Interview

Aus der Geschichte lernen.

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26.3.2020 (bz) – Der Unkeler Heimatforscher Wolfgang Ruland (wr) wies anhand von wenigen Dokumenten nach, wie schnell die Nazis Demokraten entmachteten. Bernd Zimmermann (bz) interviewte ihn.

 

 

"Keine nennenswerte Gegenwehr."

bz: Sie wohnen in Unkel am Rhein, und sind dort im Geschichtsverein aktiv. Von dem Städtchen weiß man, dass es Konrad Adenauer einst Zuflucht vor den Nazis bot. Also eher Widerstandsnest als Hochburg der Nazis?

wr: Weder noch. Auch Konrad Adenauer war kein Widerstandskämpfer. Er hat sich allen Avancen des katholischen Widerstandes widersetzt. Dieser tagte, unter dem  Namen "Kölner Kreis" bekannt, ebenfalls zeitweise im Unkeler PAX-Heim, also dort, wo Adenauer nach seiner Ausweisung aus dem Regierungsbezirk Köln von 1935 bis 1936 Zuflucht suchen musste. Eine Hochburg war Unkel, wie das gesamte Rheinland, für die katholische Zentrumspartei. Das Zentrum hatte über die gesamte Weimarer Republik in unserer Region die absolute Mehrheit, sowohl bei Reichstags- als auch bei Kommunalwahlen. Auch noch bei den entsprechenden Wahlen Anfang März 1933. Die beiden damaligen Wahlkreise Koblenz/Trier und Aachen/Köln waren die einzigen reichsweit, in denen die NSDAP nicht die Mehrheit erreichen konnte – sondern das Zentrum. Aber es hat nichts genützt. Die Zentrumspartei hat sich Anfang Juli 1933 selbst aufgelöst, was Adenauer zum Ausspruch veranlasst hat: "Ich weine dem Zentrum keine Träne nach. Es hat versagt."

Wolfgang Ruland
Heimatforscher, ehemals Buchhändler und Verleger
Foto: Sandra Peukert

bz: Ihre These lautet, dass die Nationalsozialisten ihre Macht nach der sogenannten Machtergreifung vom 30. Januar 1933 extrem schnell zementiert haben?

wr: So war es, und nicht nur in Unkel, sondern überall, in jedem Dorf und jeder Stadt. Es ähnelt sich überall sehr. Nach der Machtübernahme im Januar und spätestens nach dem Reichstagsbrand hatten die Nationalsozialisten mithilfe von Reichspräsident Hindenburg die wichtigsten Grundrechte außer Kraft gesetzt. Es folgten Parteiverbote und die Verfolgung von politischen Gegnern. Schon im Frühjahr waren wichtige beamtete Funktionsträger entlassen und vertrieben worden. Adenauer kann auch hier als Beispiel dienen. Er musste im März 1933 sein Amt als Oberbürgermeister von Köln aufgeben – ebenso wie viele Amtskollegen. Der Unkeler Bürgermeister Joseph Decku, der unter Adenauer in der Kölner Stadtverwaltung gelernt hatte, konnte noch bis Juni 1933 aushalten. Aber dann musste auch er gehen. So findet sich die reichsweite Gesetzgebung auch im Kleinen einer Bürgermeistereiverwaltung wieder. Auch in Unkel wurden gewählte Vertreter von SPD und KPD vom Gemeinderat ausgeschlossen und durch willfährige NS-Gefolgsleute ersetzt. Das gleiche geschah auf Kreisebene. Die tragenden Parteien der Weimarer Republik wurden ausgeschaltet, auch in Unkel sind ehemalige Funktionäre der Zentrumspartei zur NSDAP übergetreten. Anfang Dezember 1933 war die Diktatur endgültig etabliert.

bz: Auf welche Dokumente und Quellen stützen Sie Ihre These?

wr: Im Unkeler Stadtarchiv finden sich sowohl die Berliner Gesetze als auch etliche Dokumente, die das Geschehen am Ort illustrieren. Als ich vor einigen Jahren im Stadtarchiv begonnen habe, Quellen auszuwerten, hieß es, dass es aus der NS-Zeit nichts mehr gibt. Alles sei in der Nachkriegszeit vernichtet worden. Aber tatsächlich tauchten bei einer systematischen Durchsicht doch einige aussagekräftige Dokumente auf.

Dokument aus dem Stadtarchiv der Stadt Unkel am Rhein

bz: Haben die Nazis damals die Demokraten eher überrumpelt oder eher vergewaltigt?

wr: Die Demokraten wurden übermannt. Ich wähle hier bewusst das gleiche Wort, dass FDP-Chef Lindner nach der Wahl seines Parteifreundes Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt hat. Sie wurden übermannt, überrannt und beiseite geräumt.

bz: Fragt man Zeitzeugen, soweit noch am Leben, warum sie keinen Widerstand geleistet haben, erfolgt in aller Regel der Hinweis auf die Lebensgefahr, mit der zu rechnen war. Konnten Sie Beispiele dafür dokumentieren?

wr: Dazu gibt es unter den noch verbliebenen Dokumenten keine Hinweise. Aber es gab persönliche Angriffe, Diffamierungen und öffentlicher Druck, wahrscheinlich auch Gewalt, aber keine politisch motivierten Todesfälle. Allerdings sind diese aus Nachbarsorten bekannt.

bz: Gab es nennenswerte Widerstände in Unkel gegen die Nazis?

wr: Wir kennen namentlich zwei Personen, die sich trotz aller Einschüchterungen keiner NS-Organisation, auch nicht einer der vielen NS-Wohlfahrtsorganisationen, der eigentlich jedermann angehört hatte, angeschlossen haben. Dafür haben sie gravierende persönliche Nachteile in Kauf genommen. Aber alle anderen sind mit der Masse mitgelaufen. Das belegen auch die späteren Abstimmungsergebnisse.

bz: Welche Lehren würden Sie ziehen aus Ihren Forschungsergebnissen?

wr: Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die sich selbst abschaffen kann. Meinem Vortrag habe ich die Worte des Bundespräsidenten nach dem Anschlag von Halle vorangestellt: "Die Geschichte mahnt uns – die Gegenwart fordert uns." Ich möchte es so formulieren: Die Geschichte warnt uns – die Gegenwart erfordert unser Handeln.

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ruland.

 

Kontakt zum Interviewpartner:
wolfgang.ruland@web.de (Wolfgang Ruland)

Kontakt zur Redaktion:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)