Interview

Notfallmanagement für Zoos und Freizeitparks.

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30.1.2020 (bz) – "Was tun, wenn der Löwe los ist im Zoo?" Bernd Zimmermann (bz) fragte den Unternehmensberater Hans-Georg Lampson (hgl) nach Sicherheitsaspekten in Zoos und Freizeitparks.

 

 

"Was tun, wenn der Löwe los ist?"

Hans-Georg Lampson
Diplom-Verwaltungswirt * Kriminaloberrat a.D.
(www.lampson-consulting.de)

bz: Herr Lampson, Sie beraten unter anderem Zoos und Freizeitparks in allen Fragen der Sicherheitskonzeption und des Notfall- und Krisenmanagements. Der Brand im Krefelder Zoo in der Silvesternacht war sicher ein Schock für alle Sicherheitsverantwortlichen?

hgl: Ja, natürlich. Ohne den Krefelder Zoo konkret zu kennen, kann ich mir die Situation dort gut vorstellen. Das hat mich genauso betroffen gemacht wie Sie. Mein Herz hängt ja an diesen Zoos und an den Tieren. Ich möchte allerdings gleich hier darauf hinweisen, dass ich nicht nur in Sachen Brandschutz bzw. Notfall- und Krisenmanagement berate, sondern auch die vorgeschalteten Sicherheitskonzepte erarbeitete und anbiete. Das heißt, wir schauen uns die Örtlichkeiten und Objekte an und entwickeln dann ganzheitliche Konzepte für die Standortsicherheit. Da geht es um weit mehr als um Evakuierungspläne, Tierausbrüche und Brandschutz.

bz: Was tun, wenn der Löwe los ist – oder wenn das Affenhaus in Flammen steht?

hgl: Zunächst einmal gilt es im Vorfeld sicherzustellen, dass der Löwe weder aus seinem Gehege noch aus dem Zooareal ausbrechen kann. Wenn er aus seinem Gehege ausbricht, ist der erste Schritt, Menschen zu schützen. Zu diesem Zweck analysieren und definieren wir vorab Räumlichkeiten auf dem Zoogelände, z. B. ein Giraffenhaus, das den Besuchern als sicherer Fluchtraum dienen kann. Wir prüfen dabei z. B. wie sicher solche Rückzugsgebiete sind und berechnen, wieviele Personen sie aufnehmen können. Im zweiten Schritt geht es dann im Ernstfall darum, den Löwen wieder einzufangen oder zu betäuben. Auch der Schutz des Tieres selbst wird dabei berücksichtigt. Dazu muss man wissen, dass das Tier außerhalb seines Geheges, das es kennt, natürlich hochsensibel und gereizt sein kann. Um dem Szenario wie dem brennenden Gehege vorzubeugen, sind natürlich zusätzlich adäquate Maßnahmen der Brandbekämpfung zu treffen.

bz: Kann ich als Zoobesucher eigentlich voraussetzen, dass die Zooverwaltung auf solche Dinge vorbereitet ist?

hgl: Ja, die Zoodirektoren, die ich kenne, haben allesamt Maßnahmenkataloge für Tierausbruchszenarien und auch für Evakuierungen. Wenn ein Zoo ein Evakuierungskonzept hat, können Sie davon ausgehen, dass dort jeder Mitarbeiter weiß, was zu tun ist. Überall gibt es Notfallkisten, in denen zum Beispiel Westen mit der Aufschrift "Zoosicherheit" bereitliegen, meist auch ein Funkgerät, Detonationskörper, Abwehrspray. Solche Kisten, oder auch Rucksäcke mit Notfallutensilien, sind an strategisch sinnvollen Punkten – für die Besucher nicht erkennbar – installiert bzw. hinterlegt. Selbstverständlich werden die Mitarbeiter im Zoo auch als Ersthelfer geschult und können mit den ebenfalls vorhandenen Defibrillatoren umgehen, falls ein Besucher einmal unter Herzproblemen leiden sollte. Auch wir schulen die Belegschaft unserer Kunden regelmäßig und bereiten sie auf Notfälle vor.

bz: Unternehmensberater im Allgemeinen und Sicherheitsberater im Speziellen kennen das Phänomen, das Beratungskunden bisweilen ganz selbstverständliche Sicherheitsmaßnahmen vermissen lassen. Geht Ihnen das ebenso?

hgl: Das habe ich im Bereich Zoo noch nicht gesehen. Aber in der Industrie, deren Unternehmen ja ebenfalls zu unseren Beratungskunden zählen, gibt es durchaus immer wieder Beobachtungen, bei denen wir denken, erstaunlich, dass da noch nie etwas passiert ist. Das kann ein Infrastruktur-Kabelbaum sein, der völlig angreifbar direkt am Zaun verläuft. Es soll auch schon Bombenblindgänger gleich neben einer Kerosintankstelle gegeben haben.

bz: Sie beraten nicht nur, wie man die Zoobesucher in Sicherheit bringt, sondern geben auch Empfehlungen für die Öffentlichkeitsarbeit eines Zoos.

hgl: Wir beraten auch in Fragen der Krisenkommunikation. Ein Notfall kann bekanntlich sehr schnell eskalieren und sich zu einer Krise für das Unternehmen entwickeln. Wir nehmen für uns in Anspruch, zu allen denkbaren Szenarien Hilfe anbieten zu können, z. B. auch das Szenario Besucher im Tiergehege, Bombendrohung, Blindgängerfund, extreme Klimaereignisse, Erpressung, tödlicher Unfall während einer Veranstaltung usw.

bz: Sie bieten eine Notfallsoftware an für Zoos. Das setzt jedoch voraus, dass die IT des Zoos jederzeit hochverfügbar ist? Was passiert im Falle eines Stromblackouts?

Software zur Darstellung von Evakuierungszonen
Bildquelle: Lampson-Consulting
Checkliste für Sofortmaßnahmen im Notfall,
hier: Ausbruch eines Feuers
Bildquelle: Lampson-Consulting

hgl: Unsere Notfallsoftware für Zoos, auch für Krankenhäuser und andere Branchen, halten wir selbstverständlich redundant als Papierversion vor. Zudem läuft sie auch autark auf den Tablets und Laptops der Mitarbeiter. Die werden dann im Notfall zu Hause alarmiert, können auf einen Klick sofort alle Unterlagen über Evakuierungszonen oder Fluchtwege sowie Checklisten und Maßnahmenkataloge einsehen. Unsere Software ist interaktiv, selbsterklärend und browserbasiert.

bz: Ihre Kundenreferenzliste enthält zahlreiche Namen von Krankenhäusern. Würden Sie die Frage nach dem Unterschied zwischen der Evakuierung eines Zoos und der eines Krankenhauses als trivial betrachten?

hgl: Keineswegs, wenn auch der wichtigste Unterschied zwischen einer Zoo- und einer Krankenhausevakuierung offenkundig ist: Zoobesucher sind gehfähig und per Lautsprecheransage ansprechbar. Die Aufforderung, eine bestimmte Zone zu verlassen, läuft dagegen bei bettlägerigen Patienten ins Leere. Hier sind Sie also ganz dringend auf die Hinzunahme externer Kräfte angewiesen. Denen stehen dann Hilfsmittel zur Verfügung wie Evac Chairs, also besonders robuste und rollbare Stühle. Es gibt auch spezielle Tragetücher und Rettungstücher, mit denen Sie Patienten im Notfall vom Bett über den Flur bis über die Treppenkanten ziehen können.

bz: Wenn ich jemanden im Krankenhaus besuche, wundere ich mich stets darüber, dass da jedermann so einfach ein- und ausgehen kann. Teilen Sie diese Erfahrung in Bezug auf ein funktionierendes Zugangsmanagement?

hgl: Da stimme ich Ihnen zu. Die Patienten liegen sozusagen auf der Straße. Ich kämpfe seit Langem dafür, doch zumindest nachts so etwas wie eine Zugangskontrolle einzuführen. Andererseits sind die Krankenhäuser natürlich daran interessiert, sich möglich besucherfreundlich und offen zu präsentieren. Im Zoo haben Sie übrigens auch keine richtige Zugangskontrolle, sondern nur eine Eintrittskartenkontrolle. Deshalb sind auch hier nur reaktive Maßnahmen möglich.

bz: Wäre Videoüberwachung nicht eine Lösung?

hgl: Das bezweifele ich. Zoos sind ja riesige Gelände, teilweise bis zu 20 Hektar Fläche. Da kann man schlecht alles videoüberwachen. Das würde sicher auch die Besucherrechte berühren. Hier können Sie also nur punktuell agieren.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lampson.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
georg.lampson@lampson-consulting.de (Georg Lampson)

Kontakt zum Redakteur:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)