Krissenmanagement

Kinder und Corona.

© N. Mellenthin - stock.adobe.com

29.4.2020 (bz) – Die Coronakrise trifft nicht nur die Fußballbundesliga völlig unvorbereitet. Auch den Kinder- und Jugendschutz stellt sie vor riesige Probleme ... noch riesigere!

 

 

"Verantwortungsloses Wegducken"

Wenn Fußballclubs in dieser Saison durch Corona ins Abseits gezwungen werden, ist das sicher beklagenswert und bedeutet einen immensen wirtschaftlichen Schaden. Aber Massenveranstaltungen fördern nun einmal nachweislich die Verbreitung von Coronaviren. Gleiches gilt leider auch für die schutzbedürftigsten Personen in unserer Gesellschaft, nämlich Kinder. Denn gleich mehrere Faktoren sorgen laut Robert Koch-Institut dafür, dass diese "wie bei anderen respiratorisch übertragbaren Erkrankungen – relevant zu einer Verbreitung von COVID-19 beitragen". Auf Fußballspiele(n) kann man zur Not eine Weile verzichten, auf das Wohlergehen von Kindern dagegen nicht. Die Coronakrise stellt sie und ihre Erziehungsberechtigten wie Betreuer vor ganz besondere Herausforderungen, wie die folgenden Fragen zeigen:

Was, wenn Helfer aus Angst vor Ansteckung abtauchen?
Ein bereits Ende März veröffentlichter "Zwischenruf" der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe, AGJ, zeigt, wie sehr auch die Kinder- und Jugendhilfe unter der Coronakrise zu leiden hat. Darin heißt es unter anderem:

Hochalarmiert nimmt die AGJ zudem Berichte wahr, dass sich Fachkräfte wegen fehlender Aufklärung, mangelnder Unterstützung und/oder Sorge vor Ansteckung krankmelden oder freie Träger wegen Überlastung junge Menschen ohne Klärung der Situation zu Hause aus der Betreuung entlassen.

Die AGJ fordert daher mehr Unterstützung, damit sich solche Verzweiflungstaten verhindern lassen.

Wohin mit infizierten Kindern bei Inobhutnahmen?
Einen vergleichbaren Zwischenruf gibt es von den Erziehungshilfefachverbänden. Auch sie vermissen alternative und verlässliche Fachkonzepte, die Beratung, Hilfe und vor allem Schutz der Kinder und Jugendlichen unter Beibehaltung des Kontaktverbots bzw. der Reduzierung der (körperlichen) Sozialkontakte ermöglichen. Sie fordern eine Notbetreuung in Form ambulanter als auch stationärer Hilfen. Und auch hier sieht man das Problem, wie Gesundheitsschutz und Kinder- und Jugendschutz unter einen Hut zu bringen sind: Es müssen z. B. Lösungen gefunden werden, wie infizierte Kinder und ihre Geschwister im Quarantänefall unterzubringen sind - vor allem, wenn es sich um Inobhutnahmen handelt.

Wie und wo können Kinder ihren Bewegungsdrang stillen?
Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert, beim Coronaexit insbesondere Schulen, Kitas und öffentliche Spielplätze in Deutschland baldmöglichst schrittweise wieder zu öffnen. Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen hatten sich schon nach drei Wochen Schulschließung verschlechtert. Die Regelungen zur Pandemieprävention träfen Kinder unverhältnismäßig hart auch in Bezug zur körperlichen Bewegung. Das Kinderhilfswerk gibt Denkanstöße, Spielplätze und Sportanlagen trotz Corona wieder nutzen zu können. So seien auch reglementierte Öffnungen von Zoos oder Sondernutzungszeiten für überfüllte Parkanlagen für Familien mit Kindern denkbar.

Was, wenn außerschulische Kulturanbieter pleite gehen?
Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (BKJ) sieht dagegen die Infrastruktur der kulturellen Bildung im außerschulischen Bereich bedroht. Dazu zählen z. B. Theater spielen, mit der Band Songs schreiben, Breakdance, Ballett oder Jazz-Tanzen, Kinofilme schauen, im Chor singen oder Museen, Konzerte, Festivals besuchen. Die BKJ sieht die Gefahr, dass Kulturakteure bei konkreten Hilfsprogrammen einzelner Ressorts und Förderebenen des Bundes aus dem Blickfeld geraten und aus dem Raster der Zuständigkeiten fallen.

Wie kann man Kinder unter Kontaktverbot bei sexuellem Missbrauch helfen?
Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, äußerte sich erneut besorgt über mögliche Folgen der im Zuge der Corona-Krise notwendigen und einzuhaltenden Kontaktverbote: "Für Kinder und Jugendliche, die sexuellem Missbrauch in der Familie ausgesetzt sind, können die aktuellen Einschränkungen bedeuten, dass Täter und Täterinnen noch unbemerkter vom sozialen Umfeld sexuelle Gewalt ausüben können." Er sieht Szenarien, "in denen Mädchen und Jungen ohne Aussicht auf Hilfe über einen nicht absehbaren Zeitraum Gewalt ausgeliefert sind." Er ruft daher Therapeut*innen und Psycholog*innen dazu auf, Sitzungen per Video oder Telefon anzubieten.

Medizinische Kinderschutzhotline
(Beratungsangebot für Angehörige der Heilberufe)
0800 19 210 00

Hilfetelefon sexueller Missbrauch
(Beratungsangebot für betroffene Kinder und auch Erwachsene)
0800 2255530 (kostenfrei und anonym)
https://nina-info.de/save-me-online// 

berta-Telefon
(Beratung für betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt)
0800 30 50 750 (kostenfrei und anonym)
https://nina-info.de/hilfetelefon.html

Informationen speziell zur institutionellen Kinder- und Jugendhilfe unter:
www.jugendhilfeportal.de
www.forum-transfer.de
www.dji.de

 

Kontakt zum Redakteur:
bz@sicherheits-berater.de (Bernd Zimmermann)