Interview

Aufklärung gegen Irrglauben.

Bildquelle: Thomas Reimer/Fotolia

31.7.2019 – Der Physiker Dr. Hümmler (gh) hat ein Buch über "Verschwörungsmythen" geschrieben: "Wie wollen uns Mondlandungsleugner, Flacherdler und Chemtrail-Gläubige für dumm verkaufen?" Bernd Zimmermann (bz) fasste nach.

 

"Das sind gar keine Theorien, sondern Mythen."

bz: Auf meinem Schreibtisch liegt Ihr druckfrisches Buch "Verschwörungsmythen". Darin widerlegen Sie zum Beispiel die Behauptung, die Erde sei eine Scheibe. Dass die Erde eine Kugel ist, weiß doch eigentlich jeder, der noch klar bei Sinnen ist. Was also war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?

hh: Ich bin Physiker und mag den Dingen auf den Grund gehen. Mein Zugang zu dem Thema ist daher die Frage, ob gewisse Behauptungen tatsächlich stimmen. Das Verbreiten falscher Informationen hat zurzeit Konjunktur. Dabei sehe ich zwei Gefahren: Erstens birgt das Hinnehmen von Verschwörungsglauben ein gesamtgesellschaftliches Problem, weil das den Zusammenhalt unserer Demokratie untergräbt. Im schlimmsten Fall agiert ein überzeugter Verschwörungsgläubiger terroristisch. Zumindest verschwendet er seine Zeit mit der Verteidigung seiner nachweislich falschen Erklärungen. Er sollte seine Energie stattdessen besser sinnvoll verwenden – das käme allen zugute.

Dr. Holm Gero Hümmler, Physiker, Management-Berater und Buchautor
Quelle: Dennis Merbach/merbach.net

bz: Glauben Sie daran, dass Verschwörungstheoretiker Ihr Buch lesen?

hh: Meine Erfahrung lehrt, dass fanatische Vertreter von Verschwörungsmythen argumentativ nicht mehr zu erreichen sind, weil sie sich gedanklich total verstrickt haben. Eine Diskussion auf Basis von Fakten ist mit diesen Leuten nicht mehr möglich. Aber es gibt daneben durchaus viele Menschen, die einfach nur unsicher sind. Die haben dann irgendwo in den Medien, meist im Internet oder in Social Media, gelesen, dass z. B. diese Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel uns alle vergiften sollen. Als Wissenschaftler fühle ich mich verpflichtet, diesen Zweiflern die wissenschaftlichen Erkenntnisse nahezubringen.

Übrigens vermeide ich den Begriff "Verschwörungstheorie" bzw. "Verschwörungstheoretiker" möglichst. Dazu gibt es ja die unterschiedlichsten Definitionen. "Theorie" ist jedenfalls ein aus der Wissenschaft stammender Begriff, der ganz klar definiert ist und nicht im Zusammenhang mit Verschwörungen verwendet werden sollte. Theorien werden in der Wissenschaft mit der unausgesprochenen Aufforderung formuliert, sie systematisch zu falsifizieren oder zu verifizieren. Es wird also ausdrücklich verlangt, die Richtigkeit einer Theorie mit wissenschaftlichen Methoden, z. B. mit Experimenten in der Naturwissenschaft oder mit Umfragen in der Soziologie, zu prüfen und dann zu widerlegen oder zu bestätigen. Theorien sind ergebnisoffen, während der Verschwörungsglaube bestimmte Annahmen vorab als endgültig richtig voraussetzt. Das ist so wie in der Religion – ein Blitz wird als ein Zeichen Gottes gesehen, weil die meteorologischen Zusammenhänge nicht verstanden werden. Wem keine andere Erklärung einfällt, der glaubt eben irgendetwas. Der von mir bevorzugte Begriff "Verschwörungsmythos" sagt etwas aus über die Nichtbelegbarkeit der damit vertretenen Meinungen.

bz: Glauben Sie als Physiker an Gott?

hh: Nein.

bz: Warum verbreiten Menschen eigentlich diese Verschwörungsmythen?

hh: Ich kenne Leute, die zum Beispiel die Mondlandung leugnen, aber gar nicht begründen können, warum sie eigentlich auf dieser Meinung beharren. Warum also sollten die Amerikaner die Mondlandung, die sogar die Russen nicht leugnen, vorgetäuscht haben? Wozu ein Fake? Mir scheint, es handelt sich hierbei um einen Selbstzweck. Man möchte in jedem Fall eine von der Mehrheitsmeinung abweichende Position vertreten. Die Flacherdler verstehen sich zum Beispiel paradoxerweise auffallend gut mit denen, die an die Existenz einer kugelförmigen Hohlerde glauben. Auch wird ein und derselbe Verschwörungsmythos unterschiedlich begründet. Die einen sagen, das World Trade Center sei am 11. September nicht durch von Terroristen gesteuerte Flugzeuge zu Fall gebracht worden. Die anderen beharren darauf, dass es die Flugzeuge waren – die allerdings vom CIA gesteuert worden sein sollen. Es geht Verschwörungsgläubigen ganz offensichtlich in der Hauptsache darum, die offizielle Darstellung als falsch zu entlarven. Ich verstehe da etwas nicht, also MUSS es sich um eine Verschwörung handeln – so deren Denkweise.

bz: Lässt sich der Glaube an Verschwörungen psychologisch begründen?

hh: Da ich selbst nur Physiker bin, lasse ich diese Frage in meinem Buch von einem Psychologen beantworten. Sebastian Bartoschek sagt, dass Verschwörungsglaube kein Ausdruck einer psychischen Störung ist. Er bietet vielmehr zwei Erklärungen an: Einerseits sähen Menschen aus Gründen der Evolution mehr Muster und erwarteten mehr Gefahren als objektiv vorhanden sind. Somit ist der Verschwörungsglaube nur Ausdruck eines menschlichen Frühwarnsystems, das geeignet ist, in anderen Situationen unser Leben zu retten. Andererseits seien besonders Menschen, die sich selbst als gescheitert, bedroht und abgehängt empfinden, geneigt, Verschwörungsglauben zu entwickeln. Diese könnten dann sinistre Kräfte für ihre Probleme verantwortlich machen. Das ist jetzt stark vereinfacht wiedergegeben – etwas ausführlicher werden die Zusammenhänge in meinem Buch erläutert.

bz: Was hilft denn dagegen, einem Verschwörungsmythos auf den Leim zu gehen?

hh: Es gibt ein paar Indizien, zum Beispiel die Frage, wie viele Mitwisser eine Verschwörung denn bräuchte. Im Zweifel muss ich mir die Arbeit machen, das zu prüfen oder prüfen zu lassen. Zum Einsturz des World Trade Centers muss ich mir die Statik solcher extremer Wolkenkratzer ansehen und zur Not einen Bauingenieur zu Rate ziehen. Wenn ich die Temperaturen prüfen will, unter denen eine solche Stahlkonstruktion instabil wird, kann ich in der Deutschen Industrienorm für das Brandverhalten von Baustoffen nachschlagen oder im Bundesbaublatt. Das ist, zugegeben, aufwendiger. Aber die Wahrheit macht nun einmal Mühe.

bz: Wir sollten unseren Lesern noch verraten, welche Verschwörungsmythen Sie in Ihrem Buch widerlegen.

hh: Gern. Also ich widme mich sehr ausführlich den Anschlägen vom 11. September 2001 und analysiere, wie die Zwillingstürme des World Trade Centers und deren Nebengebäude zerstört wurden. Auch die Vorgänge um den Anschlag auf das Pentagon beleuchte und erkläre ich. Ich belege, dass die Mondlandung durchaus standfand und auch aus naturwissenschaftlicher Sicht nichts dagegen spricht. Dabei gebe ich Tipps für eigene Beobachtungen der Leser, sodass jedermann mit eigenem Fotoapparat und ein paar Spielzeugpüppchen im Sandkasten selbst nachprüfen kann, dass die Mondlandung keineswegs eine Studioinszenierung war. Ich widme mich dem bei uns etwas weniger bekannten Verschwörungsmythos um das Forschungszentrum HAARP, dem unterstellt wird, Erdbeben auszulösen. Die Gerüchte um Chemtrails, also angebliche Gifte in Kondensstreifen von Flugzeugen, haben mich ursprünglich auf das Thema gebracht: Von den aktiven Skeptikern in Deutschland war ich damals der einzige, der sich im Studium mit Meteorologie beschäftigt hatte. Es gibt keine Belege, dass bewusst Chemikalien versprüht werden, um das Klima zu beeinflussen oder Menschen zu vergiften, und das würde auch nicht funktionieren. In bestimmten Kreisen kursiert die Aussage, Hitler habe eine Wunderwaffe, die "Reichsflugscheibe", besessen. Alles Unfug, das Ding existiert nur in der Phantasie von Nazi-Fans – und einer Modellbaufirma. Zu guter Letzt verteidige ich die Kugelform der Erde vor der durch nichts belegbaren Annahme, wir lebten wahlweise auf einer Scheibe oder einem Hohlkörper.

Die Titelseite des Buches von Dr. Hümmler,
erschienen im S. Hirzel Verlag

bz: Vielen Dank für Ihre Aufklärungsarbeit, Herr Dr. Hümmler. Ich habe Ihr Buch bis zum letzten Satz gern gelesen und zitiere aus dem letzten Kapitel mit der Überschrift "Wie man sich nicht aufs Glatteis führen lässt": "Bleiben Sie im Kopf offen – aber nicht so offen, dass der Verstand herausfällt!"

Hinweis: Kurz nach unserem Interview mit Dr. Hümmler erschien anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Mondlandung ein ebenfalls lesenswertes Interview auf SPIEGEL ONLINE. Außerdem gibt es einen sehenswerten Vortrag von ihm zum gleichen Thema, gehalten auf der Skepkon 2019.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
hummler@web.de (Dr. Holm Gero Hümmler)

Kontakt zum Interviewer:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)