Kommentar

Spaß oder Sicherheitsrisiko?

Bildquelle: bz/TeMedia Verlags GmbH

18.12.19 (bz) – Silversterknallerei steht in der Kritik. Die Liste der Sicherheitsrisiken ist lang. Ein seriöser Nutzen dürfte schwer zu finden sein, meint Bernd Zimmermann.

 

 

Für Leute mit Knallschaden.

Die öffentliche Meinung zu Sinn und Zweck von Silvesterböllerei und Feuerwerksraketen kippt. Jedenfalls sollen laut Umfragen bereits 57 Prozent der Menschen in den am dichtesten besiedelten Gegenden Deutschlands aus der Silvesterböllerei aussteigen wollen. Diese Mehrheit ist deutlich klarer als die für den Brexit oder Donald Trump. Eine ganze Reihe an Städten verhängte bereits partiell gültige Verbote in diesem Jahr: von Berlin über Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg bis München, Nürnberg, Stuttgart und Würzburg. Im Amt Föhr-Amrum und auf Sylt darf schon länger überhaupt nicht mehr geböllert werden.

Im Grunde hätte es – aus Sicht von Sicherheitsverantwortlichen - die Silversterknallerei noch nie geben dürfen. Denn außer einem fragwürdigen Unterhaltungswert auf dem Niveau von pubertierenden Jungs bietet sie keinerlei Nutzen, sieht man einmal vom Arbeitsplatzargument der pyrotechnischen Industrie ab. Aber das Argument ist schon in der Rüstungs- und Zigarettenindustrie mehr als fragwürdig. Arbeitsplätze sichern und töten sind eben kein sinnvolles Aktionspaar.

Unterhaltung gibt es im digitalen Zeitalter und der Wohlstandsgesellschaft ganzjährig schon mehr als genug – und zwar in Farbe und 3D. Somit dürfte auch das Argument, das Silvesterspektakel böte ein seltenes Ventil für den Stressabbau, recht dürftig sein. Selbst böse Geister sollte niemand, der in diesen wirren Zeiten noch über ein Mindestmaß an Verstand verfügt, vertreiben müssen.

Aus Sicht der Sicherheit bringt ist das Zünden von krachenden, zischenden und explodierenden Unterhaltungsobjekten nur Gefahren mit sich:

  • Dass Pyrotechnik nicht nur am Boden, sondern auch in einiger Höhe eine Brandgefahr mit sich bringt, ist unbestritten.
  • Neben Unfällen durch Feuerwerkskörper ist alljährlich auch ein gezielter Feuerwerksbeschuss von Menschen, auch von Polizei und Rettungspersonal, zu beklagen.
  • Zitat Umweltbundesamt: "Am ersten Tag des neuen Jahres ist die Feinstaub-Konzentration vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht."
  • Wer einmal einen durch die Knallerei in Panik geratenen Hund erlebt hat, weiß, wie sehr Tiere in Angst und Schrecken versetzt werden (früher gehörten auch Menschen dazu, die sich an Kriegsereignisse erinnert fühlten).
  • Es entstehen Verkehrsbehinderungen durch explodierende Böller, durch Raketen, deren Abschussrampen (Glasflaschen und Abschussbatterien) und zurückgelassene Flaschen (vgl. Bilder).

    Verkehrsbehinderte Straße in Bonn
    Bildquelle: bz/TeMedia GmbH

  • Ein einziger Böller, der in Ohrnähe explodiert, kann einen Knallschaden verursachen, der ein Leben lang anhält. Das ist besonders tragisch bei Kindern. Noch einmal Zitat des Umweltbundesamtes: "In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen zu Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper."
  • Jahr für Jahr kommt es zu schweren Verletzungen. Ein auf Youtube hochgeladener Beitrag des BLKregionalTV zeigt am Beispiel eines Schweinefußes, welche Verletzungen ein in einer Hand explodierender Böller verursachen kann.
  • Sogenannte "Polenböller", also illegale und in ihrer Explosionskraft enorm gesteigerte Knallkörper, kommen zum Einsatz und unterlaufen die herkömmlichen Sicherheitsvorkehrungen bzw. die Produktsicherheit.
  • Die Ballerei beginnt erfahrungsgemäß zuverlässig schon am 28. oder 29. Dezember mit dem Abverkauf und beschränkt sich keineswegs auf die Nacht zum 1. Januar.
  • Das Zünden von Böllern oder Feuerwerksraketen findet in aller Regel unter Alkoholeinfluss statt, was die Sache nicht gerade sicherer macht.
Verkehrsbehinderte Straße in Köln
Bildquelle: bz/TeMedia GmbH

Mein Fazit als sicherheitsaffiner Mensch: Silvesterböllerei eignet sich für Leute mit Knallschaden – nämlich für die, die ihn schon haben und für die, die ihn noch bekommen wollen oder werden. Sie ist im Grunde so komplett überflüssig wie das Rauchen (sage ich als Exraucher). Andererseits muss jeder selbst die Entscheidung zwischen Spaß und Sicherheitsrisiko treffen. Ich lasse die Rolläden herunter, bringe mein Auto in Sicherheit, stürze mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Taxi ins Getümmel, schiebe mir die Ohrenstopfen rein, lasse die anderen ihr Geld verpulvern und atme beherzt den Feinstaub der Böller ein, der so schön nach Jugendlichkeit riecht ...

 

Kontakt zum Redakteur:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)