Satire

Interview mit dem Coronavirus.

29.4.2020 (bz) – Bernd Zimmermann (bz) sprach mit dem Coronavirus (cv) über dessen Motive und Pläne.

 

 

"Unschuldig wie eine Jungfrau"

bz: Können Sie verstehen, warum Sie nur per Videokonferenz zugeschaltet sind?

cv: Sie halten das für eine Vorsichtsmaßnahme? Ich kann nur sagen: "Trotzdem Vorsicht, ich habe noch Vettern aus der Cyberwelt. Ruckzuck liegt auch Ihre Festplatte unter dem Sauerstoffzelt."

bz: Die Wissenschaft bezweifelt, ob Sie überhaupt ein Lebewesen sind.

cv: Ja, weil ich keinen eigenen Stoffwechsel besitze. Aber würden Sie sagen, dass ich nicht existiere? Und ich will ewig weiterexistieren. Deshalb bin ich auf Ihren Stoffwechsel angewiesen.

bz: Und wie kommen Sie da hinein?

cv: Sie reden viel. Also komme ich bei Ihnen über den geöffneten Mund. Bei anderen eben durch die Nase. Dann suche ich mir eine schöne Wirtszelle in Ihrem Rachen aus. In die dringe ich dann ebenfalls ein. Die hilft mir, mich zu vermehren.

bz: Sie müssten uns ja dankbar sein.

cv: Sagen wir so: Ich kann nur in lebenden Organismen existieren. Außerhalb halte ich maximal ein paar Tage aus. Insofern fühle ich mich der Menschheit schon ein wenig verpflichtet. Sonst hätte ich diesem Interview auch nicht zugestimmt.

bz: Warum nisten Sie sich so gern im Nasen-Rachenraum an?

cv: Wissen Sie, das ist nah am Gehirn.

bz: Na und?

cv: Da kriegen wir mit, wie Sie und die anderen denken. Ihr braucht uns nur wieder auszuniesen und schon treffen wir auf Kollegen, die von anderen Menschen ausgeniest werden. Das bringt Schwarmintelligenz - bei uns.

bz: Und, was erfahrt Ihr so über uns Menschen?

cv: Ihr seid ziemlich planlos. Schauen Sie sich nur einmal Ihre Sicherheitsfachmessen an. Alle nur auf den Herbst verschoben. Glaubt Ihr, dass Ihr bis dahin wieder reisen dürft? Dass Ihr jeden Tag eine hübsche neue Maske bekommt? Was schätzen Sie, wie viele Aussteller bis dahin schon pleite sind? Und wie viele Besucher kein Reisegeld mehr bekommen?

bz: Nun mal nicht übertreiben!

cv: Gucken Sie sich auch einmal den Präsidenten aus dem Disneyland an. Dieser Donald reist doch auch nicht mehr jedes Wochenende nach Florida. Seine weiteste Reise ist die auf die Sonnenbank im Keller. Sieht man doch an der zarten Röte seiner jugendlichen Haut. Dabei schwitzt er tolle Ideen aus: Desinfektionsmittel inhalieren oder spritzen, schon ist der Impfstoff da. Und UV-Licht in die Lunge. Nur weil er von seiner Masseuse gehört hat, dass das Legionellen töten kann. Dabei tötet das bevorzugt ganze Legionen, z. B. auf Flugzeugträgern.

bz: Halten Sie sich eigentlich für sozial?

cv: Ich bin sogar sehr sozial. Sehen Sie, ich greife mir vor allem Ihre alten Artgenossen. Die haben sich bereits fortgepflanzt und sind aus biologischer Sicht ohnehin komplett überflüssig. Die steigern auch das Bruttosozialprodukt nicht mehr. Die kosten nur Geld. Wenn ich 50 Prozent Ihrer Alten über 70 Jahre töte, ist die Rente endlich wirklich sicher.

bz: Der letzte Satz kommt mir bekannt vor ...

cv: Sie hatten mal einen Minister, ist gerade verstorben - aber nicht wegen uns Coronas. Der hat übrigens einmal gesagt "Früher sind die Leute mit 40 fröhlich gestorben, heute jammern sie sich bis 80 durch das Leben!"

bz: Sie scheinen unsere Gesellschaft ja genau zu beobachten.

cv: Ja, und zwar genauer als Sie uns. Sie glauben ja nicht, wie viele unterschiedliche Porträtfotos von mir kursieren. Immerhin stellen mich die meisten kugelförmig dar. Aber die Krönchen - bei aller Liebe - da scheint Ihren Photoshopkünstlern die Fantasie durchzugehen. Da ist wirklich alles dabei, von Stalaktiten bis zu warzenähnlichen Corönchen.

bz: Für niederträchtige Gegner wie Sie gibt es eben stets zahlreiche Vorstellungen.

cv: Die Sichtweise, dass ich es niederträchtig auf Sie abgesehen habe, ist typisch menschlich. Dabei trage ich keinerlei Verantwortung für die Folgen meiner Verbreitung. Habe ich etwa Arme oder Beine, Flügel oder Flossen? Ich verfüge über keinerlei Fortbewegungskompetenz. Ich bin einfach nur da. Werde ich in die Luft gehustet, bin ich dem Luftstrom und der Erdanziehungskraft gnadenlos ausgeliefert. Vielmehr sind Sie derjenige, der sich mich einverleibt. Sie sind derjenige, der mich weiterverbreitet. Ich bin doch völlig inaktiv. Ich tue niemandem etwas. Ich kann nur darauf warten, dass sich jemand von Euch meiner erbarmt. Das ist nun mal meine Bestimmung. Ich bin so unschuldig wie eine Jungfrau.

bz: Können Sie sich vorstellen, dass wir Sie letztendlich dennoch ausrotten werden?

cv: Ich rechne fest mit meiner Weiterexistenz. Dafür gibt es einfach zu viele Dumme unter Euch. Jede Dummheit demaskiere ich und strafe sie ab - ob ich will oder nicht. Dann sind die Dummen erst einmal infiziert und ohne Maske tragen sie mich weiter.

bz: Sie unterschätzen unsere Lernfähigkeit. Wir werden einen Impfstoff finden.

cv: Auf Impfstoff warten meine Kollegen von AIDS ja nun schon seit 40 Jahren vergeblich. Außerdem: Ein paar unverbesserliche Impfgegner werden sich immer finden lassen. Herzlichen Dank, Ihr sichert unser Überleben!

bz: Vielen Dank für das Gespräch, Coronavirus. Auf ein "Auf Wiedersehen" verzichte ich an dieser Stelle.

cv: Sei's drum. Bleiben Sie gesund im Rahmen Ihrer Möglichkeiten.

 

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