Kommentar

Gendergedöns verkehrt herum.

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31.10.19 (bz) – Interpol fahndet im Internet nach Schwerverbrechern. Neuerdings auch gezielt nach Schwerverbrecherinnen. Und zwar ziemlich grenzwertig, meint Bernd Zimmermann.

 

 

Grenzwertige Onlinefahndung nach Frauen. 

Vorweg oute ich mich als Fan von Aktenzeichen XY. Als solcher ist mir die vor Jahren geführte Diskussion, ob XY-Fahndungsaufrufe nicht verboten gehören, noch gut im Gedächtnis. Es gab damals Stimmen, die hier eine mit der Menschenwürde unvereinbare Menschenjagd vermuteten. Heute scheinen – Überwachungsvideo sei dank - Fahndungsaufrufe im Trend zu liegen. Wenn Sie sich z. B. in Bonn als Ladendieb profilieren wollen und in einer Drogerie ein Parfüm mitgehen lassen, haben Sie gute Chancen, Ihr Fahndungsfoto in den Regionalmedien wiederzufinden. Wenn davon eine abschreckende Wirkung ausgeht, soll es mir egal sein, ob der Dieb eine schwere Kindheit hatte. Nicht okay finde ich allerdings, was momentan auf euromostwanted.eu dargeboten wird. Unter der Überschrift "Crime has no gender", also „Verbrechen kennt kein Geschlecht“, werden dort die Steckbriefe von "Europe’s most wanted", den meistgesuchten Verbrechern in Europa, präsentiert. Halt, Europol will offenbar unbedingt deutlich machen, dass es auch Frauen gibt, die Verbrecher werden. Und deshalb werden auf der Seite vorzugsweise Frauen abgebildet. 

Sinn und Zweck soll es sein, so viele Besucher wie möglich auf die Fahndungsseiten von Europol zu locken. So weit, so gut. Dann jedoch dort die zur Fahndung ausgeschriebenen Personen, nach christlichem Selbstverständnis immerhin noch Menschen, zum Gegenstand primitiver Effekthascherei zu machen, ist so nutzlos wie geschmacklos. Beispiel: Gesucht wird die wegen Menschenhandels zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilte Iveta Tancošova. Natürlich sollte man ihr Gesicht erkennen, weswegen es ein Fahndungsfoto gibt. Vor ihr Gesicht montiert Europol in mehreren Schritten jedoch eine Fantasiemaske, bestehend aus einer fetten Spinne im Netz, einer Kette mit Schloss und zwei gefesselten Händen. Das heißt, der Seitenbesucher hat die Chance auf ein lustiges Ratespiel in Geisterbahnästhetik: Was mag wohl diese verabscheuenswürdige Frau verbrochen haben? Noch drei Klicks und man sieht, wie die Schwerverbrecherin aussieht. Vor diesem Hintergrund scheint mir, dass demnächst Mörder und Mörderinnen wieder durchs Dorf getrieben, geteert und gefedert werden. Willkommen im Mittelalter! 

An der "Kampagne" EUROPE’S MOST WANTED nehmen 21 EU-Staaten teil, heißt es in einer Pressemitteilung von Europol. Das deutsche Bundeskriminalamt gehört (noch) nicht dazu - allerdings nicht wegen moralischer Vorbehalte, sondern weil es noch datenschutzrechtliche Bedenken zu prüfen gebe, so eine Sprecherin. 

Kritik an diesem Gendergedöns mit umgekehrtem Vorzeichen ist in den internationalen Medien nur ganz vereinzelt feststellbar. Der britische Indepedent zitiert immerhin eine ehemalige Europol-Beamtin, die die Aussage eines Europol-Sprechers, Frauen begingen mit gleicher Wahrscheinlichkeit Gewalttaten wie Männer, als völlig unzutreffend beschreibt. 

Selbst wenn die Quote weiblicher Schwerverbrecher fünfundzwanzig Prozent erreichen sollte (sie liegt noch darunter), gäbe ich zu bedenken, dass nicht unerheblich viele Frauen von Männern in die Kriminalität getrieben werden dürften. Vor Jahren gab ich mit meiner Bluesband einmal ein Benefizkonzert im Frauenknast. Da saßen Schwerverbrecherinnen, Lebenslängliche, Kinder- und Ehegattenmörderinnen ein (übrigens das beste Auditorium, das wir je hatten – nicht nur, weil sie nicht weglaufen konnten). Aber eben auch solche, die ihr südamerikanischer Zuhälter gezwungen hatte, Kokainbeutel zu schlucken oder anderweitig im Körper zu verstecken, um dann als Drogenkurierinnen in ein Flugzeug nach Frankfurt/M. gesteckt zu werden. Dort wurden sie dann sogleich verhaftet, verurteilt und landeten somit im Knast, wie mir die Gefängnisleitung glaubhaft versicherte. 

Kurzum, VerbrecherInnen gehören unter Zuhilfenahme geeigneter Fahndungsinstrumente gefasst – Geisterbahndramaturgie bedarf es dazu nicht. 

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)