin habe ich durch meine alltäglichen Beobachtungen gelernt, dass ich wegen der Eichenprozessionsautofahrer (m/w/d) auf der linken Spur fast immer am schnellsten vorankomme ...

Lesen Sie auch, warum das Einfädelgebot keineswegs immer gilt, wenn die eine auf die andere Fahrspur mündet – z. B. beim Auffahren auf die Autobahn, wo man Vorfahrt achten muss. Und warum Mittelspurschleicher unseren Autor ebenso zur Weißglut bringen wie Rettungsgassenverweigerer.

 

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