Trend

Songs rund um Corona.

© Salome - stock.adobe.com

29.4.2020 (bz) – Die Coronakrise animiert Menschen weltweit, entsprechende Songs dazu zu schreiben. Die Qualität reicht von sensationell bis unterirdisch. 

 

 

" ... so froh, dass ich Klavier spielen kann!"

Wäre Corona kein Virus, sondern eine Frau, könnte man derzeit wohl von einer Renaissance des Minnesangs sprechen. Der diente nämlich im 12. und 13. Jahrhundert der Huldigung von Frauen. Für die vielen Songs, in deren Texten das Coronavirus thematisiert gibt, ließ sich jedoch noch keine Stilrichtung finden - außer: Coronasongs. Das sind in der Regel bekannte Hits mit neuen Texten unterlegt, im Grunde also Parodien. Oder aber völlig neue Songs mit neuen Melodien und Texten. Die meisten davon sind - trotz stellenweise hoher Aufrufe im Netz - qualitativ dürftig. Eine Auswahl:

Coronavirus Rhapsody
Die sinfonische Bohemian Rhapsody von Queen ist ein Jahrhundertwerk der Glamrockgeschichte. Dana Jay Bein und Adrian Grimes haben es absolut silbensicher mit neuen Lyrics unterlegt und "Coronavirus Rhapsody" genannt. Und die Lyrics passen meisterhaft auf die im Jahre 1975 veröffentlichte Melodie und Originalinstrumentierung:

Is this a fever
Is this just allergies?
Caught in a lockdown
No escape from the family

Dieser Song erzielte fast fünf Millionen Aufrufe.

 

Corona Lied by Überdeutlich/Vitus
Das Prinzip "bekannter Song mit neuem Text" ist weit verbreitet. Hier ein Beispiel, das allerdings qualitativ in keinster Weise mit Coronavirus Rhapsody mithalten kann. Auf die Melodie von "Hope Jo Anna" (Eddy Grant) legt ein Künstler namens Vitus mit geschrammelten Gitarrenakkorden einen holprigen Text, singt ihn mäßig und pfeift noch schlechter dazu.

 

Corona Oh Na Na (Radio ffn)
"Ein Schmählied an das Virus. Zum Mutmachen, Luftverschaffen, Starkbleiben, Zusammenhalten.", so heißt es auf der Webseite der Radiosenders ffn.

Scheiß Corona Oh Na Na
Das ganze Land steht still
Corona Oh Na Na
Hab keinen Bock auf Quarantäne - nä nä nä
Alle Schulen und Läden leer
Auch Fußball gibt’s nicht mehr
Corona Oh Na Na 

Der Text wird mit rollendem r mit Nordseeakzent auf die Musik von Camila Cabellos Hit "Havana" gesungen. Den Hörern von ffn scheint "Corona Oh Na Na" so gut gefallen zu haben, dass der Sender gleich eine Zugabe hinterher schob.

 

QUARANTÄNE - Stard Ova & Robin Wick
Das Musikduo Los del Río hatte Mitte der 1990er Jahre einen Welthit mit Macarena. Auch dieser Song eignet sich offenbar, neu untertextet zu werden. Beispiel:

Mein Zuhause ist wie ein Lager,
nichts im Kühlschrank, ja das war mal,
Ja, macht doch alle nicht so'n Drama
denn wir ham doch sicher genug alle ??? ein ganzes Jahr da.

Die Sänger springen wild gestikulierend durchs Bild und haben, wie die meisten Hiphopper, nicht das geringste (Sprach-)Gefühl für Reime und Versmaß: Lager reimt sich auf Drama, war mal auf Jahr da. Nun denn. Trotzdem über 600.000 Aufrufe.

 

Helge Schneider (Ohne Titel)
Etwas nicht zu können ... muss man können. Wie Helge Schneider mit seinen Freizeittipps im Stile der Hochkultur des formatfreien Unsinns (auf Facebook, Posting vom 14. März, 15:11 Uhr). Sitzt am Klavier, improvisiert alterierte Akkorde und trägt vor, was man denn in Coronaquarantäne so zum Zeitvertreib tun könnte, z. B.:

Miniatureisenbahn noch mal aufbauen, Rasen mähen, Brot backen lernen, Erste-Hilfe-Kursus noch mal, aber zu Hause, per Internet.

Dann formuliert er eine Erkenntnis, der an Weisheit nichts hinzuzufügen ist:

Mensch, ich bin so froh, dass ich Klavier spielen kann.

Und er beendet seine Kunst mit einem Schniefen:

Huch, meine Nase läuft. Schnell wieder ins Bett!

 

Dumm, dumm (Luiza Martinez)
Luiza Martinez beklagt sich in ihrem Song "Dumm, dumm, der Coronavirus-Song für Dumme 2.0" über Ignoranten ("Grenzdebile"), die die Gefahr der Infektion nicht sehen, gegen die Abstandsregeln verstoßen und dann nach Hause kommen:

"Zurück daheim, und deine Kinder warten
mit Oma im Garten
Deine Frau hält schon den Kuchen bereit
Jetzt unbedingt 'ne Knuddel-Runde starten
mit Oma im Garten
Zum Händewaschen blieb keine Zeit ... " 

Die junge Künstlerin ist eigentlich Fotomodell - dafür singt sie ganz passabel.

 

Living in a Ghost Town (Rolling Stones)
Den Rolling Stones fällt zu Corona nichts Kreatives mehr ein. Sieht man einmal davon ab, dass "You Can't Always Get What You Want" in Coronazeiten natürlich ganz besonders gut passt, präsentierten sich die alten Herren in ihren Wohnzimmern beim Internetevent "One World: Together At Home" wie Plüschkissen. Eine Woche später veröffentlichen sie den ersten neuen Song seit acht Jahren "passend zur Coronakrise" (SPIEGEL Kultur) - und den haben Sie schon vor Monaten geschrieben lange vor Corona. Musikalisch ist der Song "Living in a Ghost Town" auf dem Niveau der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts stehengeblieben. Und auch hier ist es purer Zufall, dass die Lyrics zu Corona passen:

I’m a ghost
Livin’ in a ghost town
I’m goin’ nowhere
Shut up all alone
So much time to lose
Just starin’ at my phone
Every night I am dreamin’ that you’ll come and creep in my bed
Please let this be over, not stuck in a world without end, my friend 

Das kann der deutsche Nachwuchs eindeutig besser:

Machen wir das beste draus (Silbermond)
Das komplette Lied hat Silbermond eigens wegen Corona geschrieben und als Homerecording aufgenommen. Ein ernstes Thema in Worte fassen, ohne allzu sülzig oder kitschig zu werden: Silbermond kann's immer noch. Die Band verspricht, einen möglichen Erlös an die Tafel Deutschland zu spenden:

Seh' vor meinem Fenster
Den März durch Geisterstraßen ziehen
Was soll man machen?
Der Frühling muss halt ohne uns blühen
Und ich denk' grad an letztes Jahr
Du und ich auf der Bank im Park
Bier kalt, dein Kuss war warm

 

Post Scriptum:

Musikalisch ebenso langweilig wie der Song von den Stones wäre die geplante Neuauflage des Songs "We are the World", 1985 komponiert von Michael Jackson und Lionel Richie. Der hätte zwar inhaltlich überhaupt nichts mit Corona zu tun, käme aber immerhin dem Kampf gegen das Coronavirus zugute. Und vielleicht findet sich ja noch ein passender neuer Text ...

 

Kontakt zum Redakteur:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)