Kommentar

Ein Leben in der Dauerkrise.

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26.2.2020 – So ein Orkan wie Sabine kann unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ganz schön durcheinanderwirbeln. Was, wenn jeden Tag eine neue "Sabine" käme? Ein Gedankenexperiment.

 

 

"Jeden Tag Sabine" als Gedankenexperiment.

Vorab folgende Feststellung: Den Begriff "Dauerkrise" nutze ich hier dem Alltagsbrauch entsprechend. Akademisch betrachtet ist er wohl nicht haltbar: Denn eine Krise ist stets die Abweichung von der Normalität. Nur was vom Dauerzustand abweicht, kann als Krise bewertet werden. So gesehen kann es Dauerkrisen eigentlich gar nicht geben. Krise als Dauerzustand ist eben Normalzustand, allerdings auf angespanntem Level.

Zur Verdeutlichung: Unternehmen werden, das sagen Statistiken, täglich und ohne Pause mit Malware bombardiert. Der Cyberkrieg ist dadurch zum Normalzustand geworden, gegen den man sich mit Firewalls und diversen Sicherheitsmaßnahmen permanent zur Wehr setzt. Wenn es Angreifern jedoch gelingt, ins System einzudringen und z. B. Kundenadressen abzugreifen, löst erst das eine Krise (bzw. zunächst einen Notfall) aus und trifft hoffentlich auf entsprechende Krisenpläne, Krisenstäbe und Maßnahmen des Krisenmanagements.

Nichtsdestotrotz als Gedankenexperiment: Wie würde eine Gesellschaft reagieren, wenn sie permanent den Gefahren eines Orkans wie zuletzt Sabine ausgesetzt wäre? Würde sie sich schützen wie eine Schildkröte, die sich im Laufe der Evolution einen Panzer wachsen ließ? Ich denke, ja, der Prozess würde bzw. müsste nur viel schneller ablaufen:

  • Mit ziemlicher Sicherheit würden sofort alle Bäume entlang der Bahntrassen – sicher auch die etlicher Alleen - gefällt oder stark entastet werden.
  • Die Oberleitungen der Bahntrassen und Stromtrassen würden verstärkt – eventuell unterirdisch verlegt.
  • Die Architekten ließen sich Lösungen einfallen, damit künftig keine Dachziegel mehr vom Dach fallen.
  • Schornsteine von Privathäusern und Industrieanlagen würden höher gebaut und mit Windhutzen versehen, die beweglich montiert werden, sodass der Rauch stets frei abziehen kann.
  • Die Flughäfen würden sich auf den Dauerzustand Orkan sicher einstellen, die Flugzeugbauer zusätzliche Stabilisatoren entwickeln.
  • Einbrecher müssten fürchten, dass der starke Sturm ihnen das vorsichtig aufgebrochene Fenster aus der Hand reißt und dass der Lärm sie verrät.
  • Bankräuber könnten nicht mehr mit dem Motorroller flüchten. Aber vielleicht gäbe es auch gar keine Zweiräder mehr, da sie zu instabil wären.
  • Deutschland wäre ganz sicher kein Land mehr ohne Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen.
  • Die Windkraftwerkstechnik erhielte garantiert neuen Auftrieb. Die 1.000-Meter-Abstand-Regel (Windrad vs. Gehöft) würde schnell fallen.
  • Statt Brücken würden künftig verstärkt Tunnel die Querung von Flüssen wie Rhein und Elbe ermöglichen.
  • Der Absatz von Cabrio-Automobilen dürfte rückgängig sein.
  • Die Lüftungstechnik "Stoßlüftung bei offenem Fenster" würde in Vergessenheit geraten – hermetisch abgeschlossene Wohnräume wären die Folge.
  • Die Auswirkungen auf das Tierreich wären folgenschwer. Ob Vögel die Dauer-Sabine langfristig überleben, steht in Frage. Auch Bestäubungsinsekten würden sehr wahrscheinlich den geänderten Wetterverhältnissen zum Opfer fallen.
  • Ob die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Nutzflächen überhaupt noch möglich wäre, ist schwer abzusehen. Tomaten aus holländischen Treibhäusern hätten sicher Hochkonjunktur.
  • Kinder dürften kaum noch im Freien allein spielen. Schwache und alte Menschen würden aus dem Straßen- und Stadtbild womöglich verschwinden.
  • Vielleicht würde sich eine Käseglockenarchitektur (vergleichbar den Traglufthallen für Sportplätze nur stabiler) im Bereich öffentlicher Plätze (z. B. Kinderspielplätze oder Marktplätze) entwickeln.
  • Im Automobilbereich würden die Systeme wie ABS und Spurhalteassistent durch Antiböensysteme ergänzt werden.
  • Viele Freiluftsportarten würden sofort aussterben, z. B. Fahrradfahren, Speerwerfen oder (Stab-)Hochsprung.
  • Seilbahnen würden mit ziemlicher Sicherheit deinstalliert werden.
  • Warnungen vor Wanderungen im Wald würden zum erlernten Kulturgut werden.
  • Chillen am Strand oder am Baggersee wäre nur noch mit massiven Windschutzmaßnahmen möglich.
  • Silvesterraketen würden sofort verboten werden.
  • Selbst die Mode würde sich ändern. Eng am Körper anliegende Textilien würden bevorzugt getragen – auf Kosten z. B. von Kleidern.
  • "Sturmfrisuren" im wörtlichen Sinne wären an der Tagesordnung – vielleicht würden sich auch extreme Kurzhaarfrisuren durchsetzen.
  •  … (weitere Ideen)?

Das Gedankenexperiment lässt sich natürlich auch auf andere, nahezu unbegrenzt viele Szenarios übertragen, z. B.  Dauerhochwasser, Dauerwasserknappheit, Dauerepidemien, Dauerstromblackouts … Solche fantasievollen Gedankenspiele und Brainstormings sind übrigens hervorragend dazu geeignet, Sicherheitsrisiken zu identifizieren.

 

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bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)