Kommentar

Die Wahrheit über Wertschöpfungsketten.

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26.3.2020 (bz) – Die Corona-Krise definiert den Wert der Arbeit neu. Krankenpfleger z. B. leisten unbezahlbare Beiträge für die Gesellschaft – und werden viel zu schlecht bezahlt.

 

 

"10.000 Euro Brutto für Krankenschwestern!"

In meinem Umfeld gibt es eine junge Dame, die eine Ausbildung zur Krankenschwester – eigentlich: Krankenpflegerin, so heißt das wohl offiziell - macht. Schon vor geraumer Zeit, als Corona noch kein Thema war, berichtete sie von ihrem Berufsalltag: Sie habe nur zwanzig Minuten Pause gehabt zum Essen und sei acht Stunden auf den Beinen gewesen. Wenn die Patienten den Klingelknopf drückten, weil der Tee zu kalt oder die Füße zu heiß seien, müsse sie hinlaufen und nach dem Rechten sehen. Sie berichtete von dem bettlägerigen Mann mit Alkoholleber. Auch er klingele oft und gern. Als sie einmal dessen Zimmer betrat, lag er auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und äußerte seinen Dienstleistungswunsch mit einem breiten Grinsen im Gesicht: "Hose voll!" Dann müsse sie sich eben die Gummihandschuhe anziehen und dem wenig charmanten Zeitgenossen behilflich sein. Krankenschwestern mit einigen Berufsjahren auf ihrem gequälten Buckel berichten von den immer schwerer werdenden Patienten dieser Republik, deren verfettete Leiber sich kaum noch zu zweit mit Muskelkraft umbetten lassen. Pfleger in den Notambulanzen müssen sich die unglaublichsten Beleidigungen, die hier nicht zitierbar sind, von Patienten anhören. Sie werden angepöbelt, bespuckt und körperlich bedroht. Kurzum, der Job war schon unter den vor der Corona-Krise herrschenden Umständen eine einzige Zumutung. Ich berichte das, um deutlich zu machen, dass Krankenschwestern, respektive Krankenpfleger, schon lange zu denjenigen gehören, die Außerordentliches leisten, das außerordentlich unterbezahlt ist. Den Job würde ich nicht für 10.000 Euro Brutto im Monat machen wollen. Weswegen ich schon lange der Meinung bin, dass das ganze neoliberale Gejammer in Bezug auf die Bewertung von Arbeit Ausdruck eines unterentwickelten Gerechtigkeitssinnes ist (den letzten Halbsatz habe ich bereits dreimal umgeschrieben, um die diplomatische Contenance halbwegs zu bewahren).

Diese Aussage gewinnt durch Corona noch an Schärfe. Krankenpfleger sind jetzt unbezweifelbar "systemrelevant" (übrigens auch Supermarktkassierer, in der Corona-Krise sicher mit Recht). Sie gehören ja wohl, ohne explizit genannt zu sein, zur Kritischen Infrastruktur (BSI-Kritisverordnung, § 6 Sektor Gesundheit, 1. Stationäre medizinische Versorgung). Eine adäquate Honorierung haben sie jedoch nie erfahren. Je nachdem, ob sie tarifgebunden oder privat bezahlt werden, verdient eine ausgebildete Krankenschwester 2.400 Brutto im Monat. Nach 13 (!) Berufsjahren kommt sie auf 3.200 Euro. Lächerlich für den Beitrag, den sie für die vielbeschworene Wertschöpfungskette und die öffentliche Sicherheit leistet. Dieses Missverhältnis ist seit langem bekannt. Stets wurden irgendwelche kurzsichtigen Sachzwänge dagegen ins Feld geführt, meist mit Verweis auf die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Und dann diese Wirtschaftsexperten: Sie sehen den Beitrag einer Krankenschwester für die  Wertschöpfungskette nur durch die Cashbrille und haben stets gute Argumente, warum ein Bankenmanager das Hundertfache oder Tausendfache verdient. Der Kapitalismus ist sicher die beste aller Wirtschaftsformen – aber das sind maßlos-dekadente Auswüchse. Ein Menschenleben zu retten oder unter dem Sauerstoffzelt erträglicher zu machen ist eben nur Gefühlsduselei. Lächerlich das Ganze angesichts dreistelliger Milliardenbeträge, die jetzt zur Rettung unserer Volkswirtschaft plötzlich problemlos zur Verfügung stehen. Da ist auch die Überlegung, adhoc eine temporäre Gefahrenzulage zu zahlen, nur Symbolpolitik. Eine Schande ist das.

 

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